Stand: 22.09.2020 17:16 Uhr

Immunitätsausweis und Ethikrat - Verlockungen widerstanden

Der Deutsche Ethikrat lehnt in seiner Empfehlung zum jetzigen Zeitpunkt den Immunitätsausweis einstimmig ab. Zuvor erbat Gesundheitsminister Spahn eine Stellungnahme des Gremiums zu eben jenem Ausweis. Mit ihm sollte dokumentiert werden, dass ein Mensch eine Covid-19-Infektion hinter sich hat. Die Hoffnung dahinter: Der Ausweis solle Sicherheit schaffen für diejenigen, die eine Covid-19-Erkrankung hinter sich haben, aber auch für diejenigen, die mit diesen Menschen zum Beispiel zusammenarbeiten, weil sie vor einer Ansteckung durch die Genesenen sicher sind.

Ein Kommentar von Florian Breitmeier

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier leitet die Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Den totalen Notfall, den zweiten Lockdown verhindern - da klingt der Vorschlag nach einem Immunitätsausweis doch sehr verlockend! Wer eine Covid-19-Infektion überstanden hat, zeigt sich künftig widerstandsfähig gegen das gefährliche Virus. Und wer immun ist, kann andere nicht anstecken und wäre zum Beispiel an besonders sensiblen Stellen des Gesundheits- und Sozialsystems einsetzbar: auf der Intensivstation oder im Altenheim. Auch Reisen und Partys wären problemlos möglich.

Und wer würde sich im Restaurant oder im Hotel nicht gern von freundlichen Fachkräften bedienen lassen, die auch einwandfrei nachweisen können, den Gast nicht anstecken zu können? Klingt alles sehr verlockend - doch diese Rechnung geht nicht auf.

Kein dauerhaftes Freifahrtticket

Davon ist auch der Deutsche Ethikrat mit seiner nun vorgestellten Empfehlung überzeugt. Zum einen ist derzeit noch völlig unklar, wie lange eine Immunität nach einer überstandenen Infektion überhaupt anhält: dauerhaft, ein Jahr, einige Wochen? Vermutlich wird es so viele Immunitätsgrade geben, wie es vielfältige Verläufe dieser seltsamen Erkrankung gibt. Ob, ab wann und inwieweit ein neu Infizierter dann sogar wieder ansteckend sein könnte, wird ebenfalls noch intensiv erforscht. Der Immunitätsausweis wäre derzeit also alles andere als ein dauerhaftes Freifahrtticket für den öffentlichen und persönlichen Nahverkehr.

Das legen auch Forschungen von Wissenschaftlern der Universität Lübeck nahe. Sie präsentierten Studienergebnisse, wonach Patienten, die während ihrer Infektion keine Symptome zeigten oder deren Krankheitsverlauf milde verlief, bereits nach wenigen Wochen keine Antikörper mehr aufwiesen. Von falschen Testergebnissen ganz zu schweigen. Die Aussagekraft eines Immunitätsausweises kann also zeitlich sehr begrenzt sein und die Inhaber in falscher, ja gefährlicher Sicherheit wiegen. Auch die Ansteckungsgefahr für andere ist womöglich nicht dauerhaft gebannt. Schlimmstenfalls stecken sich sogar Menschen bewusst an, um mit einem Immunitätsausweis in der Tasche bei der Jobsuche ihrem potentiellen Arbeitgeber ein vermeintlich entscheidendes Einstellungskriterium zu liefern.

Lassen Sie mich durch, ich bin immun!

Oder die Verwaltungen von Alten- und Pflegeheimen machen Druck und verlangen den Ausweis von Menschen, die gerne in die Einrichtung einziehen würden. Der Ausweis würde also mehr spalten als zusammenführen. Er wäre im wahren Wortsinn der Ausdruck einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die Besitzer des entsprechenden Dokuments prahlen könnten: Mein Auto, mein Haus, mein Immunitätsausweis! Oder: Lassen Sie mich durch, ich bin immun!

Und auch, ob das Dokument überhaupt fälschungssicher wäre oder ob damit nicht auch finanzielles Schindluder getrieben werden könnte, ist eine berechtigte Frage. Datenschutz spielt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle, weil entsprechende Unternehmen die sensiblen Daten sammeln und verarbeiten müssten, um sie bei entsprechender Anfrage auch digital verfügbar machen zu können. Der Schritt des Menschen in eine von ihm selbst forcierte digitale Identität, die jederzeit abrufbar sein und auf Nachfrage vorgelegt werden müsste, wäre hier nicht mehr weit.

Lockdown der Solidarität?

Gleichwohl meint die Hälfte der Ethikrats-Mitglieder, dass bei einer Klärung der offenen Fragen hinsichtlich der Immunität und der Infektiosität der Ausweis schrittweise oder in bestimmten Bereichen zum Einsatz kommen könnte. Doch Skepsis bleibt auch dann angebracht. Ein Immunitätsausweis würde letztendlich bei vielen Menschen ein Gefühl von sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung hervorrufen oder verstärken.

Die trügerische Hoffnung darauf, mit diesem womöglich einen zweiten Lockdown zu verhindern, untergräbt das Fundament aus Empathie, Zusammenhalt und Verantwortung, auf dem wir in der Corona-Krise hierzulande immer noch recht stabil stehen. Schlimmstenfalls führt ein Immunitätsausweis zu einem Lockdown der Solidarität und damit zu einer starken Erschütterung des sozialen Miteinanders. Den politischen und wirtschaftlichen Verlockungen des Dokuments sollten wir deshalb weiterhin widerstehen. Gezielte Aufklärung, Abstand und Hygieneregeln helfen uns mehr als jeder Immunitätsausweis.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 22.09.2020 | 15:40 Uhr