Stand: 18.03.2018 12:04 Uhr

"Panikherz": Neblig, bunt und laut

von Daniel Kaiser

Das Publikum im Hamburger Thalia Theater hat die Premiere des Stücks "Panikherz" mit starkem Beifall und Bravo-Rufen aufgenommen. Es ist die Bühnenversion des Bestsellers von Benjamin von Stuckrad-Barre, in dem er seinen eigenen Aufstieg als Autor und seine Lebenskrise mit Drogensucht und Essstörungen beschreibt. Regisseur Christopher Rüping inszeniert den dreistündigen Abend mit viel Musik, Video-Effekten und einem Udo-Lindenberg-Double.

Von wegen "Mehr Licht!". "Mehr Nebel" ist das Motto. Ständig wabern graue Schwaden über die Bühne. Sogar mehrere transportable Nebelmaschinen sind im Einsatz. In Rüpings Inszenierung steht der Effekt im Vordergrund. Immer wummert irgendwo ein Beat, liegt ein Musikbett unter den Texten. Von Stuckrad-Barres Krise wird zum Soundtrack. Rüping zeigt Drogenrausch, wie man ihn sich so vorstellt: Discoblitze zucken, aus den Lautsprechern donnern Bässe, und im Nebel tanzt ein halbnackter Mann bis zur Erschöpfung.

Panikherz-Premiere am Thalia Theater.

Großes Theater: "Panikherz" am Thalia

Hamburg Journal -

Mit großem Applaus hat das Publikum die Premiere von "Panikherz" am Thalia Theater bedacht. Die Bühnenversion von Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie ist großes Theater.

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Nah am Text des Romans von von Stuckrad-Barre

"Panikherz" ist von Stuckrad-Barres Lebensbeichte. Er erzählt von seiner Kindheit in der niedersächsischen Provinz, der Jugend in Göttingen und dem Erwachsenwerden in Hamburg - von Karriere, Ruhm, Drogen und Magersucht. Der Theaterabend bleibt nah, sehr nah an von Stuckrad-Barres Text. So nah, dass sich immer wieder der Eindruck eines bebilderten Hörspiels aufdrängt. Rüping versucht, den Gedanken an eine Action-Lesung zu zerstreuen, indem er mehrere Von-Stuckrad-Barre-Darsteller auf der Bühne stehen und spielen lässt. An einer Stelle kann man gleichzeitig sieben zählen. Neben Sebastian Zimmler, der in einem weißen Anzug den geschmeidigen L.A.-Erzähler unter Zitronenbäumen gibt, stellt der junge Pascal Houdus, der die von einer Seite in einem Biologiebuch ausgelöste pubertäre Sexfantasie wie eine Comicfigur nach. Ach ja, ein Udo-Lindenberg-Double wandert auch über die Bühne.

Absturz von Wolke sieben

Ein besonderer Coup ist aber die Wolke: Nebelmaschinen pusten minutenlang Schwaden von links und rechts auf die Bühne. Auf diese Wolke wird die Folge der Sendung "Zimmer frei" projiziert, in der von Stuckrad-Barre auf dem Höhepunkt seines Erfolges - aber schon gezeichnet von Bulimie - zu Gast ist, einen Udo-Song singt und in der Moderator Götz Alsmann auf die Frage, was aus einem so Überbegabten werden wird, antwortet: ein Weltstar oder ein Drogenabhängiger. Wie dann die Stuckrad-Barre-Darsteller auf der Bühne in dieser Wolke verschwinden, ist ein dichter, aufregender Moment. Immer wieder wird das Faust-Zitat "Verweile doch! Du bist so schön!" als grelle Reeperbahn-Leuchtschrift aus dem Bühnenhimmel herabgesenkt, um auch mal klarzumachen, in welcher Liga das alles hier spielt.

Abrechnung mit der Spießigkeit

Doch den stärksten Szenenapplaus gibt es abseits des Bühnengebrimmsels bezeichnenderweise für einen nackten Text, nämlich den Monolog, in dem Zimmler als Stuckrad-Barre auf die Einladung zu einem Klassentreffen reagiert und sich an den Lebensentwürfen der anderen abarbeitet - an ihren Wortspielen und an ihrem Häuschen im Grünen. Eine Suada gegen die vermeintliche Spießigkeit. Messerscharf. Zynisch. Da ist Stuckrad-Barre auf Betriebstemperatur. Genau der, der noch in den Drogen-Trümmern seiner Existenz die anderen mit dem kleinen Glück verlacht, Songtexte von Udo Lindenberg wie fettgedruckte Bibelverse zitiert und dessen Motto "Keine Panik!" zur Weltformel stilisiert. In diesem Moment zeigt sich: Stuckrad-Barres Text ist stärker, als er auf der Bühne je werden kann.

Monologe am Pool

Nach dem ereignisreichen ersten Teil fällt der Schluss nach der Pause komplett ab. An dem konstruierten Ende krankt auch das Buch. Goldregen fällt vom Bühnenhimmel auf das vermeintliche Paradies in Kalifornien. Zimmler holt sich zwei junge Frauen aus dem Publikum als Interviewpartner auf die Bühne, um unter Zitronenbäumen am Pool über den von ihm verehrten Autor Bret Easton Ellis zu monologisieren. Monologe kann Stuckrad-Barre. Dem im Stück mehrfach aufblitzenden Vorwurf seiner Pfarrhaus-Eltern, was ihn beschäftige, sei alles nur oberflächlich und aufs Äußere fixiert, haben Stuckrad-Barre und letztlich Rüping nichts außer einer Gefühligkeit und einem Soundtrack entgegenzusetzen. Wie das Buch auf den letzten Seiten will auch das Stück kein Ende nehmen. "Ich kann nicht aufhören", sagt Zimmler folgerichtig. Der Theaterabend ist bunt, laut und oft unterhaltsam. Aber wirklich: eine Stunde zu lang.

Von einem, der auszog in die Welt der Popkultur

"Panikherz": Neblig, bunt und laut

Discoblitze, donnernde Bässe und ein im Nebel tanzender halbnackter Mann: Die effektvolle Inszenierung von "Panikherz" im Hamburger Thalia Theater lässt das Publikum applaudieren.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Thalia Theater, Großes Haus
Alstertor
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 32814-444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
Preis:
Von 15 bis 74 Euro
Öffnungszeiten:
Kartenkasse:
Mo bis Sonnabend 10 - 19 Uhr
Sonntag und Feiertage 16 - 18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 18.03.2018 | 19:30 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Panikherz-am-Thalia-Theater-Hamburg,panikherz104.html

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