Stand: 29.07.2016 14:30 Uhr

Klima der Angst: Gülen-Anhänger unter Schock

von Reiner Scholz

Nach dem Putsch des Militärs in der Türkei hat Präsident Tayyip Erdogan schnell die vermeintlichen Putschisten ausgemacht: Anhänger der Gülen-Bewegung, die ohnehin schon als Terroristen galten. Unmittelbar nach dem Putschversuch entließ die türkische Regierung Tausende von Richtern, Staatsanwälten, Militärs und Journalisten, die im Ruf standen, Anhänger der Gülen-Bewegung zu sein. Auch in Deutschland gibt es Sympathisanten Fetullah Gülens. Sie haben bislang versucht, sich an die neue Gesellschaft weitgehend anzupassen und den Aufstieg durch Bildung zu schaffen. Die Entwicklung in der Türkei bedeutet ein Schock für sie. Und eine ungewisse Zukunft. Inzwischen fordert die türkische Regierung von Deutschland ihre Auslieferung.

Anhänger der Gülen-Bewegung in Deutschland

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Ercan Karakoyun, Geschäftsführer der Stiftung "Dialog und Bildung".

Wie viele Anhänger Fetullah Gülens tatsächlich in Deutschland leben, ist schwer festzustellen. Auch Ercan Karakoyun, Geschäftsführer der Stiftung "Dialog und Bildung" in Berlin, kann über ihre Zahl in Deutschland nur mutmaßen: "Wir sprechen von etwa 150 Vereinen, wobei auch dazu gesagt werden muss, dass es sich hier um lokale Vereine handelt. Ein anderer Anhaltspunkt wären zum Beispiel die Abonnentenzahlen der Zeitung Zaman in Deutschland. Das sind wiederum 20.000. Wenn man diese Zahl auf Familien hochrechnet, kann man von etwa 150.000 bis 200.000 Menschen ausgehen. Wobei, wie gesagt, es ist einfach schwierig, da zu spekulieren."

Seit gut einem Jahr darf der deutsche Stadtplaner mit den türkischen Wurzeln nicht mehr in die Türkei einreisen, seit gut zwei Wochen bekommt er Morddrohungen. Karakoyun ist so etwas wie der Sprecher der Gülen-Bewegung in Deutschland. Und weil Präsident Erdogan die Gülen-Bewegung für den Militärputsch verantwortlich macht, wurden in der Türkei Tausende von Gülen-Anhängern entlassen, viele verhaftet. Auch in Deutschland fühlen sie sich jetzt besonders bedroht, wie dieser junge Mann aus Hamburg, der seinen Namen nicht nennen möchte: "Man ist familiär von Ausgrenzung bedroht, denn auch innerhalb von Familien gibt es verschiedene politische Ansichten. Man ist wirtschaftlich sehr stark bedroht, denn viele Unternehmen müssen einen Boykott befürchten. Zudem wurde in den sozialen Medien durch die Konsulate auch dazu aufgerufen, dass jeder Menschen, die ihm als Gülen-Sympathisanten bekannt sind, dort melden solle. Die Art Polizeistaat, wie er in der Türkei jetzt installiert wird - da sind die Leute aufgerufen, auch in Deutschland Leute anzuzeigen. Daher befürchte ich stark eine Verfolgung aller Gülen-Sympathisanten."

Gülens Credo: Aufstieg durch Bildung

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Fetullah Gülen lebt heute im Exil in den USA.

Fetullah Gülen, der heute in den USA im Exil lebt, begann in den 50er Jahren in der Türkei als Dorfprediger. Er, der ausgehend vom Sufitum einen moderaten Islam predigte, kam an, besonders bei den armen und bis dato ausgegrenzten Menschen Anatoliens. Der glänzende Organisator wurde der Kopf der internationalen Bildungsbewegung, die auch in Deutschland existiert und neben Wirtschaftsunternehmen etwa 30 Schulen sowie Kitas und Nachhilfeorganisationen umfasst. Gülens Credo: Aufstieg durch Bildung. Deshalb sei es völlig unglaubwürdig, die Gülen-Bewegung mit dem Putsch in Verbindung zu bringen, sagen seine Anhänger: "Fetullah Gülen ist eine Person der Öffentlichkeit. Seit 40 Jahren ist dieser Mensch durch seine Predigten, durch seine Publikationen in der Öffentlichkeit. Es gibt in seinen Publikationen keinen einzigen Hinweis darauf, dass er Gewalt als politisches Mittel legitimieren würde."

