Stand: 05.12.2016 18:51 Uhr

"Toll zu sehen, wie viele Leute geputzt haben"

"Stolpersteine" heißen die kleinen goldenen Steine, die in Gehwege eingelassen sind; jeder von ihnen ist eine Gedenktafel für genau einen Menschen. Verlegt sind die Steine dort, wo Opfer des Nationalsozialismus ihren letzten selbst gewählten Wohnort hatten - allein in Hamburg gibt es über 5.000. Ihr Erfinder ist der Künstler Gunter Demnig, er möchte mit den Stolpersteinen die Erinnerung an die Opfer der Nazis wachhalten: "Nicht der Stein ist das Kunstwerk, sondern das, was ringsum passiert. Wobei ich erst gedacht habe, in Hamburg ist man eher zurückhaltend, aber gerade hier habe ich eine Offenheit erlebt. Eine ganz tolle Erfahrung."

Bild vergrößern
Laura Sonnefeld möchte die gelungene Aktion gerne wiederholen.

Und eine Hamburgerin war es auch, die an diesem Wochenende dazu aufgerufen hat, sich einen Lappen zu schnappen und die Stolpersteine in der eigenen Nachbarschaft zu putzen. Über Facebook hat Laura Sonnefeld schnell viele Mitstreiter gefunden; auch in vielen anderen Städten sind die Leute rausgegangen, haben der Opfer gedacht und deren Steine poliert. NDR Kultur hat mit der Initiatorin über ihre Idee und das Gedenken an die Opfer gesprochen.

Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Putz-Aufruf gekommen?

Laura Sonnefeld: Die Idee zum Stolpersteine-Putzen kam mir ganz spontan. Ich wollte gerne vor Weihnachten noch etwas Sinnvolles tun und durch die aufkommenden mulmigen Gefühle nach der Wahl in den USA und den medialen Verweisen auf die bevorstehende deutsche Wahl 2017 entschied ich mich dazu, Stolpersteine zu putzen. Dann habe ich die Facebook-Veranstaltung erstellt und Freunde eingeladen. Ich dachte mir: So putzt du nicht alleine und machst zugleich noch mehr Menschen auf das Thema aufmerksam.

Was möchten Sie damit bewirken?

Sonnefeld: Erst einmal wollte ich an Menschen erinnern, die nicht mehr für sich selbst sprechen können. Aber natürlich habe ich auch die Wahlen im kommenden Jahr im Hinterkopf. Es wäre schön, wenn meine Aktion auch nur eine Handvoll Leute daran erinnert hat, wohin rechte Politik führen kann.

Die Putzaktion für Stolpersteine

Sie haben viel Resonanz bekommen - nicht nur aus Hamburg. Haben Sie damit gerechnet? Was waren das für Reaktionen?

Sonnefeld: Ich habe mich sehr über die Resonanz auf meine Aktion gefreut! Es war toll zu sehen, wie viele Leute auf das Thema aufmerksam wurden und auch selbst geputzt haben. Auf Twitter und Facebook habe ich zahlreiche Kommentare und Fotos bekommen - mit so einer Rückmeldung hatte ich nicht gerechnet. Aber auch negative Stimmen waren dabei, die die Stolpersteine als weitere Demütigung der Juden betrachten. Eine Ansicht, mit der ich mich bisher noch nicht auseinandergesetzt hatte und die mich auch noch einmal zum Nachdenken angeregt hat. Die deutsche Erinnerungskultur ist ein komplexes Thema und natürlich auch sehr von persönlichen Familiengeschichten geprägt, dementsprechend hitzig wurde die Diskussion online geführt. Diese negativen Reaktionen auf meinen Putz-Aufruf muss ich erst einmal verdauen.

Was haben Sie selbst erlebt, als Sie Stolpersteine geputzt haben?

Sonnefeld: Wir waren am Sonntag zu dritt unterwegs und haben insgesamt ca. 30 Stolpersteine in Altona geputzt. Meist haben Spaziergänger und Anwohner neugierig geschaut, uns freundlich gegrüßt und für unsere Aktion gelobt. Eine Familie ist stehengeblieben und hat sogar selbst den Lappen geschwungen. Sie haben uns erzählt, dass sie Familie in Israel haben und regelmäßig die Steine in ihrer Straße putzen. Wir haben uns dann noch über die verschiedenen Wunder-Putzmittel ausgetauscht. Messing kriegt man ja nicht mit allem sauber. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Menschen sich gefreut haben und die Kommunikation angeregt wurde.

Sie haben ja zunächst ein konkretes Datum gesetzt, den 4. Dezember. Geht es jetzt weiter?

Sonnefeld: Bisher gibt es noch keine konkreten Pläne. Allerdings haben wir gestern Abend gleich festgehalten, dass wir wieder putzen werden. Vielleicht ein Frühjahrsputz? Mal schauen.

Das Interview führte Jil Hesse.

Weitere Informationen

Eine Brücke ins YouTube-Zeitalter

In einem crossmedialen Projekt haben Hamburger Design-Studenten in Zusammenarbeit mit der jungen NDR Welle N-JOY Berichte Auschwitz-Überlebender in künstlerische Videos umgesetzt. mehr

Wie die Stolpersteine an NS-Opfer erinnern

Mit Tausenden Stolpersteinen in Gehwegen erinnert der Künstler Gunter Demnig an die NS-Opfer. Am Jahrestag der Reichspogromnacht finden überall im Norden Putz-Aktionen statt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 05.12.2016 | 15:20 Uhr

Mehr Kultur

52:17
NDR Info
58:41
NDR Info