Stand: 16.04.2018 14:17 Uhr

"Junk" am Schauspielhaus - die Gier nach Geld

von Heide Soltau

Nach "Geächtet" und "The Who And The What" konnte sich das Hamburger Schauspielhaus zum dritten Mal die deutschsprachige Erstaufführung eines Stücks von Ayad Akhtar sichern. Mit "Geächtet" hatte der amerikanische Autor 2016 seinen Durchbruch gefeiert. Darin ging es um das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft. Sein neues Stück "Junk" spielt in der Finanzwelt. Am Sonntag feierte es am Deutschen Schauspielhaus Premiere.

Da braut sich etwas zusammen. Ein Unheil, eine Lawine kommt ins Rollen, die am Ende alle mitreißt. Die Musik von Kostia Rapoport spricht eine deutliche Sprache. Junk heißt übersetzt Müll. Und um Müll geht es auch in dem Stück von Ayad Akhtar. Um Junk-Bonds, um sehr riskante, aber hoch verzinsliche "Ramschanleihen". Damit ködert der Investmentbanker Robert Merkin Investoren: "Jetzt halte dich mal fest: eine Anleihe mit 17 Prozent Zinsen! Und ich möchte einfach, dass du dieses Mal noch mehr investiert. Das wird unser gemeinsamer Eintritt in den Dow Jones."

Mit Schulden Millionen verdienen

Bild vergrößern
Spielt überzeugend eine Art "Oberheuschrecke" - Schauspieler Samuel Weiss.

Wer würde da nicht schwach bei diesem Zinssatz? In Ayad Akhtars Stück wollen schließlich alle etwas vom Kuchen. Robert Merkin, glänzend gespielt von Samuel Weiss, ist der Drahtzieher die Geschichte. Sie beruht auf wahren Begebenheiten, die sich Mitte der 80er-Jahre in den USA abspielten, aber keineswegs Vergangenheit sind. Mit Schulden werden bis heute Millionen verdient, mit Schulden ist Donald Trump an die Macht gekommen. Ayad Akhtar erzählt in "Junk", wie sich Investmentbanker, Anwälte und Investoren einwickeln lassen von dem rhetorisch brillanten Robert Merkin. Die Aussicht auf viel Geld lässt sie einknicken und ihre moralischen Grundsätze über Bord werfen. "Kauf Everson-Steal-Aktien und treib' den Kurs hoch. Aber nicht über 41, denn wir bieten ab 42. - Also einfach nur das übliche Spielchen? - Wie du es machst ist scheißegal, aber mach es einfach piano."

Korrupter Staatsanwalt

Selbst der Staatsanwalt, der Merkin eigentlich hinter Gitter bringen will, lässt viele Anklagepunkte wieder fallen, als ihm dieser großzügige Spenden für seinen Wahlkampf als Bürgermeister in Aussicht stellt. Und nicht nur er knickt ein. Auch die Journalistin lässt sich kaufen. Sie hat ein investigatives Buch über Merkin und seine Ramschanleihen geschrieben, aber  verzichtet auf die Veröffentlichung, als man ihr mehr Geld bietet, als sie je damit verdienen würde.

Regisseur Jan Philipp Gloger hat das Stück sehr pur auf die Bühne gebracht, ohne Requisiten. Die Schauspieler sitzen aufgereiht vor einer grauen Stahlwand, Lichtreflexe gleiten über sie und erzeugen zusammen mit der Musik eine nervöse Spannung. In schneller Folge wechseln die Szenen, fokussiert durch Lichtkegel, die sich auf die Schauspieler richten, wenn sie miteinander verhandeln. 

Dialoge sitzen, das Timing auch

Bild vergrößern
Jan Philipp Gloger setzt das Stück pur in Szene - ohne Requisiten. Die Schauspieler sitzen aufgereiht vor einer Stahlwand.

Das Publikum war zu Recht begeistert.  Der Autor Akhtar beherrscht sein Handwerk perfekt. Er ist ein Meister des sogenannten Well-made-plays. Da sitzen die Dialoge, da stimmt das Timing und er hat den Finanzleuten offenbar gut aufs Maul geschaut. So, stellt man sich zumindest vor, sprechen sie, die Typen, die hemdsärmelig an ihren Computern hängen und das Credo des freien Marktes singen. Skrupellos und zynisch wie Robert Merkin. Seine Philosophie ist gnadenlos, er schont nichts und niemanden und verkauft das als großen Wurf. Im Theaterstück heißt es: "Wenn du dich nicht änderst, dann stirbst du. Und das passiert gerade in diesem Land. Wenn wir es nicht ändern. Und das werden wir. Wir gestalten die Zukunft, wir schreiben Geschichte. Wir verändern die Welt."

Und wie sie sich mit den Junk-Bonds, den Ramschanleihen, verändert hat, wissen wir spätestens seit der Finanzkrise 2007. Ayad Akhtar strahlte, als er sich auf der Bühne verneigte. Er genoss den Beifall des Publikums. Regisseur Jan Philipp Gloger hat seine Vorlage temporeich umgesetzt und die Regieanweisungen des Autors beherzigt. Kein Bühnenrealismus und keine 80er-Jahre-Nostalgie, heißt es da. Das Drumherum des Geschehens solle sich im Kopf der Zuschauer abspielen. Man hätte sich für manche Rollen andere Schauspieler gewünscht. Die drei Frauen waren schwach, der Journalistin etwa fehlte das Zupackende. Samuel Weiss aber wirkte so fies überzeugend in der Rolle der "Oberheuschrecke", dass er damit auch im Finanzsektor Karriere machen würde.

"Junk" am Schauspielhaus - die Gier nach Geld

Mit "Ramschanleihen" werden bis heute Millionen verdient: Davon handelt Ayad Akhtars temporeiches Stück "Junk", das am Schauspielhaus Hamburg am Sonntag überzeugende Premiere feierte.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Telefon:
Kartentelefon: 040 / 24 87 13
Preis:
10 bis 37 Euro
Hinweis:
Stück von Ayad Akthar, deutsch von Michael Raab
Regie: Jan Philipp Gloger
Darsteller: Paul Behren, Jan-Peter Kampwirth, Matti Krause, Anne Müller, Samuel Weiss, Daniel Zillmann
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 16.04.2018 | 06:55 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Junk-Premiere-am-Schauspielhaus,junk154.html

Mehr Kultur

58:27
die nordstory

Hamburg von unten: Die Stadt unter der Stadt

10.12.2018 14:15 Uhr
die nordstory
43:06
NDR Info

Der Blechschuppen

09.12.2018 21:05 Uhr
NDR Info
03:13
Schleswig-Holstein Magazin

Dörte Hansen stellt in Husum neuen Roman vor

09.12.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin