Stand: 07.01.2019 18:23 Uhr

40 Jahre "Holocaust"-Serie: immense Bedeutung

Vor genau 40 Jahren wurde in der ARD zum ersten Mal der US-amerikanische Fernseh-Vierteiler "Holocaust" ausgestrahlt. Er erzählt die Geschichte der fiktiven jüdischen Familie Weiß im Berlin des Nationalsozialismus und sorgte seinerzeit für viel Aufsehen. Nun wird "Holocaust" in mehreren dritten Programmen wiederholt. Ein Gespräch mit der Historikerin Miriam Rürup.

Frau Rürup, der deutschen Erstausstrahlung von "Holocaust" 1979 wird eine ungeheure Bedeutung beigemessen - wie kommt das?

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Miriam Rürup ist Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.

Miriam Rürup: Allein zahlenmäßig ist die Bedeutung schon immens: Man geht davon aus, dass ungefähr jeder zweite Bundesbürger diese Serie gesehen hat oder zumindest eine Folge davon. Das wirklich Beeindruckende aber war, wie diese vierteilige Serie, die im Konzept einer Seifenoper aufgezogen war, inhaltlich aufgenommen wurde. Es beginnt mit einer Hochzeit, also ganz klassisch, und dann wird man in die Zeitgeschichte hineingezogen. 1979 ist der Krieg noch nicht so lange her - er ist aber lange genug her, als dass es eine nächste Generation gibt, die ihre Eltern befragt: Wo seid ihr damals gewesen? Habt ihr mit euren Eltern gesprochen? Was ist da passiert? Wieso haben wir davon noch nichts gehört? Das heißt, auch innerfamiliär kann diese Serie ausgelöst haben, dass man sich erstmals damit befasst hat, was eigentlich im Nationalsozialismus passiert ist. Außer dass es einen Krieg gab und dass es die deutsche Vertreibung gab - weil das die zwei Dinge sind, über die 1979 in der deutschen Gesellschaft schon zur Genüge gesprochen wurde.

Warum nur das? Zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung waren mehr als 30 Jahren seit Beendigung des realen Holocaust vergangen. Auch 1968, was in der Bundesrepublik für eine gewisse Bewegung gesorgt hat, war da schon mehr als zehn Jahre her. Man hätte also auch ein neues historisches Bewusstsein unterstellen können. Trotzdem bedurfte es einer US-amerikanischen Fernsehserie, um den Deutschen zu zeigen, wie schlecht sie gewesen waren.

Rürup: Vielleicht mussten nicht unbedingt US-Amerikaner kommen und den Deutschen das zeigen. Sondern diese Geschichte in diese Art Medium zu fassen und sich daranzuwagen, eine Serie daraus zu machen, die Spielfilmcharakter hat, die mehr fiktionale Elemente hat als authentische - das musste aus dem Ausland kommen. Das war noch nicht unbedingt denkbar, dass so etwas in Deutschland gedreht würde. Es gab deutsche Produktionen, die aber eher dokumentarische waren. Aber die hatten den spröden Charakter einer Geschichtsstunde.

Es hat seinerzeit viel Kritik gehagelt. Der Schriftsteller Elie Wiesel hat die Serie als eine "Seifenoper" mit kommerziellem Hintergrund bezeichnet und als eine "Beleidigung für die, die umkamen und für die, die überlebten". Wie sehen Sie das heute aus der historischen Distanz?

Rürup: Ich kann diese Reaktion verstehen, weil sie von jemandem kommt, der das selbst erlebt hat, und der es auch erlebt hat, dass - auf wissenschaftlicher Ebene - die Stimmen der Opfer nicht gehört wurden, dass es noch 1979 schwierig war, aus jüdischer Perspektive eine Geschichte des Nationalsozialismus zu schreiben. Denn zumindest innerhalb der deutschen Zeitgeschichte herrschte die Haltung vor, dass zu starke Opferverbundenheit, zu starke Gefühligkeit einen wissenschaftlichen kühlen Blick verhindern könnte. Insofern kann ich die erste Reaktion eines jüdischen Betroffenen verstehen, sich darüber zu empören, dass man so eine fiktionale Herangehensweise gefunden hat, um sich gesamtgesellschaftlich damit auseinanderzusetzen, was im Nationalsozialismus passiert ist und wie es dazu kommen konnte.

Seinerzeit wurde diese Emotionalisierung bemängelt. Heute, im Jahr 2019, ist es eigentlich zu einer Art Gütesiegel geworden, historische Fakten so zu emotionalisieren, dass man damit viele Menschen erreichen kann. Ist das aus Sicht einer Historikerin ein richtiger Weg?

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Rürup: Für mich als Historikerin ist das nicht pauschal zu beantworten. Das hängt davon ab, was ich herstelle. Wenn ich ein wissenschaftliches Buch schreibe, was nicht ein Roman ist, dann ist eine versuchte Distanz zu dem, was man untersucht, durchaus von Nutzen. Aber wenn wir uns Medien wie Filme oder Hörspiele anschauen, dann spielt, allein durch das Sinnliche eines solchen Mediums, das Gefühl eine stärkere Rolle. Dann finde ich es durchaus legitim, Gefühle mit ins Spiel zu bringen.

Wir haben es heutzutage wieder mit einer grassierenden Leugnung oder mindestens mit einer Relativierung des Holocaust zu tun. So sagte etwa der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland im vergangenen Juni: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1.000-jährigen Geschichte." Kann eine Wiederholung der TV-Serie "Holocaust" diesem Denken ein bisschen Paroli bieten?

Rürup: Ich fürchte, dass das eine Hoffnung ist, die sich aus der Hilflosigkeit speist, dass wir als Gesellschaft gerade nicht wissen, wie uns da eigentlich geschieht und wie wir dem Hass, der Respektlosigkeit, der Intoleranz, die sich allerorten zeigen, Einhalt gebieten können. Wenn wir Alexander Gauland mit seinen Kameraden und Kameradinnen zwingen würden, sich alle vier Teile anzusehen, dann wäre das eine ähnliche Annahme wie die, zu denken, dass Neonazis oder Altnazis geläutert aus Gedenkstätten herauskommen würden. So funktioniert das aber nicht. Man braucht ein bestimmtes Maß an Empathie und ein großes Maß an Wissen, und da ist so eine Serie im Vorteil. Insofern finde ich es gut, die noch einmal auszustrahlen, weil sie es zumindest schaffen kann, dass diese Empathie hergestellt wird. Aber das Problem wird sein, dass Gauland und Co. die Empathie möglicherweise fehlt, um sich überhaupt in so etwas hineinzudenken. Der nächste Schritt wäre, dass aus dieser Empathie ein Interesse an Wissen entstehen muss - und dieses Wissen liefert der Film nicht. Dieses Wissen liefern Geschichtsbücher, Dokumentationen, Ausstellungen. Und das wird man sich nur aneignen, wenn man daran interessiert ist.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Miriam Rürup © Peter Garten Foto: Peter Garten

40 Jahre "Holocaust"-Serie: immense Bedeutung

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NDR Kultur | Journal | 07.01.2019 | 19:00 Uhr

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