Stand: 08.11.2017 18:42 Uhr

Irene Dische über ein Jahr Donald Trump

Vor einem Jahr geschah das, was viele für nahezu unmöglich gehalten hatten: Der Milliardär Donald Trump, der im Wahlkampf vor allem durch populistische, rassistische und sexistische Äußerungen aufgefallen war, wurde zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Die Schriftstellerin Irene Dische ist Deutsch-Amerikanerin und deshalb bestens vertraut mit dem Leben jenseits des großen Teiches.

NDR Kultur: Frau Dische, vor zwölf Monaten gewählt, vor zehn Monaten ins Amt eingeführt: Haben Sie den Eindruck, dass sich Amerika unter Trump verändert hat?

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Irene Dische ist entsetzt, dass Trump laut Umfragen wieder gegen Hilary Clinton gewinnen würde.

Irene Dische: Wenn Sie mich gestern gefragt hätten, hätte ich gesagt, dass die Wählerschaft die Wahl Trumps bereut. Und das wäre eine gute Sache. Aber heute gab es Meldungen, dass Trump laut Umfragen wieder gewinnen würde, wenn es wieder eine Wahl zwischen ihm und Hilary Clinton geben würde. Das hat mich etwas erschrocken. Ich würde das gerne etwas optimistischer sehen, dass diese Präsidentschaft eine Art Lehre ist für die Leute hier ist, aber es scheint nicht ganz so zu laufen.

Ist denn der aufgeklärtere Teil der Gesellschaft, der sich viel an der West- und an der Ostküste ballt, nicht in der Lage zu schauen, warum diese Stimmung vorher so war und im Moment scheinbar wieder ähnlich ist? Da fühlt sich doch offensichtlich eine große Menge von Amerikanern abgehängt, oder?

Dische: Sie sind ja nicht abgehängt, sie sind jetzt an der Macht. Es gibt eine stetige Anzahl von Republikanern - heute waren es 91 Prozent - die ihn weiterhin gut finden. Egal wie viele Republikaner, wie etwa McCain, sich laut gegen ihn wenden, die sagen, dass er abgewählt werden soll, dass er nicht tauglich ist. Aber das scheint der Wählerschaft nicht einzuleuchten. Offensichtlich besteht dieses Land zu ein bisschen mehr als einem Drittel aus Leuten, die ein bisschen ahnungslos sind. Sie profitieren seelisch von seiner Vulgarität - ich kann es mir nicht anders zusammenreimen.

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Was hat Trump bislang erreicht?

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Es ist offensichtlich der Eindruck entstanden, dass dieses verkrustete Establishment, dieser Apparat in Washington nicht mehr so richtig funktioniert. Man muss aber auch feststellen, dass ein Jahr nach seiner Wahl Trump von seinen angekündigten Reformen noch so gut wie keine realisieren konnte. Woran liegt das in den Augen der Trump-Wähler und warum halten sie ihm trotzdem noch die Stange?

Dische: Weil sie mit Recht den Demokraten vorwerfen können, dass sie korrupt sind. Die demokratische Partei ist sehr verkrustet. In den letzten Tagen wurde bestätigt, dass Hilary Clinton Bernie Sanders die Nominierung mit finanziellen Druckmitteln weggenommen hat. Sie hatte - genau wie Trump - auch Verbindungen zu Russland: Sie hat auch versucht, Informationen von den Russen zu bekommen, die sie gegen Trump benutzen könnte. Trump hat das auch nicht anders gemacht. Der Vorwurf, dass er mit den Russen zusammengearbeitet hat, interessiert die Republikaner jetzt nicht mehr.

In den Umfragen würde Trump gegen einen anderen demokratischen Kandidaten verlieren, aber gegen Hilary Clinton würde er noch einmal gewinnen.

Was Sie beschreiben, ist eine politische Polarität, die im Moment kaum einen Ausweg darstellt - oder sehen Sie einen?

Dische: Ich hoffe nicht, dass er angeklagt wird, was immer öfter vorausgesagt wird. Ich hoffe es aus dem einfachen Grund, weil das, was nach ihm kommen würde, wahrscheinlich noch schlimmer wäre, nämlich Pence und Ryan, die viel durchsetzungsfähiger sind als Trump. George Bush Jr. konnte sehr viele böse Sachen durchsetzen - und da hatte niemand etwas dagegen. Gegen Trump haben sie sehr viel - und deswegen kann er eigentlich nichts bewirken.

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Sie haben beschrieben, dass Trump bisher nicht viel erreicht hat. Kann man das auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in den USA ausweiten? Im Bereich Wissenschaften, im Bereich Kultur - ist er da genauso ergebnislos, oder merkt man dort die Ära Trump?

Dische: Doch, das merkt man, weil er es geschafft hat, große Gelder des Kulturetats zu streichen. Das entspricht auch dem Wunsch der 39 Prozent der Amerikaner, die die Kunst nicht interessiert. Sie haben kein Interesse an Theater und an klassischer Musik. Ich habe viele Freunde am Theater, denen die Budgets gestrichen wurden. Insofern hat er dort einiges erreicht.

Ruft das Proteste hervor? In der Zeit nach der Wahl hat man Straßenproteste gesehen - jetzt hat man den Eindruck, der Protest ist einigermaßen eingeschlafen, oder?

Dische: Ja, er ist eingeschlafen. Den Protest auf der Straße gibt es jetzt wirklich selten, aber der Protest unter den Menschen ist verschärft, und zwar immer mehr. Man kommt einfach gegen dieses eine Drittel nicht an. Sie ändern ihre Meinung nicht. Sie glauben an Trump, und ihnen ist alles egal, was er tut. Seine unglaubliche Vulgarität interessiert sie nicht, auch nicht, dass er nichts erreicht. Sie geben die Schuld anderen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Autorin Irene Dische © NDR Fotograf: NDR

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Vor einem Jahr wurde Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Irene Dische zieht eine Bilanz.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.11.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Irene-Dische-ueber-Donald-Trump,journal1064.html

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