Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs © Andreas Arnold / picture alliance / dpa Foto: Andreas Arnold

Leseförderung: Initiative "Nationaler Lesepakt" gegründet

Stand: 23.04.2021 16:24 Uhr

Sechs Millionen Deutsche können nicht richtig lesen. Die Stiftung Lesen und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wollen mit dem frisch gegründeten "Nationalen Lesepakt" etwas dagegen tun. Ein Gespräch mit der Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs.

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Frau Schmidt-Friderichs, warum ein Pakt? Das klingt nach Goethes "Faust", nach "Pakt mit dem Teufel". Warum so theatralisch?

Karin Schmidt-Friderichs: So funktionieren Assoziationen. Ich habe bei "Lesepakt" an "anpacken", "zupacken", "etwas ändern", also eher an diesen Aspekt gedacht. Nein, mit dem Teufel geht es nicht zu. Es sei denn, man sagt, dass das etwas ist, was man austreiben muss, diese Leeseunfähigkeit, die Vorstellung, dass jedes fünfte Kind die Grundschule ohne wirkliche Lesekompetenz verlässt, in einem Land wie Deutschland. Da ist man dann wirklich nah beim Teufel.

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Ja, denn es gehen auch Welten, Vorstellungsräume und Fantasien verloren, oder?

Schmidt-Friderichs: Ja. Auf der einen Seite geht tatsächlich auch berufliche Erfolgschance verloren, denn bei allen auditiven Medien ist Lesen auch eine Frage von Basis des Erfolgs. Als Verlegerin und als Vorsteherin des Börsenvereins denke ich aber auch an all das, was verloren geht, wenn man sich nicht in andere Welten hineinversetzen oder sich komplexe Sachbuchinhalte erschließen kann.

Warum machen Sie das Lesen jetzt zur "nationalen" Aufgabe? Haben sämtliche Bildungsinstitutionen in Deutschland versagt?

Schmidt-Friderichs: Ich finde "versagen" ein sehr starkes Wort. Aber sie haben zumindest ihre Aufgabe nicht wirklich erfüllt, wenn man sich diese Zahlen anguckt. Die Stiftung Lesen und der Börsenverein - wie auch ganz viele andere Institutionen - kümmern sich schon sehr lange um die Leseförderung. Und die Idee dieses "Nationalen Lesepakts" ist, diese Initiativen zu bündeln und damit auf der einen Seite die Initiativen erfolgreicher zusammenzufassen, auf der anderen Seite der Politik einen Spiegel vorzuhalten und zu sagen: Da müsst ihr etwas tun, da müssen wir zusammen etwas tun - das geht so nicht!

Die Integrationsforscherin Naika Foroutan sagt: Lesen in zehn Jahren könnte das sein, was heute die Schallplatten sind. Die Sprache in den Texten passe nicht zur Lebenswelt - daher sinke die Attraktivität des Lesens. Was sagen Sie dazu?

Schmidt-Friderichs: Das gilt sicherlich für das eine oder andere Buch, was in einer Sprache daherkommt, die wir heute nicht mehr sprechen würden. Ich empfinde das als Reichtum und nicht als Grund auszusterben. Aber ich beobachte zum Beispiel in der intensiven Debatte um gendergerechte Sprache, dass die Buchbranche sich immens entwickelt und dass Sprache lebt. Wenn ich mir angucke, was ich im Deutschunterricht gelesen habe, und was ich heute lese, dann sind das nicht nur andere Bücher, sondern eine völlig andere Sprache. Sprache lebt, und Sprache lebt auch in Büchern. Der Vergleich hinkt für mich auch insofern, als es um das Lesen geht und nicht um das Medium, in dem gelesen wird. Heute hören wir vielleicht über Streamingdienste und nicht über die Schallplatte, aber wir hören noch. Und genauso werden wir weiter lesen: in Büchern, an Bildschirmen und anderen Medien, die heute noch nicht erfunden sind. Aber die Lesekompetenz sollte man deshalb trotzdem schulen.

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Es gibt eine neue Generation von Schriftstellern, die Migrationsgeschichten erzählen. Sie singen das Lob der Mehrsprachigkeit - Olga Grjasnowa hat genau darüber gerade ein Sachbuch veröffentlicht. Ist das nicht ein konstruktiver Ansatz?

Schmidt-Friderichs: Ich antworte darauf als Person, denn ich glaube, dass das ein Thema ist, zu dem der Börsenverein noch keinen Standpunkt entwickelt hat. Ich finde es hervorragend. Je mehr wir sprachlichen Reichtum feiern, auch die Möglichkeit, Dinge, die man in einer Sprache besser ausdrücken kann als in anderen, desto reicher wird doch unsere Sprachwelt. Ich persönlich lese diese Bücher wahnsinnig gerne, weil ich das Gefühl habe, dass sie einen anderen Sprachduktus haben.

Wen wollen Sie mit dem "Nationalen Lesepakt" erreichen? Wie gehen Sie da vor?

Schmidt-Friderichs: Die erste Initiative war, das zu launchen - das ist der Paukenschlag zum Auftakt. Der zweite Schritt ist der Lese-Summit gewesen, und der dritte Schritt wird eine öffentlichkeitswirksame Kampagne mit Motiven sein. Das gehört alles noch zum Sensibilisieren. Und dann geht die wirkliche Arbeit los, und da hält der Börsenverein es für extrem wichtig, dass wir das auch mit wissenschaftlicher Expertise begleiten und eine übergreifende Strategie entwickeln. Das ist dann das Signal an die Politik, denn da muss die Politik mitziehen und Aktivitäten entfalten und bündeln.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.04.2021 | 18:00 Uhr