Stand: 14.05.2019 17:36 Uhr

"Es gibt ein Newcomer-Problem in Cannes"

Die 72. Filmfestspiele von Cannes werden mit dem Zombiefilm "The Dead Don't Die" des amerikanischen Independent-Regisseurs Jim Jarmusch eröffnet. Die Filmkritikerin Katja Nicodemus wird die Filmfestspiele vor Ort verfolgen.

Große Namen beim 72. Filmfest in Cannes

Frau Nicodemus, glauben Sie, dass Jim Jarmusch dem schon fast zu Tode gerittenen Zombiefilm-Genre noch irgend etwas abtrotzen kann?

Katja Nicodemus: Ja, das war erstmal auch mein Gedanke: Fällt ihm da noch etwas ein, nach "The Walking Dead" und dieser Zombiefilm-Mode, die es seit fast zehn Jahren gibt? Andererseits ist Jim Jarmusch der Regisseur, der Genres immer neu gelesen hat. Sein Western "Dead Man" war so eine Art Todestrip, eine Reise in die Wälder mit Johnny Depp, fotografiert in einem wunderbar stilisierten Schwarz-Weiß. "Only Lovers Left Alive" mit Tilda Swinton und Tom Hiddleston war ein Vampirfilm, in dem die Vampire so etwas wie die Hüter unserer analogen Kultur geworden sind, der Bücher und der Schallplatten. Wenn jemand also einem scheinbar ausgelaugten Genre noch mal anderes Leben einhauchen kann, dann ist es Jim Jarmusch.

Jim Jarmusch gehört zu den Stammgästen von Cannes. Weitere Stammgäste sind Ken Loach, Marco Bellocchio, Pedro Almodóvar und Quentin Tarantino. Ist das eine Stärke des Festivals? Denn das steht ja auch für Kontinuität. Oder zeigt das die Nachwuchsprobleme von Cannes?

Weitere Informationen

Zombiekomödie hat Filmfest Cannes eröffnet

Die 72. Filmfestspiele in Cannes sind am Dienstag mit einer Zombiekomödie von Jim Jarmusch gestartet. Im Wettbewerb laufen Filme von Pedro Almodóvar, Jessica Hausner und Terrence Malick. mehr

Nicodemus: Vielleicht beides. Es ist sehr interessant zu sehen, wenn Pedro Almodóvar seine eigene Regisseur-Karriere mit dem autobiografischen Film "Schmerz und Ruhm" auf der Leinwand reflektiert, mit Antonio Banderas in der Hauptrolle - das will man natürlich sehen. Ich will auch sehen, was sich Ken Loach jetzt wieder ausgedacht hat, wie er wieder eine Geschichte aus dem Leben greift und aus dem britischen Arbeitermilieu erzählt. Auch die belgischen Brüder Dardenne haben einen Film gedreht, in dem sie die langsame Islamisierung eines jungen Mannes verfolgen.

Aber es ist schon so: Es gibt ein Newcomer-Problem in Cannes. Der 80-jährige Italiener Marco Bellocchio hat für mich gefühlte 150 Jahre lang keinen interessanten Film mehr gedreht, und jetzt kommt "The Traitor" über einen Mafia-Verräter. Da kam mir niemand erzählen, dass es da nicht irgendeine Newcomer-Alternative in einer anderen Sektion gibt, die es in diesem tollen Schlaglicht dieses Wettbewerbs vorzustellen gilt.

Abgesehen von ein paar Koproduktionen sind in Cannes keine deutschen Filme zu sehen. Aber immerhin sind einige deutsche Schauspieler zu Gast. Kann das die deutsche Branche irgendwie trösten?

Nicodemus: Ich finde schon. Man muss ein bisschen weg von dem nationalen Filmbegriff. Das Kino is so globalisiert, es steckt auch so viel deutsches Fördergeld in allen möglichen internationalen Produktionen. Der amerikanische Kultregisseur Terrence Malick hat den Film "Radegund" gedreht über den österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, der aus Gewissensgründen den Dienst bei der Wehrmacht verweigert hat und deswegen ermordet worden ist. In dem Film spielen August Diehl, Ulrich Matthes, Martin Wuttke, Franz Rogowski, Alexander Fehling mit, also die Crème de la Crème der deutschen Schauspieler. Oder Udo Kier, der hier plötzlich eine Hauptrolle in einem brasilianischen Film im Wettbewerb spielt. Er war bisher immer der Hollywood-Bad Guy und wurde dann zum Maskottchen-Schauspieler von Lars von Trier. Solche Überschneidungen sind interessante Phänomene.

Die deutsche Regisseurin Eva Trobisch bekommt in Cannes einen Preis für den Film "Alles ist gut". Das wundert, weil dieser Film eigentlich nicht im Wettbewerb läuft. Was ist das für ein Preis, den sie bekommt, und warum?

Interview

Akin-Produzentin: "Cannes ist größtes Filmfest"

Am 14. Mai startet das 72. Filmfestival in Cannes. Die Hamburger Fatih-Akin-Produzentin Nurhan Sekerci-Porst ist in die Jury der Reihe "Un certain regard" berufen worden. Ein Gespräch. mehr

Nicodemus: Ich finde, es ist ein Armutszeugnis, dass dieser wirklich interessante Film, einer der besten, wagemutigsten deutschen Filme der vergangenen Monate beim Deutschen Filmpreis leer ausgegangen ist. Er wurde für die Berlinale gar nicht eingereicht, aber er kriegt hier immerhin einen Preis, dotiert mit 50.000 Euro, im Rahmen der Aktion "Women In Motion", die weibliche Filmschaffende vorstellt. Das ist eine immense Aufmerksamkeit für eine deutsche Regiedebütantin, die von der deutschen Filmbranche ein bisschen vernachlässigt wurde.

Im vergangenen Jahr gab es einen Konflikt zwischen dem Festival und dem Streamingdienst Netflix. Wie stellt sich dieses Spannungsverhältnis in diesem Jahr dar? Laufen Netflix-Filme?

Nicodemus: Nein, es läuft kein einziger Netflix-Film. Der künstlerische Leiter Thierry Frémaux hat bei der Pressekonferenz behauptet, es hätte überhaupt keine Filme in der Auswahl gegeben, wo man nur darüber nachgedacht hätte, ob man irgend etwas von Netflix zeigt. Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht, ob zum Beispiel die Riesenproduktion von Martin Scorsese, der Abschluss seiner gesamten Mafiafilme in Cannes hätte laufen können - aber er hätte nicht laufen können, wenn man Netflix ausschließt. Und das ist für ein Filmfestival, das eigentlich State of the Art der Filmkunst sein muss, ein großes Problem, und es wird ein Problem bleiben, egal was Thierry Frémaux da erzählt.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.05.2019 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

54:00
NDR Kultur

Peace Island

NDR Kultur
02:29
Hamburg Journal