Stand: 28.01.2019 15:33 Uhr

"Die Datensicherheit steckt in Kinderschuhen"

In Berlin hat der 13. Europäische Datenschutztag stattgefunden. Expertinnen und Experten der Datenschutzkonferenz DSK sowie des Gremiums der unabhängigen Datenaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder bilanzierten, ob und wie sich die vor wenigen Monaten in Kraft getretene Datenschutz-Grundverordnung in der Praxis bewährt hat. Mit dabei war die Datenschutzexpertin Marit Hansen.

Frau Dr. Hansen, worum geht es bei der Datenschutz-Grundverordnung?

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Marit Hansen ist unabhängige Datenschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein.

Marit Hansen: Es geht um Datenschutz, und das bedeutet, dass fair mit unseren persönlichen Daten umgegangen wird und dass wir mehr Transparenz haben, also wissen, was damit passiert. Auf keinen Fall soll damit unfair umgegangen werden, zum Beispiel indem wir auf Schritt und Tritt überwacht und ausgespäht werden oder dass unsere Daten im Internet landen. Das ist das Ziel der Datenschutz-Grundverordnung.

Und die ist vor einigen Monaten in Kraft getreten. Wie fällt die Bilanz aus, funktioniert's?

Hansen: Ich bin erstaunt, dass wir von den vielen externen Leuten, die wir eingeladen hatten, nicht nur Schelte bekommen haben für die Datenschutz-Grundverordnung. Es gibt viele Fragen, die in den Medien eine Rolle spielen: Darf ich noch Visitenkarten herausgeben? Was ist mit Klingelschildern? Müssen Kindergarten-Fotos geschwärzt werden? All das wurde heute auch thematisiert - aber mit demselben Hintergrund: Das ist falsch verstandener Datenschutz.

Da ist man in einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite wollen wir unbedingt ein freies Internet und einen freien Datenverkehr - umgekehrt sollen die Daten geschützt sein. Wie geht man in diesem Spannungsfeld damit um?

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Hansen: Am besten, man informiert sich, was eigentlich der Sinn der Sache ist und gibt nicht einfach seine Daten preis. Zum Beispiel bei Standortdaten von Handys: Wann braucht man die überhaupt? Muss jede App diese Information haben? Und was machen diese Programme damit? Oder reicht es, wenn ich in einem Lokal sitze und wissen möchte, was in der Nähe ist und eine Karte brauche? Es ist sinnvoller, das nur für solche Fälle dazuzuschalten und die Voreinstellungen gleich richtig zu wählen. Davon sind wir aber noch ziemlich weit entfernt - die meisten Hersteller haben noch gar nicht verstanden, dass die Datenschutz-Grundverordnung auch für sie indirekt gilt. Denn jeder, der das einsetzt, muss sich an den Datenschutz halten. Und wenn der Markt andere Produkte vorsieht, dann muss nachgefragt werden - das betrifft insbesondere die großen Unternehmen -, was wir dort an weiteren bequemen Anwendungen bekommen. Aber bitte dann mit eingebautem Datenschutz!

Bei der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung haben viele kleine Institutionen sehr gestöhnt, weil sie plötzlich all ihre Mitglieder oder Kunden fragen mussten, wie mit ihren Daten umgegangen werden sollte. Hat sich das mittlerweile gelegt?

Hansen: Wir hatten hier einige Experten aus den Handwerkskammern und aus großen Verbänden, und ich hatte erwartet, dass die Handwerkskammer-Repräsentanten noch mal viele Ängste aufwerfen, von Abmahnungen sprechen etc. Aber sie haben das anscheinend sehr gut in den Griff bekommen, bei den Handwerksbetrieben klarzumachen, was nötig ist und was nicht. Viele dieser aufgedrängten Informationen waren entweder gar nicht nötig oder zeigen, dass man sich vorher gar nicht genug Gedanken gemacht hat. Nicht alle Betriebe müssen das Rad neu erfinden. Deswegen wurde es einfacher, wenn sich einige Personen in Berufsverbänden zusammengefunden haben: Es wurde eine gute Lösung vorgeschlagen, und alle konnten sie verwenden. Das ist allerdings in einigen Bereichen zu kurz gekommen, und deswegen haben so viele gelitten und gedacht, sie müssten das Rad neu erfinden. Das hat sich aber inzwischen gut eingependelt.

Anfang des Jahres ist aufgeflogen, dass ganz viele Daten von Privatmenschen abgeschöpft worden sind - und zwar nicht von einer hochspezialisierten Hackerbande, sondern von einem Schüler. Steckt der Datenschutz noch in den Kinderschuhen oder haben da die Datenschutzbehörden versagt?

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Hansen: Die Grundlage dieses Skandals waren mindestens fünf riesige Datenlecks, die teilweise aus dem Jahr 2013 stammten. So lange ist es schon her, dass diese privaten Daten im Internet herumgegeistert sind, die manchmal für 40 Euro zu kaufen waren. Und aufgrund dieser Daten hat derjenige das analysiert, es auswertbar gemacht und wohl auch weiter recherchiert zu den Personen, die besondere Aufmerksamkeit versprachen, also besonders Politikerinnen und Politiker, Journalisten usw.

Die Datensicherheit ist hier tatsächlich in den Kinderschuhen, und ohne Datensicherheit funktioniert der Datenschutz nicht. Wenn es so einfach ist, über eine Sicherheitslücke und mithilfe von Daten solche Ausspähaktionen zu verfeinern und an immer mehr Daten zu kommen, dann haben wir ein Riesenproblem. So funktioniert Informationsgesellschaft nicht. Da müsste jetzt unbedingt aufgeräumt werden - zum Glück haben die Bundesbehörden das auch erkannt, und die Hersteller sind dabei, nachzubessern. Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt aufgeben - im Gegenteil. Denn wie soll eine Welt funktionieren, wo demnächst vielleicht die Autos autonom auf der Straße unterwegs sind oder wo wir ganz viel personalisierte Medizin haben? Da brauchen wir ganz klar sehr gute Datensicherheit. Technisch geht das alles.

Ist diese Sicherheitslücke mittlerweile gestopft?

Hansen: Das Leak ist gestopft, die Sicherheitsprobleme sind beseitigt, aber es bedeutet auch, dass Millionen von Datensätzen schon verloren sind, dass sie sich in irgendwelchen Datenbeständen befinden. Aber man kann etwas dagegen tun, indem man zum Beispiel seine Passwörter ändert. Deswegen brauchen wir das Wissen darüber, dass diese Daten überhaupt rausgegangen sind - das wurde in der Vergangenheit nicht richtig ernst genommen: Die Anbieter hatten solche Leaks und haben nicht gut informiert. Das hat sich mit der Grundverordnung auch geändert: Sie müssen mehr informieren, und das tun auch viele.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Marit Hansen Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein blickt freundlich in die Kamera © Markus Hansen Foto: Markus Hansen

"Die Datensicherheit steckt in Kinderschuhen"

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Vor wenigen Monaten ist die Datenschutz-Grundverordnung in Kraft getreten. Wie fällt die Bilanz aus? Ein Gespräch mit der Datenschutzexpertin Marit Hansen.

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NDR Kultur | Journal | 28.01.2019 | 19:00 Uhr

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