Stand: 10.02.2020 12:43 Uhr  - NDR Kultur

Lessingtage: Abschluss mit Statements zum Klimawandel

von Katja Weise

Die Lessingtage 2020 sind mit der langen Nacht der Weltreligionen im Thalia Theater Hamburg zu Ende gegangen. Mit dabei waren unter anderem der Philosoph und Essayist Byung-Chul Han, die Autoren Andreas Maier und Christine Büchner sowie die Meeresbiologin Antje Boetius, die Soziologin und Klimaforscherin Anita Engels und die Biologin Gülcan Nitsch.

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"Nach uns die Sintflut?" - darüber diskutierten unter anderem Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen.

Die "Lange Nacht der Weltreligionen" steht traditionell am Ende der internationalen Lessingtage am Hamburger Thalia Theater. In den vergangenen Jahren wurde dort unter anderem über "Glauben und Demokratie", "Reformation und Rebellion" und "Freiheit und Schicksal des Menschen" diskutiert. Am Sonnabend ging es - passend zu einem der Festival-Schwerpunkte in diesem Jahr - um "Religionen und Klimawandel", Motto: "Nach uns die Sintflut?"

Der Mensch bestraft sich selbst

"Und der Ewige sprach: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, von dem Erdboden vertilgen. Ja, vom Menschen bis zum Vieh, bis zum Gewürm und Geflügel des Himmels, denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe." Dann schickt der "Ewige" die Sintflut. Doch die Menschheit überlebt, weil Noah auf sein Geheiß eine Arche baut und von jeder Art ein Paar mit an Bord nimmt.

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Philosoph Byung-Chul Han spricht von einer Zerstörungswut des Menschen.

Nicht nur in der Bibel wird diese Geschichte von der großen Flut erzählt, fast alle Religionen kennen sie. Heute hingegen sei die Menschheit auf dem besten Wege, sich selbst zu bestrafen, so der einhellige Tenor am Samstagabend. Der Respekt vor der Natur sei gesunken, sagte Thalia Intendant Joachim Lux in seiner Eröffnungsrede. Der in Berlin lebende, aus Korea stammende Philosoph Byung-Chul Han, sprach von einer regelrechten "Zerstörungswut" des Menschen und kritisierte den Kapitalismus scharf: "Was wir heute Wachstum nennen, ist ja in Wirklichkeit ein karzinomatöses, zielloses Wuchern. Wir erleben gegenwärtig einen Produktions- und Wachstumsrausch, der wie ein Todesrausch anmutet. Er täuscht eine Vitalität vor, die das Nahen einer tödlichen Katastrophe verdeckt."

Schüler-Performance zum Klimawandel

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Auch Schüler kamen zu Wort bei der Abschlussveranstaltung der Lessingtage.

Ein anderes, ein sinnliches Verhältnis zur Erde müsse wieder her: Han forderte einen radikalen Bewusstseinswandel. Er selbst, Städter durch und durch, legte sich einen Garten an und lernte, mit den Händen in der Erde zu wühlen. Den Jugendlichen und Schülern, die Samstagabend auch zu Wort kamen, dürfte das vermutlich nicht reichen: "Ihr könnt uns nicht mehr stoppen, es ist zu spät. Es geht ja schließlich um unsere Zukunft, vor der wir keine Angst haben müssen, wenn wir sie bestimmen", sagen sie in ihrer Theater-Performance.

Einigkeit, aber wenig Diskussion

"Ich bin hier, um zu sagen, dass unser Haus in Flammen steht", sagte die Klimaaktivistin Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Ihre Rede durfte in dem Zusammenhang wohl nicht fehlen. Politik und Religion, auch ein Thema an diesem Abend, sowie Religion und Wissenschaft. In einer ersten Diskussionsrunde trafen gestandene Wissenschaftlerinnern aufeinander, in einer zweiten junge Klimaaktivistinnen. Schade nur, dass eine Diskussion jeweils nicht in Gang kommen wollte; die Forscherinnen schienen vor allem an der eigenen Botschaft interessiert, die Aktivistinnen waren sich schlicht einig.

Kirche als Vorreiterin in Klimafragen?

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Schauspieler des Thalia Theaters lesen Texte bei der "langen Nacht der Weltreligionen".

Dass der Bezug zur Religion gewahrt blieb, dafür sorgten vor allem die vielen vom Ensemble des Thalia Theaters rezitierten Texte und die in intensiver Vorarbeit zusammengetragenen Statements verschiedener Vertreter und Vertreterinnen der Religionen in Hamburg. Sie machten deutlich, wie viele Bezüge sich zwischen Religion und Natur herstellen lassen. Außerdem, so die Theologiestudentin und Klimadelegierte der Nordkirche beim Lutherischen Weltbund Helena Funk, könne die Institution Kirche eine entscheidende Rolle spielen: "Ich sehe auf der einen Seite, dass Kirche schon unheimlich viel macht. Wenn man sich anschaut, was es schon an konkreten Plänen gibt, wie das umgesetzt wird: Es gibt öko-faire Gemeinden, es gibt klima-neutrale Gemeinden, dass da etwas in Bewegung kommt und Kirche Vorreiter in der Gemeinde ist."

"Harte Forderungen müssen her"

Fünf Stunden lang wurde im Thalia Theater geredet, gelesen, gesungen, nachgedacht. Ein klug konzipierter Abend, der die verschiedenen Generationen zu Wort kommen ließ, aber leider nicht ins Gespräch brachte. Das hätte spannend werden können. Auch wenn sicher alle auf der Bühne den Appell von Antje Boetius unterstützen würden. Die Professorin, die seit fünf Jahren auch Vorsitzende des Lenkungsausschusses "Wissenschaft im Dialog" ist, sagte: "Unsere Geschichte sollte uns zeigen: Wenn es um die Einforderung einer anderen Zukunft geht, dann geht es wirklich um große und harte Forderungen, dann geht es auch in gewisser Weise um Aktivismus und um einen Kampf. Und das müssen wir verstehen. Und deswegen bin ich auch dankbar, heute, wo es eigentlich um Religion geht, zu sagen: Achtung, es ist nicht die Frage der Moralität, es geht um Forderungen, die wir wirklich berechtigt an die Welt stellen können und dafür gibt es Lösungen."

Aufführungen während der Lessingtage

"Orest in Mossul": Die Gräuel des Krieges im Theater

Im Rahmen der Lessingtage im Hamburger Thalia Theater ist am Wochenende das vieldiskutierte Stück "Orest in Mossul" gezeigt worden. Die Inszenierung von Milo Rau geht unter die Haut. mehr

"Hereroland" - Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht

21.01.2020 20:00 Uhr und weitere Termine
Thalia in der Gaußstraße

1904 wehrte sich das Volk der Herero gegen die deutschen Kolonialherren. "Hereroland" heißt das Stück, das während der Lessingtage auf Thalia Theaters zu sehen ist. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 09.02.2020 | 15:20 Uhr

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