Stand: 14.05.2018 08:10 Uhr

Musikalische Betrachtungen zum Abstieg des HSV

von Ludwig Hartmann
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Als bekennder HSV-Anhänger fragt sich Ludwig Hartmann, ob Mozart den Verein vorm Abstieg hätte bewahren können.

"Wer Mozart hört, spielt besser Fußball", verriet Trainerlegende Giovanni Trapattoni vor zehn Jahren gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Aber Fußballspieler seien ja Kulturbanausen, hörten leider keine klassische Musik und läsen kaum ein Buch, sondern meist nur den "Kicker", da sie dort nachlesen könnten, wie sie gespielt hätten und wer schlechter war als sie selbst. Starke Worte von dem Mann, dessen Wutausbruch - "Was erlauben Strunz" - in die Sportgeschichte einging und der Fußball schon mal mit einer Fuge von Johann Sebastian Bach verglich.

Hätte Mozart helfen können?

Wenn Spieler und Verantwortliche des Hamburger Sportvereins - wo sie denn schon mutmaßlich ohne Klassik und ohne Bücher durchs Rautenleben stocherten - wenn diese Herrschaften doch am 9. Juni 2008 wenigstens eine Zeitung, die FAZ nämlich, in die Hand genommen hätten. Sie hätten diese Worte des Giovanni Trapattoni lesen können. Und wir HSV-Anhänger und HSV-Mitglieder (beides trifft auch für den Autor dieser Zeilen zu, deshalb das bekennende "wir"), also, wir trauerten wohl heute nicht über den Abstieg und 55 Jahren hanseatischer Erstligazeit hinterher, sondern tummelten uns auf großer europäischer Fußballbühne. Wahrscheinlich zumindest.

Vielleicht hätte es geklappt. Mit täglich 15 Minuten Mozart-Hören in der Kabine. Nur 15 Minuten. Und wenn ich mir nun die erschreckten Mienen der Spieler vorstelle, sei daran erinnert, dass Mozart-Hören wohl auch nicht viel schlimmer gewesen wäre als die berüchtigten Medizinball-Torturen eines Felix Magath. Hätte, wäre, wenn und aber.

Hoffnung, dass nun alles besser wird

Nun aber ist es passiert. Nun ist er also mal weg. Der Dino. Die Raute. Er habe nicht gedacht, dass das zu seinen Lebzeiten passieren würde, meinte HSV-Urgestein Uwe Seeler. Und genau das Gefühl hatten viele. "Immer erste Liga - HSV", sang es Spiel für Spiel aus der Kurve im Volkspark. Seit schieren Ewigkeiten. Ist nicht von Mozart, aber auch 'n schönes Lied.

Und wie geht's nun weiter? Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es bekanntlich. Eine Hoffnung ist jetzt dahin, aber eine neue ist ja frisch geboren. Die Hoffnung nämlich, dass es beim HSV endlich wirklich besser wird. Dass keine Millionen mehr verbrannt werden, dass auch mittel- und langfristig geplant wird, dass viele Nichtgefragte im und um den Verein einfach mal die Klappe halten, dass Eitelkeiten und Intrigen beim HSV Dinge von gestern sein werden, dass ein paar der sehr entwicklungsfähigen Spieler allen Versuchungen widerstehen, sich jetzt vom Acker zu machen und sie das - hoffentlich nur - eine Jahr in der zweiten Liga aushalten werden, dass zügig aber mit Ruhe eine neue operative Vereinsführung gefunden wird, dass der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Hoffmann den neuen Vorstand dann auch in Ruhe arbeiten lassen wird und dass vor allem der Trainer, Christian Titz - in vielerlei Hinsicht ein Glücksgriff, wie es scheint - in Ruhe und ohne unnötigen Druck weiterarbeiten kann.

"HSV-Kultur" wiederbeleben

Auch, wenn mal ein paar Spiele am Stück verloren gehen. Eine "HSV-Kultur" müsse man leben, hatte der ehemalige Sportchef und Vorsitzende Dietmar Beiersdorfer wieder und wieder betont. Richtig. Und der HSV ist ein wichtiges Stück Hamburg und durchaus auch der Hamburger Lebenskultur. Und wenn diese denn wirklich einmal im positiven Sinne gelebt werden würde, so kämen die Spieler vielleicht sogar um den von Giovanni Trapattoni angedrohten Mozart herum. Fußball und Musik? Ein Vergleich zu Konzertgängen kam mir - für 50 Euro Eintritt im Stadion frierend - bei so manchem Spiel in den vergangenen Jahren wieder und wieder in den Sinn: Es war beim HSV, als ob man ins Konzert ginge, dort aber anstatt der angekündigten Werke nur Tonleitern gespielt würden. Und die auch noch verdammt unsauber.

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