Stand: 12.07.2018 17:04 Uhr

Stefan George: Übervater der Reformpädagogik

Vor 150 Jahren wurde der Dichter und Denker Stefan George geboren. Wer war er? Wen zog er in seinen Bann? Was und wie schrieb er? Der Heidelberger Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel beschäftigt sich seit langem mit Stefan George. Zuletzt hat er den Gedichtband "Stefan George. Geheimes Deutschland" herausgegeben.

Herr Kiesel, "Geheimes Deutschland" - so heißt Ihr Buch, so heißt ein Gedicht von Stefan George. Da geht es um Landschaften, Inseln, um die Stadt. Aber: Das "Geheime Deutschland" ist auch eine feste Wendung. Wofür steht diese Formel?

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Helmuth Kiesel hat sich intensiv mit Stefan Georges Leben und Werk beschäftigt.

Helmuth Kiesel: Die Formel "Geheimes Deutschland" kam 1910 in den George-Kreis durch einen Gelehrten jüdischer Herkunft, Karl Wolfskehl und er machte darauf aufmerksam, dass es eine große kulturelle und geistige Tradition Deutschlands gibt, die aber verschüttet ist und die ausgegraben werden muss. Und das ist das, was mit dem "Geheimen Deutschland" gemeint ist: die kulturelle Tradition Deutschlands, zu der der Humanismus gehört, der Isenheimer Altar und die Romantik. Und diese kulturelle Tradition soll erneut fruchtbar gemacht werden.

Wenn es um Stefan George geht, dann ist auch vom Kreis um Stefan George die Rede. Er hat es geschafft, Menschen, vor allem junge Männer für sich zu gewinnen, um sich herum zu versammeln. Was ging da vor im George-Kreis, damals zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Kiesel: Die Motivation kam aus der Kultur und Gegenwartskritik, und er wollte einen Kreis um sich bilden, der von einem schönen Leben träumte. Er wollte eine geistige und kulturelle Elite um sich versammeln und bilden. Die Männer waren jung am Anfang; sie sollten also diesen Kreis auch als Bildungsanstalt empfinden und nutzen können.

Eine Diskussion, die heute wieder aufgegriffen wird, rund um die Missbrauchsdebatten an der Odenwaldschule. Im Kreis um Stefan George herrschte zweifellos eine besondere Intimität. An der Odenwaldschule wurde George zum geistiger Übervater der Reformpädagogik, vom "pädagogischen Eros" ist die Rede. Wie ist das aus Ihrer Sicht zu gewichten?

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Wie lässt sich ein Leben außerhalb gesellschaftlicher Normen führen? Stefan George interessierte sich für diese Frage.

Kiesel: Der Kreis um Stefan George war ein Kreis von Männern, die zum Teil homosexuell veranlagt waren. Wir wissen, dass es zwischen George und einzelnen Kreismitgliedern und zwischen einzelnen Kreismitgliedern ebenfalls homosexuelle Beziehungen gab. Es gibt keine Dokumente, in denen sich ein Kreismitglied über sexuellen Missbrauch, über sexuelle Gewaltanwendung oder dergleichen beklagt. Aber richtig ist, dass dieser Kreis bis zu einem gewissen Grad homosexuell veranlagt war. Eine Verbindung zur Odenwaldschule gibt es nur indirekt, insofern Mitglieder der Odenwaldschule sich auf George beriefen, um ihr homosexuelles Verhalten zu begründen und zu rechtfertigen. Das ist aber meiner Meinung nach durch George nicht gedeckt. Genauso könnten man sich auch auf Platon oder sonst jemanden berufen, der in dieser Tradition des "pädagogischen Eros" mit sexuellen Implikationen steht.

Empfinden sie es so, dass durch diese Diskussion das Werk oder Stefan George beschädigt wird?

Kiesel: Was im Augenblick geschieht, ist in der Tat eine Beschädigung des Ansehens von Stefan George, dem gewissermaßen die Verantwortung dafür aufgebürdet wird für das, was an der Odenwaldschule und anderswo geschah, obwohl George längst tot war, als die Menschen, die dort dann in Positionen waren, wo sie sich so verhalten konnten. Was ich kritischer sehe und stärker als Mangel empfinde in der augenblicklichen Situation, ist, dass plötzlich das Werk Georges, das uns immer noch viel zu sagen hätte durch seine kulturkritischen Komponenten und auch durch seine Vorstellungen eines schönen und einfachen und würdevollen Lebens, ganz unter dem Aspekt des sexuellen Missbrauchs und der MeToo-Bewegung gesehen wird.

Buchtipp

Stefan George - Geheimes Deutschland: Gedichte
Ausgewählt von Helmuth Kiesel
C.H. Beck Verlag
Seiten: 161
ISBN: 978-3406720147
Preis: 18,00 Euro

Vor allem in seinem Spätwerk verfolgte George ein Ideal: Er träumte von der Erschaffung eines neuen, schönen Menschen, und dazu gehörten Attribute wie Männlichkeit, Zucht, Sitte, Dichtkunst. Das sind Attribute, die im Kontext nationalsozialistischer Ideologiebildung durchaus Gefallen finden konnten. George selbst, der am 4. Dezember 1933 starb, stand dem Dritten Reich und seinen Wegbereitern skeptisch gegenüber. Wie beurteilen Sie das Verhältnis Georges zum Nationalsozialismus? Zu seinen engsten Schülern gehörte ja auch Claus von Stauffenberg.

Kiesel: Das Verhältnis Georges zum Nationalsozialismus war ablehnend, so weit ich es sehen kann. Allerdings hatte er einmal einen Brief an den Reichspropagandaminister geschrieben: Dieser hatte ihm Ehrensold und Ehrenstellen angeboten - das hat George alles abgelehnt. Und auch ein so hellsichtiger und aufmerksamer Zeitgenosse wie Klaus Mann hat 1933 gesagt: "Von George zu Hitler führt kein Weg; zwischen den beiden liegen Welten. Das sind zweierlei Deutschland, die nie zusammenkommen können." Und dass sich Claus von Stauffenberg zum Attentat entschlossen hat, ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass er von dem, was er im George-Kreis aufgenommen hat und im eigenen Denken weiterentwickelt hat, doch auf größere Distanz zu Hitler gekommen ist, als das zunächst der Fall war. Nicht nur auf Distanz, sondern zu einer Gegnerschaft, die ihn dazu zwang, das Attentat zu begehen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Helmuth Kiesel © imago

Wer war Stefan George?

NDR Kultur - Journal -

Vor 150 Jahren wurde Stefan George geboren. Der Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel beschäftigt sich seit langem mit dem Dichter und Denker. Auf NDR Kultur spricht er über ihn.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.07.2018 | 19:00 Uhr

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