Abbildung, die den Produktionsprozess von Seife zeigt. © SHMH

Hamburger Ausstellung zeigt Reichtum auf Kosten der Kolonien

Stand: 29.09.2020 16:09 Uhr

"Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand" heißt ein Projekt im Hamburger Museum der Arbeit. Hier soll deutlich werden, wie die Kolonialzeit Hamburgs Wohlstand bis heute prägt.

von Annette Schneider

Seit einigen Jahren wird endlich über Deutschlands koloniale Vergangenheit geredet, über Ausbeutung, Raubkunst und die Verantwortung, die wir tragen. Hamburg, das sich gern als Kaufmannsstadt präsentiert, galt im 19. Jahrhundert als koloniale Metropole Europas. Jetzt beschäftigt sich erstmals eine große Ausstellung mit der kolonialen Vergangenheit der Hansestadt und den Folgen bis heute. "Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand" heißt das Projekt, das im Museum der Arbeit gezeigt wird.

Dem Widerstand eine eigene Sprache geben

Gleich am Eingang stehen hohe Regale, angefüllt mit Waren: Da liegen Kämme, Gummistiefel, Autoreifen, Fahrrad- und Gartenschläuche. Daneben: zig Sorten Waschmittel, Körperlotionen, Tütensuppen, Geschirrspüler-Tabs und Kerzen. Dann: Nutella, Kellogg's-Schokoflocken, Lippenpflegestifte und Haarwaschmittel. Alles Produkte aus Kautschuk, Palmöl, Kokosöl und Kakao. Eine Idee dieser Ausstellung sei, diese verbreitete Vorstellung einer Hamburgischen Kaufmanns-Industrie herauszufordern und deutlich zu machen, dass das eine koloniale Industrie gewesen ist - und heute auch immer noch ist, erklärt Sandra Schürmann. Die Historikerin hat zusammen mit Christopher Nixon die so dringend notwendige Ausstellung erarbeitet.

"Eine weitere Idee ist der Perspektivwechsel", erklärt Nixon. "Auch zu versuchen, die Geschichte anders zu erzählen. Den Blick in die Kolonien von den Alltagsprodukten aus zu wählen, der Arbeit der Menschen dort und eben auch dem Widerstand eine eigene Sprache zu geben."

Keine exotische - eine von Gewalt geprägte Welt

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Abbildungen dunkelhäutiger Personen bei der Sklavenarbeit. © SHMH

Ausstellung zeigt Hamburgs Umgang mit seiner Kolonialgeschichte

"Grenzenlos" heißt die Ausstellung im Hamburger Museum der Arbeit. Ein Interview mit einem der Kuratoren, Christopher Nixon. mehr

Erst einmal gelangt man in eine "Straße der Rohstoffe": Kurze Texte und historische Bilder zeigen Hamburger Unternehmen, die in großen, neuen Fabriken die Rohstoffe aus den Kolonien verarbeiten. Die Stadt wurde Europas größter Standort der Gummi-Industrie und das weltweit größte Zentrum der Speiseöl-Industrie. Noch heute werden 40 Prozent des in Deutschland weiterverarbeiteten Kakaos über Hamburg eingeführt. Diese Unternehmen hätten sich deshalb in Hamburg angesiedelt, weil die kolonialen Rohstoffe über den Hafen gut zu bekommen waren. Dadurch sei Hamburg die koloniale Wirtschaftsmetropole Deutschlands und innerhalb Europas geworden, so Schürmann.

Hamburgs "Tor zur Welt" war also ein Tor in die koloniale Welt. Und das, so Sandra Schürmann, zeichnete sich aus "durch Gewaltregimes, durch Zwangsarbeit. Durch Versklavung, durch unfaire, unmenschliche Arbeitsbedingungen, durch Kriege. Auch durch den Widerstand der Menschen gegen dieses Regime." Es sei eben überhaupt nicht diese schöne romantische weite Welt mit ihren ganzen exotischen Dingen - sondern eine von Gewalt geprägte Welt.

Hamburgs Reichtum auf Kosten der Kolonien

Diese Welt steht im Zentrum der Ausstellung. Dabei verweigern die Kuratierenden Bilder direkter Gewalt. Sie werden geschwärzt präsentiert, um die Opfer nicht ein weiteres Mal zu demütigen. Anstelle dieser Bilder zeigen sie ausschließlich Fotos von Menschen bei der Arbeit, die aus dem Bild blicken, sich als Subjekt behaupten. Gleichzeitig berichten Texte von brutalster Versklavung und Zwangsarbeit, die die Basis des Reichtums der Kolonialherren bilden, der Hamburg bis heute prägt.

"Der ist überall da sichtbar, wo Unternehmen und Erben von Unternehmen ihren Reichtum zur Schau stellen. Wo sie große Häuser, große Villen, große Unternehmen, große Statussymbole haben und vorzeigen. Das ist erwirtschaftet worden auf Kosten der Kolonien", sagt Sandra Schürmann.

Ohne Einbeziehung der Betroffenen keine Aufarbeitung

Noch etwas macht die Ausstellung sichtbar: Widerstand. Gedruckt auf lange Stoffbahnen, die von der Decke hängen, steht man immer wieder vor Silhouetten von anonymen und namhaften Widerstandskämpfern, aktuellen schwarzen Autoren, Wissenschaftlern und Künstlern. So machen die Kuratierenden klar: Ohne die Einbeziehung und Perspektive der Menschen in kolonisierten Ländern sowie ihrer Nachfahren kann es keine angemessene Erforschung der Vergangenheit geben.

Hamburger Ausstellung zeigt Reichtum auf Kosten der Kolonien

"Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand" heißt ein Projekt, das im Hamburger Museum der Arbeit gezeigt wird.

Datum:
Ort:
Museum der Arbeit
Wiesendamm 3
22305  Hamburg
Telefon:
040 428 133 0
E-Mail:
info@mda.shmh.de
Preis:
8,50 Euro, ermäßigt 5 Euro, für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei
Öffnungszeiten:
Montag 10-21 Uhr
Dienstag geschlossen
Mittwoch bis Freitag 10-17 Uhr
Samstag bis Sonntag 10-18 Uhr
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