Stand: 06.08.2020 10:33 Uhr

Ifo-Studie: Deutlich weniger Lernzeit während Corona

Es wurde viel darüber diskutiert, wie die Rückkehr zur Schule nach den Ferien funktionieren könnte. Eine neue Studie des Münchner ifo Institutes untermauert, dass Präsenzunterricht von signifikanter Bedeutung für Chancengerechtigkeit ist. Ein Gespräch mit dem Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, Ludger Wößmann.

Sie haben Eltern aus über 1.000 Haushalten befragt, wie die schulpflichtigen Kinder ihre Zeit verbracht haben - vor und während Corona. Was sind die Haupterkenntnisse?

Ludger Wößmann © imago Foto: Reiner Zensen
"Schüler könnten später im Durchschnitt drei bis vier Prozent geringere Einkommen haben", erklärt Ludger Wößmann, Leiter der ifo Studie.

Ludger Wößmann: Die Zeit, in der sich die Kinder täglich mit der Schule beschäftigt haben, hat sich in der Corona-Zeit halbiert. Vor Corona waren es knapp siebeneinhalb Stunden: Da waren die Kinder sechs Stunden in der Schule und haben eineinhalb Stunden Hausaufgaben gemacht. Während Corona hat sich diese Zeit auf gut dreieinhalb Stunden verkürzt. 38 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben höchstens zwei Stunden am Tag gelernt, dreiviertel aller Schüler höchstens vier Stunden. Zum Vergleich: Vor Corona haben sich 89 Prozent der Schulkinder mindestens fünf Stunden pro Tag mit schulischen Aktivitäten beschäftigt.

Und was haben die Kinder stattdessen gemacht?

Wößmann: Wir haben uns verschiedene andere Aktivitäten angeschaut wie Lesen, Musizieren oder Bewegungen, die durchaus auch als entwicklungsfördernd für Kinder und Jugendliche angesehen werden können: Die sind nur leicht angestiegen, auf gut drei Stunden. Was stattdessen sehr stark angestiegen ist, sind Tätigkeiten wie Fernsehen, Computerspielen und Beschäftigung mit dem Handy. Das waren schon vor Corona vier Stunden pro Tag, während Corona ist das auf 5,2 Stunden gestiegen. Die Kinder haben also im Durchschnitt eineinhalb Stunden mehr mit Fernsehen, Computerspielen und Handy verbracht als mit schulischen Angelegenheiten.

Am Homeschooling wurde immer bemängelt, dass die technische Ausstattung bei vielen Schülerinnen und Schülern nicht vorhanden ist. Sie sagen aber, dass die Kinder zwar Computer haben, aber statt darauf zu lernen, haben sie eher YouTube-Videos geschaut oder gespielt. Wie kann man eine Kontrolle sicherstellen, wenn die Eltern sich darum nicht kümmern können oder wollen?

Wößmann: Das Einfachste wäre der tägliche Online-Unterricht, sodass die Lehrer sehen, dass die Kinder und Jugendlichen eingeloggt sind. Gerade dann kann man Inhalte vermitteln. Allerdings hatte die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, 57 Prozent, weniger als einmal pro Woche gemeinsam Online-Unterricht. Bei 45 Prozent war das nie der Fall. Nur in sechs Prozent der Schulen war das täglich der Fall. Wir haben auch gefragt, wie häufig die Kinder und Jugendlichen individuellen Kontakt mit ihren Lehrkräften hatten - das war noch seltener.

Stattdessen wurden fast allen Schülerinnen und Schülern wöchentlich Aufgabenblätter bereitgestellt, die sie zu bearbeiten hatten. Da wird nicht nur keine Kontrolle geleistet, sondern es wird auch nichts vermittelt. Gerade die leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler hatten deutlich weniger Lernzeit während Corona - und seltener Online-Unterricht und individuellen Kontakt mit Lehrkräften. Sie haben aber deutlich mehr Zeit mit Computerspielen verbracht. Das war eine besonders große Belastung. Ich denke, leistungsstarke Schüler werden leidlich gut damit zurechtkommen, wenn sie nur Aufgabenblätter bekommen. Sie müssen sich in den Schulbüchern selber die Lerninhalte erarbeiten und die Aufgaben machen. Den leistungsschwächeren Schülern ist das zu viel, die werden es nicht schaffen. Genau das ist ja das, was Schule kann, was die Lehrkräfte können: Inhalte vermitteln, erkennen, wo es bei den Schülern hakt, und versuchen, es besser zu erklären. All das wird beim Homeschooling ohne Online-Unterricht verloren gehen.

Was bedeutet das langfristig für die Corona-Schulkinder?

Wößmann: Es wurde in dieser Zeit deutlich weniger gelernt, die kognitive Entwicklung hat sich verlangsamt, es haben die sozialen Interaktionen mit anderen Mitschülern gefehlt. Insgesamt sind die Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Viele Studien belegen, dass das, was man in der Schule lernt, die Grundkompetenzen, später sehr eng mit dem Erfolg am Arbeitsmarkt zusammenhängt. Das, was im Durchschnitt in einem Schuljahr gelernt wird, hängt mit einem ungefähr zehn Prozent höheren Erwerbseinkommen übers gesamte Erwerbsleben zusammen. Wenn also ein Drittel des Schuljahres ausgefallen ist, müssen wir damit rechnen, dass die Schülerinnen und Schüler später im Durchschnitt drei bis vier Prozent geringere Erwerbseinkommen haben werden.

Welche politischen Forderungen erwachsen aus diesen Ergebnissen?

Wößmann: Zwei Forderungen daraus sind ganz offensichtlich. Die erste ist: Wo immer es geht, sollte Präsenzunterricht stattfinden, weil es das ist, was am besten klappt, wo die Kinder etwas von den Lehrern vermittelt bekommen und wo sie in die Schule gehen und dort die Zeit mit Lernen verbringen. Man bekommt dort Hausaufgaben und am nächsten Tag wird überprüft, ob die gemacht wurden.

Wann immer es wieder zu Infektionsgeschehen kommt, sollten wir als erstes möglichst niedrige Einheiten, zum Beispiel Klassenverbände, wieder in Quarantäne schicken und nicht ganze Schulen und schon gar nicht ganze Landkreise. Immer dort, wo es nicht zu verhindern ist, dass Schulen geschlossen werden, wäre es wichtig, dass die Schulen dann direkt auf Online-Unterricht umstellen, damit die Kinder wieder Inhalte vermittelt bekommen. Hier bedarf es klarer Vorgaben von der Politik, dass Online-Unterricht gemacht wird und dass die Lehrkräfte täglich Kontakt mit ihren Schülerinnen und Schülern halten.

Sie haben zwischen lernschwächeren und leistungsstärkeren Schülerinnen und Schülern unterschieden. Bei der Untersuchung sind aber nicht alle Eltern erreicht worden - das war eine Online-Untersuchung und auch nur auf Deutsch. Die Schere könnte also noch weiter auseinander gehen, oder?

Wößmann: Ja, in der Tat. Wir erfahren in dieser Befragung wenig über Haushalte, in denen Deutsch nicht die übliche Sprache ist. Die Befragung ist schon repräsentativ für die deutsche Bevölkerung, sodass man hoffen kann, dass sie die Realität in Deutschland ganz gut abbildet.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.08.2020 | 19:00 Uhr