Stand: 22.01.2020 17:20 Uhr

Kunstmuseum Wolfsburg stellt Programm vor

Das Kunstmuseum Wolfsburg zählt zu den wichtigsten Häusern für zeitgenössische Kunst in Deutschland. Seit April des letzten Jahres hat das Museum einen neuen Leiter: den Kunsthistoriker Andreas Beitin. Der gebürtige Holsteiner hat nun der Öffentlichkeit die Jahresvorschau für 2020 und seine weitergehenden Visionen für das Haus vorgestellt.

Herr Beitin, Sie bezogen und beziehen mit Ihrer Arbeit immer gesellschaftspolitisch Stellung. Das kommende Programm sieht deshalb neben monografischen Ausstellungen bedeutender Künstlerinnen und Künstler auch kulturhistorische Untersuchungen vor und Gruppenschauen zu politischen Themen. Welche Themen sprechen Sie da an, und wie setzen Sie diese künstlerisch um?

Der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, Andreas Beitin, im Portrait. © dpa - Bildfunk Foto: Peter Steffen
"Es gibt viel zu tun", sagt der neue Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, Andreas Beitin.

Andreas Beitin: Wir haben für dieses Jahr und für die nächsten Jahre ein schönes und vielfältiges Programm für unsere Besucher vorbereitet. Zum einen werden wir einige monografische Ausstellungen präsentieren. Daneben wird es auch eine zweite Programmlinie geben, die sich der politischen Kunst im weiteren Sinne widmen wird. Diese Reihe wird begonnen mit der Ausstellung "Macht! Licht!". Wir haben uns bewusst auf diese beiden Substantive konzentriert, die man als Imperativ lesen kann, dass man Licht machen soll. Aber uns geht es eigentlich mehr um "Macht" im Sinne von Gewalt und Licht, denn das Licht hat ja - wie viele andere Ressourcen auch, mit denen es wir heute zu tun haben - irgendwo eine Schattenseite. Wir wollen mit unserer Ausstellung ein vielfältiges Spektrum zeigen an unterschiedlichen lichtkünstlerischen Positionen zum Themenkomplex Ökologie, soziale Dimension, Überwachung, Kontrolle, Grenzen, manipulative Dinge, um die beiden Seiten der Medaille zu zeigen.

Das Ganze wird fortgesetzt im Jahr 2021 mit der Ausstellung "Oil - Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters" - das ist eine Ausstellung, die schon 2018 mit den externen Kuratoren Alexander Klose und Benjamin Steininger begonnen worden ist. Mit denen sind wir weiter im Gespräch und arbeiten intensiv daran, eine Ausstellung zum Thema Öl zu machen. Auch das ist ein Rohstoff, der uns alle jeden Tag umgibt. Es geht da nicht nur um Mobilität, sondern wir haben jeden Tag auf vielfältigste Art und Weise mit den Produkten, die man aus Öl gewinnen kann, zu tun. Auch das ist also eine Ausstellung, die sich diesem großen Themenkomplex widmen wird und beide Seiten der Medaille zeigt.

Ihr Vorgänger hatte diese Ausstellung schon 2018 geplant, und nachdem er recht überraschend gekündigt wurde, hat er öffentlich gemutmaßt, dass eine erdölkritische Schau der Auslöser für die Entlassung gewesen sein könnte, weil der Volkswagenkonzern ein mächtiger und wichtiger Geldgeber im Hintergrund des Kunstmuseums Wolfsburg ist. Dann kam die Frage auf, wieviel Kunstfreiheit in diesem Kontext überhaupt möglich ist. Sie sagen aber, Sie realisieren diese Ausstellung, und haben in Interviews immer wieder betont, dass Sie sich in ihrer Kunstfreiheit nicht eingeschränkt fühlen und dass Sie sonst diese Position auch gar nicht angenommen hätten. Mit welchem Gefühl schauen Sie dieser Ausstellung entgegen? Ganz unbefangen kann man da nicht sein, wenn das für so viel Erregung gesorgt hat und dem Ganzen auch viel Aufmerksamkeit zuteil kommen wird.

