Eine Frau steht in einer Buchhandlung und betrachtet Bücher © picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann Foto: Frank Hoermann

Pandemie und Krieg: Über die Lage der Literatur in Krisenzeiten

Stand: 21.04.2022 19:27 Uhr

Bereits seit zwei Jahren ist die Corona-Krise virulent, hinzu kommt der Krieg in der Ukraine. Wie stark beeinflussen diese Ereignisse unsere Sehnsucht nach Kultur? Ein Blick auf die Literatur mit Jürgen Deppe aus der NDR Kultur Literaturredaktion.

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Wie reagiert die Literatur auf diese Themen?

Jürgen Deppe: Zurückhaltend - aber das liegt auch in der Natur der Sache. Gute Bücher brauchen einfach ihre Zeit. Schlechte Bücher oder zumindest schlechte Manuskripte hat es zu Beginn der Pandemie gegeben, damit sind die Verlage regelrecht überflutet worden. Das waren Krimi-Entwürfe über Virus-Pandemien oder Bücher über Lockdown-Erfahrungen, Befindlichkeitsliteratur. Das wollte man alles nicht lesen und das ist zum Glück auch nie zwischen zwei Buchdeckel gedruckt worden.

Jetzt, nach zwei Jahren, kommt es ganz allmählich auch in der etwas besseren, etwas anspruchsvolleren Literatur an. Nehmen wir zum Beispiel Juli Zeh: In ihrem aktuellen Roman "Über Menschen" beschreibt sie eine Frau, die aus einer Stadt kommt, in der eindeutig eine Pandemie-Situation herrscht. Das ist da aber alles noch Kulisse und Auslöser, aber nicht wirklich das zentrale Thema. Das könnte sich jetzt im Sommer ändern. Da kommt der neue Roman von Christoph Peters, "Der Sandkasten". Christoph Peters ist kein ganz Unbedeutender in der deutschsprachigen Literatur. In seinem Roman geht es um einen Radiomoderator, der immer mehr an den staatlichen Corona-Maßnahmen zu zweifeln beginnt, der längst noch nicht ins Lager der Verschwörungstheoretiker überläuft, aber da mittendrin steht. Das könnte ziemlich spannend werden.

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Wie ist es denn mit dem Lesepublikum? Erwartet das nicht von der Literatur Antworten auf die drängenden Fragen oder zumindest ein bisschen Trost und Beistand in harten Zeiten?

Deppe: Ja, durchaus. Da werden viele Buchhändlerinnen und Buchhändler auch einschlägige Erfahrungen gemacht haben - aber eben nicht mit diesen billigen Schnellschüssen. Im Rowohlt-Verlag dürfte man sich Anfang 2020 ziemlich die Augen gerieben haben: Da ist nämlich ein 75 Jahre altes Buch plötzlich zum Bestseller avanciert: "Die Pest" von Albert Camus. Und da hat man Parallelen gesehen: die aktuelle Seuchensituation und die Seuchensituation, wie Albert Camus sie beschreibt. Auch das, was diese Extremsituation mit Menschen macht. Das war hoch spannend.

Aber wenn man Antworten sucht, findet man sie in erster Linie ohnehin in Sachbüchern. Die waren mit Beginn der Pandemie auch alle sehr schnell da. Da wurde uns erklärt, was eigentlich der Unterschied zwischen Pandemie und Epidemie ist, zwischen Virus und Bakterium et cetera. Das ist heute natürlich viel besser und sehr viel fundierter geworden.

Im literarischen Leben findet aber sowieso relativ viel auch außerhalb der Buchdeckel statt: Auf Podien, sofern sie denn stattfinden konnten, wurde heftig diskutiert. Und wenn man mal unterstellt, dass Menschen, die schreiben, auch Menschen sind, die denken können, dann sind das oft sehr fundierte Diskussionen. Man nehme beispielsweise die aktuelle Diskussion rund um den PEN-Vorsitzenden Deniz Yücel und dessen Position zum Ukraine-Krieg. Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk wird Ende kommender Woche auf den Usedomer Literaturtagen lesen. Das sind zwar keine aktuellen Bücher, aber da wird sich mit der aktuellen Situation auf Podien auseinandergesetzt. Und das ist etwas, was Menschen im Moment sehr stark interessiert.

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Bücher können aber trotzdem auch ein perfektes Mittel sein, um genau von diesen Krisen, von diesen Themen abzulenken - Stichwort Eskapismus. Ist da gerade eine größere Nachfrage zu bemerken?

Deppe: Nicht wirklich. Ich habe mich ein bisschen bei Verlagen oder auch in den Buchhandlungen umgehört. So etwas wie Fantasy geht seit Jahren wie geschnitten Brot, überhaupt jede Art von Unterhaltung ist immer sehr gefragt. Aber das ist jetzt nicht stärker, als es vorher war. Der Stellenwert von Literatur ist ein ganz großer - das hat sich jetzt wieder herausgestellt. Denn im Lockdown, als die Buchhandlungen geschlossen sein mussten oder nur teilweise geöffnet hatten, war die Nachfrage nach Literatur sehr groß. Die ganze Buchbranche, ob das der Buchhandel ist oder die Verlage, hat unter der Situation wirtschaftlich verhältnismäßig wenig gelitten. Mit dem großen Corona-Roman ist es wahrscheinlich wie mit dem großen Wende-Roman: Da muss sehr, sehr viel Wasser den Rhein herunterfließen, bis der mal gekommen ist.

Das Interview führte Eva Schramm.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.04.2022 | 16:00 Uhr