Stand: 16.05.2020 06:00 Uhr  - NDR Info

Kabarett und Corona: "Das Leben fehlt in diesem Laden"

von Julia Jakob

Corona habe ihn in Frührente versetzt, so der Kabarettist Django Asül in einem Zeitungs-Interview. Statt mit 78 Jahren eben schon mit 48, auch wenn das natürlich anders geplant war. Bis Theater oder Kleinkunstbühnen wieder öffnen, wird noch einige Zeit ins Land gehen. Wie hält man das aus? Wie überlebt man? Und vor allem: Wie lange? Beispiele aus Hamburg und Hannover.

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Matthias Brodowy versucht, seine Situation gelassen zu betrachten.

Der Kabarettist Matthias Brodowyaus Hannover bringt es auf den Punkt: "Auf einmal kommt aber null rein, und im nächsten Monat kommt wieder null rein, und es geht ganz viel raus und im nächsten Monat wieder Null rein - das ist schon ein bisschen problematisch." - "Ich stehe hier in diesem Saal und denke: Hier sitzt keiner mehr, hier lacht keiner mehr, das ist ganz grauenhaft, da fehlt einfach irgendwas, das Leben fehlt in diesem Laden", sagt Jan Hendrik Schmitz vom Theater am Küchengarten in Hannover. Im Gegensatz zu Selbstständigen wie Matthias Brodowy kann das TAK allerdings mit Fördergeldern von Stadt und Land arbeiten. Und auch Alma Hoppes Lustspielhaus in Hamburg wird von der Kulturbehörde mit monatlichen Geldern unterstützt. Jan-Peter Petersen und Nils Loenicker sind dankbar dafür, denn das hat das Haus vor dem Ruin bewahrt.

Überleben: Was kommt nach der Sommerpause?

Für Juli und August wird es wohl keine Unterstützung geben. Jan Schmitz vom TAK formuliert es klar: "Wenn wir ab September nicht aufmachen können, wird ein riesiges Theatersterben stattfinden, da bin ich mir absolut sicher." Dieses Damoklesschwert schwebt über allen Kulturschaffenden. Darüber regt sich Matthias Brodowy richtig auf: "Die Komiker, die Schauspieler, die Pantomimen, die Sänger, die Sprecher, die waren die letzten Jahrzehnte immer präsent und haben dieser Gesellschaft Freude bereitet, Kultur geschaffen, Möglichkeiten gegeben, sich mit Dingen zu beschäftigen." Jetzt fielen sie alle hinten über. "Das ist schon eine Katastrophe, denn ein Land ohne Kultur, ist ein Land, in dem ich nicht leben möchte."

Dass so wenig über Kultur diskutiert wird, die ja auch einen riesigen Anteil des gesellschaftlichen Lebens auch des Marktes ausmache und "dass keine Perspektiven eröffnet werden, finde ich schwierig. Man fühlt sich schon im Stich gelassen", findet Schmitz.

Szenarien für private Kultureinrichtungen ungeeignet

Die derzeitig entworfenen Szenarien - nur jede zweite Sitzreihe, Abstandsregeln - sind für private Kultureinrichtungen sinnlos. Denn die Ausgaben für den laufenden Spielbetrieb wären höher als die Einnahmen durch den Ticketverkauf.

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Streaming ist keine alternative zu einer Live-Show, meint der Kabarettist Nils Loenicker.

Veranstaltungen zu streamen - für Matthias Browody wäre das eine Idee. Dass man Formen verschmelzen lässt, findet er durchaus reizvoll. Für die Kabarettisten Loenicker und Petersen ist das keine ernst zunehmende Alternative: Streaming als Ersatz sei keine Lösung, denn politisch-satirisches Kabarett lebe von der Interaktion mit dem Publikum. "Jede Show ist anders."

Allen ist klar: Diese Phase der Unsicherheit wird noch lange dauern. Matthias Brodowy geht damit gelassen um, hat nur eine Befürchtung: "Das ist tragisch für junge Menschen, die auf Instagram als Influencer arbeiten. Deren Markt ist komplett eingebrochen. Die müssen sich etwas Neues suchen. Hauptsache ist, die werden nicht Kleinkünstler. Alles andere ist mir egal."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 14.05.2020 | 11:55 Uhr

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