Bis 2013 haben Erdogan und Gülen gut zusammengearbeitet, in Richtung Islamisierung des Landes und gegen die Säkularität. Dann kam es zum Bruch der beiden Männer und Erdogan begann, Anhänger Gülens zu verfolgen. So ließ er vor wenigen Monaten die größte Tageszeitung der Türkei, die Zaman, die zur Gülen-Bewegung gehörte, im Handstreich schließen. Friedmann Eissler von der Evangelischen Zentralstelle in Berlin urteilte damals, es lasse sich vieles vorbringen gegen den konservativen Islam Gülens, doch müsse man die Bewegung gegen derartige staatliche Verfolgungen in Schutz nehmen: "Die Gruppierung um Gülen gilt als Sekte und ihre Anhänger werden als Terroristen beschimpft. Das ist natürlich eine ganz übliche Praxis, der wir auch entgegentreten müssen. Wir dürfen diese dramatische Entwicklung in der Türkei - eine Ablehnung der Gülen-Bewegung im Sinne eines Erdogan - hier nicht abbilden."

Gülen-Anhänger in Deutschland fürchten um ihre Existenz

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Es kam noch schlimmer. Mit der Niederschlagung des Putsches hat Erdogan die Gülen-Bewegung zum inneren Feind ausgerufen, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte. 15 Gülen-nahe Universitäten, Hunderte von Schulen und Nachhilfeeinrichtungen wurden kurzerhand geschlossen. 60.000 Personen aus Justiz, Polizei, Universitäten, Schulen und Presse entlassen. Jetzt fürchten auch Gülen-Anhänger in Deutschland um ihre Existenz: "Das ist das Gesprächsthema Nummer eins, überall, wo man hingeht. Man muss befürchten, wenn man in das Lokal geht, was man vorher gerne besucht hat, dass dort zugehört wird, was die Nachbarn am Tisch reden. Es gibt Moscheen in Deutschland, wo es Aushänge gibt, dass Gülen-Sympathisanten die Moscheen nicht betreten dürfen, die Auswirkungen sind auch in Deutschland stark spürbar."

Die Sympathiewerte für Fethullah Gülen in der Türkei befinden sich im freien Fall. Der Mann, dem es gelang, Tausende von denen, die seiner Bildungsbewegung gefolgt waren, auf wichtigen Positionen des Staates unterzubringen, muss im Exil zusehen, wie sein früherer Freund und jetziger Widersacher Erdogan das Gülen-Netzwerk zerstört. Schon wird in der Türkei darüber nachgedacht, das Geburtshaus Gülens, bisher ein Wallfahrtsort, zu einer Toilette umzufunktionieren. Gülen-Anhänger in der Türkei werden an den Rand oder in den Untergrund gedrängt. Die Folgen dürften auch in Deutschland spürbar sein. Davon ist der junge Gülen-Anhänger überzeugt, der aus Angst vor Repressalien seinen Namen nicht nennen mag. Etliche, so vermutet er, werden nach Deutschland kommen: "Für Menschen aus der Wirtschaft geht es sicher auf dem Weg, dass man im Ausland Unternehmen gründet, für wissenschaftliche Angestellte sicher der Weg über die Universitäten, aber auch in letzter Konsequenz, dass Menschen sagen, bevor ich in der Türkei ins Gefängnis muss, gehe ich lieber ins Ausland, suche dort eine Beschäftigungsmöglichkeit oder suche Asyl."

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NDR Kultur | Journal | 29.07.2016 | 19:00 Uhr

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