Eva von Redecker © picture alliance/dpa Foto: Horst Galuschka

#IchBinHanna: Protest gegen Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft

Stand: 17.06.2021 11:25 Uhr

Unter #IchBinHanna protestieren Doktoranden und Postdocs gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und damit gegen die unsicheren, zermürbenden Arbeitsbedingungen. Ein Gespräch mit der Philosophin Eva von Redecker.

Eva von Redecker © picture alliance/dpa Foto: Horst Galuschka
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Frau von Redecker, Sie haben sich rasch mit den Wissenschaftlerinnen solidarisiert. Aus welchem Impuls heraus?

Eva von Redecker: Aus einer lang anhaltenden, geteilten Sorge um diese Zustände und natürlich auch aus eigener Betroffenheit. Obwohl ich im Moment ganz gut dastehe, unter anderem, weil ich die Uni zwischendurch für eine Weile verlassen habe, sind die Zustände schwer nach außen übersetzbar, welcher Druck und welche Zermürbung da auf den Einzelnen lastet, obwohl wir als Wissenschaftlerinnen eigentlich eine sehr privilegierte Stellung in der Gesellschaft haben.

Welche Erfahrungen oder Erzählungen bringen Sie persönlich aus dem Bereich Wissenschaft mit?

von Redecker: Ich hatte das Glück, zehn Jahre lang auf zwei aufeinanderfolgenden Qualifikationsstellen an der Uni beschäftigt gewesen zu sein, unter diesem Wissenschaftszeitgesetz. Ich hatte viele Kolleginnen, denen es genauso ging, und war auch im Ausland, sodass ich ein bisschen den Vergleich kenne. In Amsterdam an der Uni ist es so, dass wenn man sechs Jahre lang bestimmte Tätigkeiten gemacht hat, die Universität verpflichtet ist, einen festen Vertrag zu vergeben. Es ist genau das Gegenteil des deutschen Wissenschaftszeitgesetzes, bei dem nach sechs Jahren Schluss ist und der Vertrag nicht mehr verlängert werden kann, wenn die Qualifikation nicht vorliegt. Nach der Habilitation ist dann sowieso Schluss.

Um die Debatte zu verstehen, ist es wichtig sich vor Augen zu führen, dass sich in Deutschland im Moment zwei Systeme kreuzen: ein altes, sehr hierarchisch feudales Wissenschaftssystem, in dem die Ordinarien mit ihren Lehrstühlen Assistenten haben, die sie persönlich auswählen, und ein starkes beidseitiges Abhängigkeitsverhältnis besteht. Und ein neoliberales allgemeines Konkurrenzmodell, was dazu führt, dass bei Einstellungen nicht mehr zählt, ob jemand ein gutes Wort für einen einlegt, sondern ob man anhand von sich ständig ändernden, quantifizierbaren Kriterien gut genug abschneidet. Und das ist immer nach oben offen - man kann immer noch mehr versuchen zu publizieren und noch mehr Stunden zu arbeiten. Es gibt da kein natürliches Ende. Dieser Stress, dass diese beiden Systeme so ineinanderfallen und man "the worst of both worlds" hat, führt zu diesem Unmut, der sich jetzt artikuliert.

Was hat das für Auswirkungen auf Forschungsergebnisse? Es ist ja auch vorgesehen, in der Forschung zu scheitern. Wenn ich einen Zeitvertrag habe, dann traue ich mich vielleicht ja auch gar nicht zu scheitern.

von Redecker: Sie kriegen den Zeitvertrag oft gar nicht, wenn Sie nicht schon in der Drittmitteleinwerbung ganz glaubhaft suggerieren können, dass es wirklich sicher ist, dass Sie ein Ergebnis erzielen werden. Das System ist darauf angelegt, um dem höheren Zweck der Universität zu dienen. Es funktioniert nur, wenn man dann innerhalb dessen trickst. Das ist unglaublich anstrengend und demotivierend. Mir hat es geholfen, mit Leuten außerhalb der Wissenschaft zu sprechen, um nicht so eine Art Zynismus zu übernehmen, der dann irgendwann in den Instituten herrscht, wenn jede Anstrengung nur noch darauf zielt, etwas in der Konkurrenz Verwertbares zu schaffen und nicht der Leidenschaft und der Neugierde nachzugehen, mit der man die Felder mal betreten hat.

Ich beobachte auch dramatische Einzelschicksale, wo es nicht nur darum geht, dass Leute ein bisschen erschöpft sind. Gerade in der Philosophie verhindert diese Unsicherheit bei Frauen die Familienplanung. In Deutschland ist es so, dass man erst ab 40 eine feste Stelle, also eine Professur, kriegt - das ist genau der Zeitpunkt, wo es für die Männer biologisch noch nicht zu spät ist, für die Frauen aber schon. Da ist ein zusätzlicher Stressfaktor eingebaut. Da gibt es massiven Medikamentenmissbrauch, immer wieder Aufenthalte in Kliniken, und das kann niemand laut sagen, noch nicht mal auf Twitter schreiben, weil man parallel weiterhin um seine Karriere bangt. Ich finde es bemerkenswert, dass wir es geschafft haben, dass selbst diejenigen, die in unserer Gesellschaft sehr privilegiert sind, unter solchem Druck arbeiten müssen und deshalb weniger gemeinwohl- und zukunftsorientiert arbeiten, als sie das könnten und oft auch wollten.

Was kann eine Aktion wie #IchBinHanna, die ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommt, bewirken?

von Redecker: Das Wichtigste ist, dass sie eine kollektive Organisierung der Betroffenen untereinander schafft, ein anderes Selbstbewusstsein und vor allem das Gefühl, dass man mit dem Problem nicht allein ist. Denn viele haben das Gefühl, dass man selber schuld ist und dass alle anderen das irgendwie hinkriegen. Es gibt ganz viel Freundschaft und gegenseitige Hilfe unter den Wissenschaftler*innen, aber das steht alles unter der Ägide, dass man weiß, dass man mit 200 anderen um dieselbe Stelle konkurrieren wird. Diese Rahmenbedingungen sind verrückt.

Diese Mobilisierung, Organisierung und Zusammenarbeit, um gemeinsam dieses System ein bisschen menschen- und arbeiterfreundlicher zu machen - das finde ich sehr hoffnungsstiftend. Das wird auch zu viel besserer Forschung führen. Und da das eine Gruppe mit hoher Artikulationskraft ist, findet das hoffentlich auch Gehör in der Politik.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.06.2021 | 18:00 Uhr