Stand: 17.06.2020 10:52 Uhr  - NDR Info

Was tun mit dem Kolonialerbe in Hamburg?

Eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft ist der Kampf gegen Rassismus. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vieler Länder während der Zeit des Kolonialismus. In der englischen Stadt Bristol wurde vor einigen Tagen bei einer Anti-Rassismus-Demonstration die Statue eines Sklavenhändlers ins Hafenbecken der Stadt geworfen. Ist das der richtige Umgang mit solchen Denkmälern? Auch in Hamburg finden sich noch einige Abbildungen kolonialen und rassistischen Gedankenguts. Torben Steenbuck geht der Frage nach, wie man mit diesen Denkmälern umgehen sollte.

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Demonstranten in Bristol werfen aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston ins Wasser.

Der Jubel in dem Moment, in dem die Statue von Edward Colston im Hafenbecken von Bristol versenkt wird, zeigt: Für viele Menschen werden mit der Statue auch die rassistischen Verbrechen von Colston im Wasser versenkt. Jürgen Zimmerer, Professor für globale Geschichte an der Universität Hamburg, sagt: "Colston wirft man vor, dass auf den Schiffen der Royal African Company, zu der er gehörte, Sklaven über Bord geworfen wurden. Tausende von Sklaven. Dass man gerade seine Statue ins Wasser wirft, ist eine Form von dekolonialisierendem, dekonstruierendem Reenactement."

Die Stadt Bristol will die geborgene Statue in Museum verfrachten.

Demonstrierende schaffen aktives Gegendenkmal

Die Demonstrierenden haben also eine Art aktives Gegendenkmal geschaffen. Doch reicht es, die Statuen und Relikte unserer postkolonialen und rassistischen Vergangenheit einfach abzureißen? Die Künstlerin Hannimari Jokinen beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Themen Rassismus und postkolonialer Vergangenheit in Hamburg. "Als Kunstschaffende sehe ich so ein Kolonialdenkmal eher als Bild mit einem hartnäckigen, rassistischen Mythos. Mich interessiert - wie kann man so ein Bild brechen, um peu à peu diese Botschaft abzubauen?", sagt Jokinen.

Denkmäler brechen. Statuen auf den Kopf stellen, sie hinlegen, eingraben oder sie mit Farbe beschmiert im Museum ausstellen: Die Ideen sind vielfältig. Das Ziel ist dabei, die Menschen zum kritischen Nachdenken anzuregen - gerade in Hamburg, einer Stadt, die ihren Reichtum auch den rassistischen Gräueltaten der Kolonialherren verdankt. Auch in der Hansestadt wurden diesen Kolonialherren Denkmäler gesetzt. Prominente Beispiele: die Statue des Hamburger Kaufmanns und Sklavenbesitzers Heinrich von Schimmelmann, oder die Statue von Hermann von Wissmann, einem brutalen Afrikaforscher unter Otto von Bismarck.

Die Wissmann-Statue stand neben der Universität Hamburg. 1968 wurde sie von Studierenden beschmiert und abgerissen. Aktuell liegt sie in einem Lager der Universität Hamburg. In ihrem demontierten Zustand wurde sie schon in mehreren Kunstausstellungen gezeigt. Die Büste von Heinrich Schimmelmann wurde nach anhaltenden Protesten im Jahr 2008 von der Stadt wieder abmontiert. Professor Jürgen Zimmerer wünscht sich, dass die kritische Auseinandersetzung mit diesen Denkmälern noch einen Schritt weitergeht: "Nicht nur gab es die Schimmelmanns und Colstons und Wissmanns und wie sie alle heißen. Sondern diese Gesellschaft, unsere Vorläufergesellschaft, hat die sogar einmal gefeiert."

Viele Orte in Hamburg erinnern an die koloniale Vergangenheit

Der Tansania-Park in Jenfeld, das Bismarck-Denkmal, die Speicherstadt, der Hafen: Auch heute, im Jahr 2020, finden sich in Hamburg viele Orte, die an die koloniale Vergangenheit der Stadt erinnern. Die Bürgerschaft erklärte sich vor sechs Jahren dazu bereit, Hamburg zu dekolonialisieren. Forscher wie Professor Zimmermann oder die Künstlerin Jokinen arbeiten seitdem an Konzepten, wie mit den kolonialistischen und rassistischen Denkmälern weiter umgegangen werden soll. "Es betrifft alle Orte, die eine historische Relevanz haben, aber es betrifft auch den heutigen Rassismus, den strukturellen Rassismus, den Alltagsrassismus," so Jokinen.

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NDR Info | Kultur | 11.06.2020 | 21:00 Uhr