Eine junge Frau probt Cello im Homeoffice © picture alliance / NurPhoto | Onur Dogman Foto: Onur Dogman

"Leben im Lockdown": Niedersachsens Orchestermusiker halten durch

Stand: 09.02.2021 11:34 Uhr

Für viele Orchester ist eine normale Probenarbeit derzeit undenkbar und zu Hause musizieren ist kein wirklicher Ersatz für ein Sinfoniekonzert. Wie ergeht es den Musikerinnen und Musikern zurzeit?

Eine junge Frau probt Cello im Homeoffice © picture alliance / NurPhoto | Onur Dogman Foto: Onur Dogman
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von Janek Wiechers

Cellist Jan Bauer sitzt im Wohnzimmer seiner Altbauwohnung im Braunschweiger Osten und übt Bach. Die Cello-Suite-Nummer 6. Seit Wochen kann er nicht mit dem Staatsorchester proben, in dem er sonst spielt. Seit November gibt es am Staatstheater Braunschweig keine Orchesterproben mehr. Und so nutzt Jan Bauer die Zeit des Lockdowns für Dinge, zu denen er sonst nicht kommt: "Man hält sich über Wasser, indem man zu Hause musiziert. Alleine. Es ist zwar schön, dass man den einen oder anderen verborgenen Schatz wieder hochholt. Aber das ist natürlich kein wirklicher Ersatz für ein Sinfoniekonzert."

So wie Cellist Bauer ergeht es momentan allen Musikerinnen und Musikern des Staatstheaters Braunschweig. Mit kurzen Unterbrechungen sind alle seit mehr oder weniger einem Jahr in einer Situation, die normales Musizieren unmöglich macht.

Trotz Lockdown - immer wieder Motivation finden

Seit März geht das so: erst Lockdown, dann kleine Konzerte vor wenig Publikum, dann nur noch Proben und kein Publikum, dann seit November wieder Lockdown. "Vor allem den November-Lockdown haben wir alle eigentlich doch als sehr belastend empfunden. Es gab ja diese Vorahnung, dass es dann wahrscheinlich über die Weihnachtszeit hinaus so bleiben wird," sagt Karin Allgeier, Mitglied im Orchestervorstand am Staatstheater Braunschweig.

Die Geigerin vermisst nicht nur die Arbeit im Ensemble und das Musizieren vor Publikum. Vor allem sich auf unbestimmte Zeit immer wieder selbst zu motivieren, empfindet sie als herausfordernd: "Am Anfang kann man das tatsächlich mal kurzfristig auch genießen, aber nach ein paar Wochen und Monaten verfliegt das."

Staatstheater Braunschweig will Probenbetrieb unter Hygieneauflagen wieder aufnehmen

Auch Geigerin Allgeier übt seit Monaten für sich allein. Doch es gibt einen Lichtblick: Wenn nicht kurzfristig doch noch etwas anderes beschlossen wird, soll nämlich am 15. Februar unter Hygieneauflagen der Probenbetrieb am Staatstheater Braunschweig vorsichtig wieder aufgenommen werden. So plant es übrigens auch das Theater Osnabrück.

Das Braunschweiger Orchester jedenfalls will schon bald diverse Konzerte und Opern-Produktionen in Angriff nehmen: "'Rusalka' soll als nächstes produziert werden. Das war eigentlich fast premierenreif. Und dann haben wir noch 'Alcina', eine kleinere Barock-Oper. Weil wir natürlich, sobald wir wieder dürfen, dann wirklich auch fertige Produktionen anbieten möchten. Und dann haben wir angedacht, eventuell die nächsten Sinfoniekonzerte zu streamen."

Alle 14 Tage ein neues Programm als Stream

Das Göttinger Symphonieorchester nutzt schon seit Monaten diesen Weg, um seine Musik unter die Leute zu bringen. Alle 14 Tage zeichnet es ein neues Programm auf. Anders als das Staatsorchester Braunschweig hat das als gemeinnützige GmbH geführte und mit öffentlichen Geldern geförderte Orchester seine Arbeit auch im derzeitigen Lockdown nicht eingestellt.

Es probt und konzertiert in einer ehemaligen Industriehalle in Göttingen, erklärt Flötist Max Lötzsch. Allerdings natürlich ohne Publikum: "Die ermöglicht uns wirklich, das mit diesen riesigen Abständen zu machen." In dieser speziellen Situation kann das Göttinger Symphonieorchester Dinge tun, zu denen es sonst keine Zeit hat, betont Flötist Lötzsch. Zur Zeit nimmt es etwa sämtliche Sinfonien von Brahms auf, der einige Zeit in Göttingen lebte: "Jedes Orchester hat seinen eigenen Klang, seine Tradition - und es darf nicht zu lange stillstehen. Also, wir sind wirklich sehr dankbar und froh jetzt spielen zu können."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.02.2021 | 06:40 Uhr