Stand: 10.09.2020 10:11 Uhr

Hengelbrock: "Höchste Zeit, mehr Leute reinzulassen"

von Miriam Stolzenwald

Nach dem Shutdown dürfen nach und nach verschiedene Einrichtungen wieder aufmachen - unter Auflagen und der Einhaltung von Hygienekonzepten. Auch in der Kulturbranche dürfen wieder vereinzelt Veranstaltungen stattfinden. Insgesamt rollt das Geschäft jedoch eher schwerfällig wieder an, Künstlerinnen und Künstler verschiedener Branchen sind hart getroffen. Existenzen gehen kaputt. NDR Kultur hat mit einigen Kulturschaffenden gesprochen, die Bewegung in dieser Debatte fordern und sich durch die Maßnahmen in ihrer Arbeit eingeschränkt sehen. Es herrscht Unmut.

Der designierte Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters Thomas Hengelbrock © NDR Foto: Gunter Glücklich
Thomas Hengelbrock fordert ein Umdenken bei der Reglementierung der Zuschauerzahlen für Konzerte.

Langsam kehrt Leben zurück in das kulturelle Leben. Konzertsäle dürfen wieder öffnen, aber die Hygienekonzepte erschweren die Arbeit. Die Publikumszahlen müssen reduziert werden. Dadurch spielen Veranstalter und Künstler nicht genug ein. Wie sinnvoll die strenge Reglementierung ist, scheint für manche der Beteiligten fraglich. Auch Dirigent Thomas Hengelbrock sieht die strenge Begrenzung auf 250 Zuschauer beim Konzert in der Holsten Halle in Neumünster kritisch: "Bei allem Respekt vor der schwierigen Aufgabe, die die Politik gerade zu bewältigen hat: Man muss mit feinerem Besteck an die Sache herangehen und sich die Begebenheiten genau angucken. Hier hätte man durchaus 700 bis 800 Leute hereinlassen können. Es ist höchste Zeit, dass wir mehr Leute zulassen."

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An anderer Stelle, wie der Gastronomie und dem öffentlichen Nahverkehr, gelten weniger strenge Maßnahmen. Viele haben dafür kein Verständnis. So auch der Chefdirigent des NDR Elbphilharmonieorchesters, Alan Gilbert: "Es können 100, 300 Leute am Strand sitzen und plötzlich fängt einer an Gitarre zu spielen und singt dazu. Dann sind nur noch 50 Leute erlaubt. Ja, das ist wirklich so! Es ist schwierig, weil es keine einheitliche Regelung gibt."

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Ein Schild mit der Aufschrift "Bitte Abstand halten", im Hintergrund eine Freilichtbühne mit zum besetzten Zuschauerrängen. © picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Robert Michael

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Von einem ähnlichen Beispiel berichtet auch die Geigerin Elisabeth Kufferath, die in einem überfüllten Zug zum Konzert fahren musste. Der Konzertsaal aber sei am Ende nur zu einem Viertel voll gewesen. "Es wäre schön, wenn man den Menschen im Konzertsaal so viel zutrauen könnte wie im Zug", wünscht sie sich.

Die Systemrelevanz der Kultur

Für den Pianisten Lars Vogt steht fest, dass alles dafür getan werden muss, bereits bestehende Strukturen in der Kulturbranche zu erhalten. Diese seien ohnehin oft fragil. Und sind sie erst einmal weg, sei es schwierig, sie wieder aufzubauen. Deshalb fordert er, wie viele andere auch, Unterstützung für Kulturschaffende und Einrichtungen: "Die Frage ist, ob man da nicht sagen müsste, Kultur in ihren vielen Ausdrucksformen ist letztlich auch systemrelevant. Denn wollen wir wirklich in einem Land, in einer Gesellschaft leben, in der die Kultur nicht da ist?"

Die Comedian Carolin Kebekus hat sich mit einer Instagram-Story positioniert und das Problem klar benannt: "Es gibt einfach keine Lobby, die sich dafür einsetzt. Dann wird nach Corona an Kultur nicht mehr viel übrig bleiben. Und das wäre der absolute Horror."

Viele fordern deshalb einen Dialog mit der Politik, einerseits, damit Kulturschaffende mehr unterstützt werden, andererseits, um den Veranstaltern mehr Handlungsspielraum zu ermöglichen und Corona-Konzepte zu erproben. Die Salzburger Festspiele hätten dies bereits mit Erfolg getan, sagt Thomas Hengelbrock. Er warnt, dass womöglich gar nicht klar sei: "... wie viele Existenzen jetzt im Moment, und zwar Woche für Woche, dabei draufgehen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 10.09.2020 | 10:20 Uhr