Stand: 09.07.2020 17:26 Uhr

Menasses "Die Hauptstadt": Premiere in Göttingen

von Irene zu Dohna

Mitte März mussten die Theater in Norddeutschland pandemiebedingt ihre Pforten schließen. Nun darf wieder, unter strengen Hygiene-Auflagen, in den Theaterhäusern gespielt werden. Auch das Deutsche Theater Göttingen wagt einen weiteren Schritt Richtung Normalität. Hier feiert am Freitag das Stück "Die Hauptstadt" Premiere im großen Saal. Vieles wird jedoch anders sein als bei vorherigen Premieren.

Szenenbild von "Die Hauptstadt" auf der Bühne vom Deutschen Theater in Göttingen: Fünf Darsteller stehen und liegen auf der Bühne, von denen zwei als das Corona-Virus verkleidet sind. © Deutsches Theater Göttingen Foto: Axel J. Scherer
Judith Strößenreuter und Felicitas Madl verkörpern das Coronavirus in Robert Menasses "Die Hauptstadt".

Nach vier Monaten steht Gaby Dey nun endlich wieder auf der Bühne des großen Saals im Deutschen Theater. Über die monatelange Zwangspause sagt sie: "Es war schrecklich. Das kann ich nicht anders sagen." Umso größer ist die Vorfreude auf den Premierenabend und darüber, dass sie endlich wieder ihrem Beruf nachgehen darf: "Theater ist Kommunikation. Ich freue mich riesig, nun wieder mit Menschen zu kommunizieren - es ist ja unser Job! Außerdem finde ich das Thema wirklich hoch aktuell: wie wichtig ist Europa für die Zukunft?"

Gespielt wird das Stück "Die Hauptstadt" nach dem Roman des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse. Ein Plädoyer für Europa. Im Buch und auf der Bühne gipfelt die Idee einer geeinten EU ohne Nationalstaaten in dem Vorschlag, Auschwitz zur Hauptstadt der Europäischen Union zu ernennen.

Strenge Regeln vor, auf und hinter der Bühne

Normalerweise können bis zu 500 Zuschauer auf den roten Sesseln im großen Saal des Theaters Platz nehmen. Wegen der geltenden Abstands- und Hygieneregeln dürfen es momentan jedoch nur 106 sein. Jede zweite Stuhlreihe muss frei bleiben, die Zuschauer sitzen mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern voneinander entfernt. Personen aus demselben Haushalt dürfen zu zweit zusammensitzen. Auch auf der Bühne müssen gewisse Corona-Regeln eingehalten werden, erklärt Dramaturg Jascha Fendel: "Diese Maßnahmen sind sehr tiefgreifend. Die Schauspieler dürfen nicht die gleichen Requisiten anfassen. Sie müssen unter speziellen Umständen in die Maske. Manche Schauspieler müssen sich also selbst schminken. Da hat sich viel verändert."

Eine große Herausforderung für die Schauspieler

Szenenbild von "Die Hauptstadt" auf der Bühne vom Deutschen Theater in Göttingen: Drei Darsteller stehen mit Abstand nebeneinander und blicken in einen Wandspiegel. © Deutsches Theater Göttingen Foto: Axel J. Scherer
Bis die Schauspieler wieder auf volle Ränge blicken werden, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

Intendant Erich Sidler meint, dass Theater von der Begegnung lebe. Je mehr Zuschauer, desto besser, desto intensiver sei die Atmosphäre im Saal. Dieser Austausch zwischen Schauspielern und Publikum sei zwar minimal, aber wesentlich: "Das sind die Lacher. Man spürt, wenn das Publikum einatmet. Das sind alles kleine Signale, die natürlich so einen Theaterabend ausmachen. Und die werden ausfallen, weil einfach die Dichte nicht gegeben ist. Ganz abgesehen davon, wird es für die Schauspieler hart werden, denn wenn die ins Publikum blicken, dann gucken sie in einen zahnlosen Mund." Trotzdem glaubt Sidler nicht, dass die Leute mit dem Gefühl nach Hause gehen werden, dass der Abend so nicht funktioniert: "Dazu ist Theater zu strapazierfähig."

Die Vorstellung im Deutschen Theater Göttingen beginnt heute um 19:45 Uhr. Weitere Vorstellungen sind am Sonnabend, den 11. Juli, am Sonntag, den 12. Juli und am Mittwoch, den 15. Juli.

rezension
Robert Menasse: "Die Hauptstadt" (Buchcover) © Suhrkamp

Robert Menasse: "Die Hauptstadt"

"Die Hauptstadt" von Robert Menasse ist ein gleichsam humorvolles wie mahnendes Buch über Europa am Beispiel der Brüssler EU-Institutionen und deren zum Teil absurder Bürokratie. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.07.2020 | 06:40 Uhr