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Beitin: Das stimmt. Es wurden wahre und unwahre Dingen behauptet. Ich will mich auch gar nicht weiter dazu äußern. Von Anfang an habe ich immer wieder gesagt, dass ich das Thema hochspannend finde und dass ich diese Ausstellung gerne realisieren würde - und sie wird realisiert. Wenn es in irgendeiner Form eine Einschränkung, was inhaltliche Dinge angeht, geben würde, dann würde diese Ausstellung gar nicht realisiert werden. Ich freue mich sehr darauf, diese Ausstellung zusammen mit den beiden Kuratoren vorzubereiten, und wir haben da schon ein wunderbares Spektrum an unterschiedlichsten Werken, die die ganze Vielfalt, die ganze Verflechtung unseres täglichen Lebens mit dem Öl präsentieren werden. Es gibt also keinen Grund daran zu zweifeln, dass wir diese Ausstellung im kommenden Jahr realisieren werden.

Sie haben nicht nur die künstlerische Programmatik des Kunstmuseums Wolfsburg vorgestellt, sondern auch eine strukturelle Neuausrichtung des Hauses: Nachhaltiger soll es werden, populärer, demokratischer. Zum Thema Nachhaltigkeit: Natürlich wollen sich gerade in diesen Tagen alle Institutionen einen grünen Anstrich geben. Wie sehen Ihre konkreten Pläne für ein klimafreundlicheres Arbeiten aus?

Beitin: Es gab vor einigen Wochen einen offenen Brief an die Kulturstaatsministerin Grütters, den einige Museumsdirektoren, zu denen ich auch gehörte, unterschrieben haben. Wir haben darum gebeten, dass man uns darin unterstützt, die Häuser etwas nachhaltiger, etwas umweltverträglicher arbeiten zu lassen. Das ist nicht ganz einfach, weil man als Museum gewissen Restriktionen unterworfen ist, etwa dass man Kunstwerke bei bestimmten klimatischen Bedingungen lagern und präsentieren muss. Nichtsdestotrotz sehe ich da ein großes Potenzial, wo auch wir uns ändern können. Wir werden verschiedene Strategien für das Jahr 2020 angehen, indem wir beispielsweise auf Ökostrom umsetzen, indem wir schauen, wie weit wir mit Solarstrom unseren Stromverbrauch reduzieren können. Wir werden aber auch versuchen, die Reisetätigkeiten unserer Kollegen zu reduzieren, indem wir viele Gespräche, die wir persönlich gemacht hätten, per Skype oder per Telefon ersetzen werden. Wir werden versuchen, bei Interkontinentaltransporten von Kunstwerken weitgehend auf Flugtransporte zu verzichten zugunsten von Seefrachttransporten. Es gibt also viel zu tun, und ich bin ganz zuversichtlich, dass wir im Laufe des Jahres einen wesentlichen Beitrag dazu leisten können, unseren Energieverbrauch zu senken und damit das Klima etwas zu verbessern.

Sie haben auch Pläne, das Haus mehr in der Stadt einzubinden, populärer zu machen. Was haben Sie da vor?

Beitin: Im letzten Dreivierteljahr, in dem ich im Kunstmuseum tätig bin, sind vielfache Kooperationen initiiert worden. Es ist mir ganz wichtig, dass man ganz eng mit den Häusern in der Region zusammenarbeitet. Wir haben vielfältige Kooperationen mit Braunschweiger Institutionen, auch mit dem Herzog Anton Ulrich-Museum. Es gibt Beziehungen zur Hochschule für Bildende Künste, zum Museum der Fotografie, wo wir im nächsten Jahr gemeinsam mit dem Sprengel Museum eine Ausstellung machen werden. Es gibt viele Verbindungen, weil ich davon überzeugt bin, dass man gerade in einer Region wie Braunschweig und Wolfsburg noch erfolgreicher sein kann, wenn man die Potenziale bündelt und so die bestmöglichen Synergien für Stadt und Region rausholt.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.01.2020 | 19:00 Uhr