Heike Behrend © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen

Heike Behrend über ihr Buch "Menschwerdung eines Affen"

Stand: 15.06.2021 15:37 Uhr

Für ihr Sachbuch "Menschwerdung eines Affen" ist Heike Behrend mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Im Interview spricht die Ethnologin über Afrika und den Kolonialismus.

Heike Behrend © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen
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Frau Behrendt, der Titel Ihres Buches ist erstaunlich: "Menschwerdung eines Affen". Denn der "Affe" sind Sie, richtig?

Heike Behrend: Ja, der "Affe" bin ich tatsächlich. Bei meiner ersten Feldforschung, die ich 1978 in den Tugen-Bergen im Nordwesten Kenias begonnen habe, habe ich mehr oder weniger zufällig in Erfahrung bringen können, dass ich "Affe" genannt wurde. Dieser Name war keine Schmeichelei, sondern eher das Gegenteil. Es war ein Name, der mir gegeben wurde, weil ich wie ein wildes Wesen, nicht sozialisiert, mich unmöglich benehmend und die Höflichkeitsregeln nicht kennend verhalten habe.

Aber damit nicht genug. Tatsächlich stellte sich dann auch noch heraus, dass im kolonialen Kontext die Bewohner der Tugen-Berge sehr wohl mitbekommen haben, dass Europäer sie diskriminierend als "Affen" bezeichnet haben. Gerade dann, als sie sich modernisiert haben, also westliche Kleidung trugen. Darauf habe die Bewohner der Tugen-Berge auch reagiert, indem sie dann den "Affen" als diskriminierende Figur an mich zurückgegeben haben.

Als Ethnologin hat Sie interessiert, wie man auf Sie reagiert, wie sich Menschen Ihnen gegenüber verhalten. Diese verschiedenen Perspektiven - bekannte Muster einfach umgedreht - das haben Sie während Ihrer Forschungsaufenthalte immer wieder erlebt. Warum wird das in Ihrem Buch zum roten Faden?

Cover von Heike Behrends Buch "Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnologischen Forschung". © Matthes & Seitz
"Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnologischen Forschung" ist bei Matthes & Seitz erschienen und kostet 25,00 Euro.

Behrend: Eine ethnografische Tradition des inversen Blicks, also der der Umkehrung der Perspektive, beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Julius Lips, Michel Leiris, Fritz Kramer und Michael Harbsmeier stehen da als Vertreter. Alle diese Ethnologen haben versucht, die Position auszutauschen, also: sich nicht als Beobachter ins Zentrum zu stellen, sondern die Sichtweise umzukehren und sich zum Beobachteten zu machen. Sie haben sich zum Objekt der Ethnografie der anderen gemacht. An diese Tradition habe ich angeknüpft, in der Hoffnung, dass dadurch eine Dezentrierung der europäischen Sichtweise stattfindet und selbstverständlich auch eine Kritik an europäischen Kategorien, die zur Fremdbeschreibung benutzt worden sind. Und dass das Ganze zu einer Art von Erschütterung des eigenen Selbstverständnisses führt.

Ihr erster Einsatz war 1978. In dieser Zeit entwickelte sich Ihr Fach von der sogenannten "Rettungsethnologie" hin zum heutigen postkolonialen Diskurs. Wie sehen Sie heute Ihre Zeit in den 70er-Jahren? Wie haben Sie damals im Nordwesten von Kenia gelebt?

Behrend: Ich hatte mich entschlossen, Ethnologie aus einer gewissen Abenteuerlust heraus zu studieren, aber vor allen Dingen deshalb - ich gehörte zur 68er-Generation -, weil wir hofften, zum Beispiel in Afrika, Gesellschaftsmodelle zu finden, die eine Alternative zu den eigenen Verhältnissen bieten würden. Auch hier gibt es wieder den Wunsch, mithilfe anderer Kulturen die eigenen Verhältnisse zu kritisieren und hoffnungsfroh vielleicht auch zu verändern.

Es war auch kein Zufall, dass ich mir eine akephale Gesellschaft für die erste Feldforschung ausgesucht habe. Akephal heißt ohne Kopf - es war also eine Gesellschaft, die nicht zentral organisiert war, die keinen Staat hatte, sondern es gab einen Ältestenrat, der für die Belange und die Politik zuständig war. Im Ältestenrat waren alte Männer und alte Frauen, die gleichberechtigt waren. In Ritualen waren Frauen sogar wichtiger als Männer.

Ich war auf der Suche nach diesen alternativen Formen, und es gab damals eine Hoffnung auf Verbesserung der Verhältnisse, auf Modernisierung für alle und mehr Gleichheit. Wie sich später herausgestellt hat, war dem leider überhaupt nicht so, und die Verhältnisse haben sich dann massiv verändert. Das beschreibe ich in meinem Buch.

Der Zufall wollte es, dass Sie in Uganda eine interessierte Leserin gefunden haben. Das war ganz wichtig für Ihre Blickrichtung, vielleicht auch für den Wechsel Ihrer Blickrichtung. Mögen Sie davon noch kurz erzählen?

Behrend: Ich hatte das große Glück, dass eine Schriftstellerin in Uganda auf mein Buch über eine Prophetin zurückgegriffen und daraus einen Roman gemacht hat. Das scheint mir für die verflochtenen Welten, in denen wir uns jetzt bewegen, wo die eine Geschichte immer schon die Version einer Transformation einer anderen Geschichte ist, eine mögliche Sichtweise zu sein.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.06.2021 | 18:00 Uhr

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