Claudius Schulze steht auf seinem Boot "Zoe X". Man sieht eine Anzeigetafel, ähnlich wie an einem Flughafen. © NDR Foto: Peter Helling

Hightech-Boot im Hamburger Hafen beobachtet die Natur

Stand: 20.08.2022 12:59 Uhr

Haben Sie heute schon nach oben geguckt? Wenn Sie selten oder nie in den Himmel schauen, dann gibt es jetzt eine Maschine, die das für Sie tut. Diese Maschine liegt im Hamburger Hafen und ist Hightech und Kunstwerk in einem.

von Peter Helling

"Wir sind jetzt gerade hier beim Hafenmuseum, am Anleger, direkt vor der Zoe X, meinem kleinen künstlerischen Forschungsschiff", erzählt Claudius Schulze. Zoe ist ein schwarzer Kutter - unscheinbar auf den ersten Blick - verglichen mit den stolzen Pötten gleich nebenan: "Die Peking ist nicht weit, der Scharhörn ist nicht weit, das ist hier ein ganz illustrer Kreis an alten Booten." Aber was für Menschen gilt, kann auch für Kutter nicht falsch sein: Oft steckt hinter einer grauen Maus ein Wunderwerk an Intelligenz, an Empathie. Wer will schon so groß und schön, aber etwas schlicht sein wie die Peking?

"Wo wir jetzt hier stehen, ist ein Forschungsschiff - das ganz alleine, autonom, Vögel beobachtet", erklärt Schulze. "Es hört die Vögel, es sieht die Vögel, es gibt Kameras, die den Himmel filmen und dann mit Bilderkennung und K.I. erkennen, wenn ein Vogel vorüber fliegt, wohin er fliegt, wie er fliegt, ob er panisch flattert oder ganz entspannt vorbei gleitet." Claudius Schulze hat Zoe in Freiburg gekauft und über den Rhein bis in den Hamburger Hafen geschippert. Er hat das robuste Schiff in eine freundliche Maschine verwandelt, übersäht mit Solarzellen, innen und außen voll mit Hightech. 

"Ein gemächlicher Vogel zieht mit gemächlichen Flügelschlägen Richtung Osten"

Hinten auf dem Heck steht - man reibt sich die Augen - eine An- und Abflugtafel, wie sie hundertfach in jedem Flughafen zu finden ist. Aber statt gecancelte Flüge nach Marokko oder New York anzuzeigen, steht hier: Es ist heiß, mit lahmen Flügelschlägen schwebt ein Tier über den taghellen Himmel. "Das sind Sätze, die habe nicht ich mir ausgedacht, sondern die schafft der Computer."

Oder: "Es ruft eine Mehlschwalbe um 19.07 Uhr". Neben einer Kamera im Dauerbetrieb hat Zoe feinste Sensoren an ihrer Außenhaut, um den Luftdruck, Schalldruck zu messen, es gibt Streulicht- und Lichtverschmutzungs-Sensoren. Ganz schön smart. "Die Ergebnisse kommen dann in einen Text-Generator, in dem dann die Texte entstehen, die dann hinten auf der Anzeige stehen", erläutert Schulze. "Was die vollautomatische Bilderkennung von Vögeln angeht, ist das hier brandneu, das hat wirklich noch keiner gemacht."

Eine Maschine nimmt die Natur wahr

Der Fotograf Claudius Schulze ist Forscher und Künstler. Er beschäftigt sich fast ausschließlich mit Artensterben und Klima-Krise. Plötzlich zischt eine Schwalbe über Zoe hinweg: "Ja, das ist wahrscheinlich die Mehlschwalbe, die hier auch gerade schon gerufen hat!" Kleine Geduldsprobe: hat Zoe die Schwalbe erkannt? Nicht ganz. "Mal gucken - der Vorführeffekt." Die Regentropfen haben die Glasscheiben des Kamera-Gehäuses eingetrübt, da wird auch Zoe kurzsichtig. Macht nichts! "Gerade in dieser super hoch technologisierten Zeit ist es wahnsinnig spannend, so eine einerseits wahnsinnig sinnvolle Maschine, andererseits natürlich auch vollkommen sinnlose Maschine zu erfinden, die Vögel beobachte", findet Schulze.

Zoe macht etwas für uns, was wir oft schon verlernt haben: Sie, eine Maschine, nimmt die Natur wahr. Und das berührt - "wo man sich genauso auf den Balkon setzen und mit dem Fernglas gucken könnte." Sensibilität für die Natur entwickeln, darum geht es. Gleich am Anfang ihrer Arbeit hat Zoe mal verrückt gespielt, erzählt Claudius Schulze lächelnd. "Die ganze Tafel war voll mit: 'Es ruft ein Hausrotschwanz, es ruft ein Hausrotschwanz, es ruft ein Hausrotschwanz': Da habe ich erst gedacht, irgendein Fehler im System, dass jetzt alle Vögel als Hausrotschwanz erkannt werden: Dann saß ich da ne Zeit, und auf einmal landete neben mir ein Vogel mit nem roten Schwanz, und dann dachte ich: Oha, hier ist ja der Hausrotschwanz, und dann ist mir aufgefallen, dass der in der Nähe genistet haben muss." Zoe X hatte also die ganze Zeit einfach sehr genau hingehört. "Genau, der Hausrotschwanz war da!"

 

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