Stand: 14.09.2020 11:26 Uhr  - NDR 90,3

Bunt aber lahm: "Märchen im Grand-Hotel" in Hamburg

von Daniel Kaiser

Eine Operette bekommt man in der Hamburgischen Staatsoper nicht so oft zu sehen. Der Corona-Spielplan hat jetzt das Stück "Märchen im Grand-Hotel" von Paul Abraham (1892-1960) auf die Bühne gebracht. Das Ganze natürlich - Corona-bedingt - mit weniger Publikum, weniger Musikern - aber auch weniger Tempo.

Narea Son als Infantin Isabella in der Operette "Märchen im Grand-Hotel" auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. © Hamburgische Staatsoper Foto: Brinkhoff/Mögenburg
Narea Son verkörpert Infantin Isabella in der Operette - ihr Sopran strahlt über allem.

Diese Musik macht einfach Freude. Paul Abraham hat quasi im Akkord unwiderstehliche Ohrwürmer und wunderbaren Herzschmerz komponiert: Walzer mit ungarischem Flavour, Jazz, Foxtrott und Tango blitzen auf. Alle singen natürlich mit Abstand. Sogar Ohrfeigen werden durch die Luft gegeben. Nur ein Pianist (Georgiy Dubko) begleitet die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne. Ein dauergrinsendes Barbershop-Quartett in pink- bis lilafarbenen Outfits (Hiroshi Amako, Seungwoo Simon Yang, David Minseok Kann und Hubert Kowalczyk) ersetzt das Orchester - eine starke Idee!

Die neugestaltete Dammtorstraße in Hamburg. © NDR Foto: Heiko Block

AUDIO: Applaus für "Märchen im Grand-Hotel" (3 Min)

Ein paar Funken

Martin Summer als Sam Makintosh in der Operette "Märchen im Grand-Hotel" auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. © Hamburgische Staatsoper Foto: Brinkhoff/Mögenburg
Martin Summer hat die Rolle des Sam Makintosh. Auch er trägt eine plastikbunte Perücke - eine der vielen tollen Kostümideen von Christoph Fischer.

Das "Märchen im Grand-Hotel" ist eine turbulente Liebesgeschichte um eine verarmte Prinzessin im Exil, einen unsterblich verliebten Oberkellner, eine gefälschte Perlenkette und einen Hollywoodfilm, der daraus entstehen soll. Es hätte ein Feuerwerk werden können. Ein paar Funken waren tatsächlich zu sehen. Die fantasievollen, schrägen Kostüme von Christoph Fischer haben Kraft: Eine Lockenwickler-Pyramide dient als Prinzessinnenhut, die Männer tragen plastikbunte Perücken wie Barbies Ken und Omas dicker Wohnzimmervorhang mit Kordel wird zum Trenchcoat für den Hoteldirektor. Die Zutaten für eine zackigen Abend, an dem eine Königsfamilie im Exil auf ein Filmteam trifft, stimmen also.

Zwei Stunden tempofreie Zone

Die Inszenierung von Sascha Alexander-Todtner dehnt und lähmt dann aber das eigentlich spritzige Stück zu einer Zeitlupe. Die kleinen Gags beim Schlussapplaus zwischen den Sängerinnen und Sängern haben in zwei Minuten mehr Witz und Drive, als die zwei Stunden tempofreie Zone zuvor. Die vier Männer aus dem Gesangsquartett sind die einzigen, die mit ihrem "Ba-bamm-ba-bamm" auf der Bühne für ein bisschen Puls sorgen. Während die Musiker am Ende bejubelt werden, erntet die Regie am Ende zahlreiche Buhrufe.

Themen verschenkt

Peter Galliard Prinz Andreas Stephan - Barry in der Operette "Märchen im Grand-Hotel" auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. © Hamburgische Staatsoper Foto: Brinkhoff/Mögenburg
Die Inszenierung von Sascha Alexander-Todtner lähmt das eigentlich spritzige Stück zu einer Zeitlupe.

Dabei steckt das fast 90 Jahre alte Stück voller frischer, aktueller Themen, wenn man denn nur will: Eine junge Frau will ihrem Filmboss-Vater beweisen, dass sie auch Produzentin sein kann und möchte das echte Leben filmen - Scripted Reality. Frauen singen, dass sie lieber Jungs wären und eigentlich viel besser regieren können. Immerhin machen die Stimmen Freude: Narea Son strahlt als verwöhnte Infantin Isabella mit ihrem glockenhellen Sopran über allem. Der Bariton Nicholas Mogg spielt Albert, den total verknallten Oberkellner mit einem Geheimnis, expressiv und witzig und singt seine Liebeslieder mit wunderbarem Timbre ohne Kitsch.

Abraham floh in die USA und starb 1960 in Hamburg

Das "Märchen im Grand-Hotel" wurde 1934 in Wien uraufgeführt, als Werke des Juden Paul Abraham in Deutschland schon längst nicht mehr gespielt werden durften. Abraham floh vor den Nazis in die USA, erkrankte an Syphilis, kam nach dem Krieg geistig verwirrt nach Deutschland und starb 1960 in Hamburg. Er soll bis zum Schluss geglaubt haben, er sei noch in New York und stehe vor einem neuen Durchbruch am Broadway. Eine erschütternde Biografie! Wie gut, dass immerhin Abrahams Melodien auch nach 60 Jahren nicht vergessen sind und weiter erklingen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 14.09.2020 | 19:00 Uhr