Szene aus dem Theaterstück "Rübermachen". © Nadja Häupl Foto: Nadja Häupl

Online-Premiere am Lichthof Theater: "Rübermachen"

Stand: 14.11.2020 08:09 Uhr

Anlässlich von 30 Jahre Deutsche Einheit haben zwei Theatergruppen aus Hamburg und aus Halle (Saale) ihr ganz eigenes Einheits-Denkmal entwickelt: "Rübermachen."

von Peter Helling

Im Lichthof Theater in Bahrenfeld feierte am Freitag der Hamburger Teil des Projekts seine Premiere - als Livestream, für den sich die Zuschauer im Internet anmelden können. Weitere Streams sind am Sonnabend und Sonntag geplant.

Auf der Suche nach dem Einheits-Geheimnis

Seltene Fledermäuse verzögern den Bau der "Einheitswippe" - des Freiheits- und Einheits-Denkmals - in Berlin? Für Regisseurin Meera Theunert war das die Steilvorlage für ihr Stück. "Als ich das erfahren habe, dachte ich, 'wow, krass, das wurde über zwölf Jahre nicht gebaut, weil da Fledermäuse im Sockel wohnen. Eine bessere Vorlage kann man gar nicht bekommen, wenn man ein Stück über die deutsche Einheit machen soll!'" Beim Stück "Rübermachen" sind sie die Fledermäuser: Drei Rübermacher und Rübermacherinnen stürmen auf die Bühne des Lichthof Theaters. Einer schwenkt eine deutsche Fahne, mit Loch in der Mitte, da, wo einmal Hammer und Sichel prangten. Sie stellen sich in Pose, ein Föhn lässt die Fahne hübsch pathetisch flattern, eine pustet etwas schräg die deutsche Hymne in ihre Flöte. Könnte es so aussehen, das perfekte Denkmal der Einheit? Wohl kaum. Zusammen macht sich die neunköpfige Gruppe auf die Suche nach dem Geheimnis gelungener Einheit.

Rübergemacht, um zuzuhören

Rübermachen: Das Wort haben sie wörtlich genommen: Neun Bürger und Bürgerinnen aus Halle, neun aus Hamburg haben vor genau einem Jahr in die jeweils andere Stadt "rübergemacht", um zuzuhören, voneinander zu lernen, ins Gespräch zu kommen. In zwei interkulturellen Workshops. "Wir kamen natürlich ganz gespannt dort an, ich wusste auch gar nicht, was genau auf mich zu kommt", erinnert sich Teilnehmerin Ulrike van der Ven aus Hamburg. "Dann war aber der Empfang so freundlich, sie haben etwas Typisches für uns gekocht, es wurden Geschichten erzählt", sagt sie. Auf diese Weise habe man sich zu dem einen oder anderen hingezogen gefühlt, habe sich unterhalten und ausgetauscht - und sei berührt gewesen.

Wie war das Leben in Ost und West?

Wie war das eigentlich, vor 1990 in der DDR zu leben? Wie fühlte sich das Leben in Hamburg vor der Wende an? Drei Tage dauerte jeder Workshop, und plötzlich kamen Antworten, Erkenntnisse und neue Sichtweisen. Björn Jensen aus Hamburg wollte unbedingt bei dem Projekt mitmachen. Eine Erfahrung aus Halle ist ihm besonders hängen geblieben. "Ich bin schon früh politisch aktiv gewesen und habe mir hier schon früh anhören müssen, 'ja, wenn's dir hier nicht passt, dann geh' doch nach drüben.' Das Erstaunliche war, dass man das denen drüben auch gesagt hat", sagt er und lacht: "Es war für die natürlich längst nicht so einfach."

Erkenntnisse für die eigene Geschichte

Ulrike van der Ven nennt sich selbst ein Zonenrandgebiets-Kind. Sie sagt, dies hier sei auch ihre Geschichte. Beim Workshop in Halle lernte sie Thomas kennen, der in der DDR als Soldat gedient hat. Mit ihm kam sie ins Gespräch und erfuhr darüber etwas über ihren eigenen Vater, der ebenfalls Soldat gewesen war.

Ein Teilnehmer brachte sein Pioniertagebuch mit, ein anderer schmiedete Schwerter zu Pflugscharen, machte also bei der DDR-Friedensbewegung mit. Geschichte hautnah. Das Besondere: Die Erfahrungen der Gruppe aus Halle werden in Hamburg erzählt, die aus Hamburg in Halle. Ein Geschichten-Tausch. "Da haben sich auf jeden Fall unterschiedliche Standpunkte heraus kristallisiert", erzählt Meera Theunert. Diese Standpunkte sollten nun nicht angeglichen werden - das Ziel sei eben nicht, die Unterschiede zu vergessen.

Sich gegenseitig eine Stimme geben

Die störrischen Fledermäuse unter der Einheitswippe: Sie sind das perfekte Symbol für diese beiden Bürger-Ensembles aus Halle und aus Hamburg, sie geben sich gegenseitig eine Stimme. Das könnte das eigentliche Denkmal zur Einheit werden, ganz ohne Wippe.

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Online-Premiere am Lichthof Theater: "Rübermachen"

30 Jahre nach der Wiedervereinigung entwickelten zwei Theatergruppen aus Hamburg und Halle ein Stück über die Einheit.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
LICHTHOF Theater
Mendelssohnstraße 15 B
22761Hamburg
Preis:
5 Euro
Kartenverkauf:
Online über https://lichthof-theater.reservix.de/events
Besonderheit:
15.11.2020, 18:00 | Stream und Publikumsgespräch (19:30 Uhr)
Hinweis:
"Rübermachen"
Das Stück als Online-Stream
Bürger*innenbühne am LICHTHOF Theater
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 12.11.2020 | 19:00 Uhr