Ein hölzernes Kreuz steht im Freien.

"Kirche ist Zukunft": Wie sieht der Kurs der EKD aus?

Stand: 09.11.2020 18:27 Uhr

Bei der diesjährigen Synode der evangelischen Kirche in Deutschland berieten die Kirchenparlamentarier über den zukünftigen Kurs der EKD. Jan Ehlert aus der Redaktion Religion und Gesellschaft hat die erste digitale Synode verfolgt.

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Herr Ehlert, das diesjährige Motto lautete ja "Kirche ist Zukunft". Wie soll diese Zukunft nach Sicht der Synodalen aussehen?

Jan Ehlert: Auf jeden Fall selbstbewusst - das zeigt ja schon dieses Motto, das eindeutig nach vorn gerichtet ist. "Kirche ist Zukunft" - da ist kein Fragezeichen, kein Suchen, wie es noch im vergangenen Jahr hieß, als man sich "Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens" sah. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat im Eröffnungsgottesdienst dieses Selbstbewusstsein aufgegriffen und davon gesprochen, dass die Gemeinschaft der Gläubigen so etwas sei wie die Avantgarde des Reiches Gottes. Zunächst einmal also ein deutliches Signal: Ohne uns geht es nicht. Auch deshalb, so Bedford-Strohm, weil man "nach acht Monaten Pandemie neben dem richtigen Handeln auch stärkende Worte" brauche. Hier könne gerade das Christentum Spiritualität, aber auch Resilienz bieten, also Halt geben und stark machen.

Jan Ehlert © NDR Foto: Christian Spielmann
Jan Ehlert

Aber dieses Selbstbewusstsein soll vor allem wohl auch in den eigenen Reihen Mut machen. Denn es trifft aus meiner Sicht auf eine derzeit doch sehr verunsicherte Kirche, die zudem vor ziemlich starken finanziellen Einschnitten steht. Nicht nur, weil die Mitgliederzahlen noch mal rapide gesunken sind, sondern weil durch die Corona-Pandemie auch die Einnahmen durch die Kirchensteuer kurzfristig drastisch sinken werden. Durch Kurzarbeit, durch Arbeitslosigkeit wird am Ende weniger an die Kirche abgegeben. Bis zum Jahr 2030 müssen daher 30 Millionen Euro eingespart werden, heißt es. Die Präses der Synode, Irmgard Schwaetzer, hat auch schon gesagt, dass man sich verändern müsse und nicht so weitermachen könne wie bisher. Die Kirche der Zukunft wird auf jeden Fall kleiner und finanziell weniger gut aufgestellt aussehen.

Dass die EKD sparen muss, ist damit unstrittig. Steht aber auch schon fest, wie das aussehen soll?

Ehlert: Ja, in groben Zügen schon. Es gibt eine Finanzstrategie, über die debattiert wurde. Zunächst einmal sollen - das ist auch logisch - Doppelstrukturen abgebaut werden. Es gibt innerhalb der EKD 20 Gliedkirchen, und nicht jede davon muss ein eigenes Konzept für den Einsatz digitaler Medien erarbeiten. Außerdem sollen Förderungen gestrichen oder gekürzt werden. Mann will sich von allem verabschieden, "was an Ausstrahlung verloren hat", heißt es. Zum Beispiel soll die Nichtregierungsorganisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste weniger Geld bekommen. Auch die Evangelische Journalistenschule soll möglicherweise geschlossen werden soll - das entscheidet sich nächstes Jahr. Aber auch Bildungseinrichtungen wie die Johannes a Lasco-Bibliothek in Emden müssen mit weniger Geld rechnen, und auch das erst vor einem Jahr geschaffene Amt des Antisemitismusbeauftragten könnte nach Planung der Finanzer schon nach der ersten Amtszeit wieder eingestellt werden. Und das an einem 9. November, wo die Präses Irmgard Schwaetzer noch einmal betont hat, wie wichtig der christlich-jüdische Dialog ist. Ich glaube, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Aber egal wo gespart wird - das wird für die Kirche ein schmerzhafter Prozess werden.

Auch die Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt und sexuellen Missbrauchs in der Kirche war Thema. Welche Rolle spielte es auf der Synode?

Ehlert: Keine ganze große. Glaubt man dem Beauftragtenrat, dann wurden alle Punkte, auf die man sich schon 2018 geeinigt hatte, jetzt - zumindest teilweise - umgesetzt oder wenigstens angestoßen, hieß es. Die Betroffenen sehen das allerdings etwas anders. Sie kritisieren, dass die Kirche allein entscheidet, wann etwas umgesetzt wurde und wann nicht. Und tatsächlich wirkt es schon etwas irritierend, dass auf dieser Synode Vertreterinnen und Vertreter des Betroffenenrates sexualisierter Gewalt, der sich ganz frisch gegründet hatte, nicht sprechen durften. Das sei nicht das richtige Forum, hieß es. Aber man hätte sie wenigstens fragen können. "Wir werden von der Kirche so liebevoll geschützt, dass man uns gar nicht erst gefragt hat", hat eine von ihnen gesagt. Und nun wird wieder über die Betroffenen gesprochen, statt mit ihnen. Man kann also seine vermeintlichen Fortschritte feiern und kritische Stimmen ausblenden - und das ist aus meiner Sicht ein deutlicher Rückschritt zum vergangenen Jahr, wo erstmals Betroffene sexualisierter Gewalt sprechen durften, wo viele sagten: Zum ersten Mal öffnen sich Türen, hier bewegt sich was. Das klingt jetzt anders, und aus Sicht der Betroffenen muss das eine bittere Enttäuschung sein. Für die EKD ist das aus meiner Sicht ein Armutszeugnis.

Im neuen Jahr könnte sich einiges ändern: Es wird nicht nur eine neue Synode gewählt, auch das Amt des Ratsvorsitzenden muss neu besetzt werden. Heinrich Bedford-Strohm kündigte an, nicht wieder anzutreten. Laufen sich da schon im Hintergrund mögliche Nachfolger warm?

Ehlert: Mit Sicherheit wird der eine oder die andere versuchen, sich in Position zu bringen - aber der Nachteil einer digitalen Synode ist, dass die vielen Strategiegespräche und Hinterzimmertreffen nicht stattfinden können. Was auch für uns Journalisten schwierig ist, denn so eine Synode ist immer der Ort, wo man im kleinen vertraulichen Kreis über solche Fragen sprechen könnte. Es gibt einige Stimmen, die meinen, es wäre Zeit für eine Frau an der Spitze der EKD - bis jetzt hat es nur Margot Käßmann geschafft. Da wird gelegentlich der Name der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs genannt, oder Annette Kurschus, die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die schon jetzt Bedford-Strohms Stellvertreterin ist. Sie stammt aus einer unierten und nicht aus einer lutherischen Kirche, wie Bedford-Strohm, also eine leicht andere Konfession. Auch das sind Fragen, die bei der Besetzung immer eine Rolle spielen. Aber das sind nur Spekulationen. Entschieden wird diese Frage erst auf der Synode im kommenden Jahr. Und bis dahin werden sich vielleicht auch noch einige andere warmlaufen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.11.2020 | 18:00 Uhr