Stand: 11.07.2018 18:36 Uhr

Gisela Friedrichsen über den NSU-Prozess

Es war ein langer Prozess: Fünf Jahre hat er gedauert. Es war ein äußerst umfangreicher Prozess und einer, an dessen Ende die Höchststrafe für die Hauptangeklagte steht. Lebenslänglich hat Beate Zschäpe im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München bekommen. Ihre Anwälte haben - das war vorauszusehen - angekündigt, in Revision zu gehen. Gisela Friedrichsen ist langjährige Gerichtsreporterin und hat unter anderem für den "Spiegel" gearbeitet.

Frau Friedrichsen, Sie haben den NSU-Prozess verfolgt, wie auch viele Gerichtsprozesse vorher. Sie gelten als durchaus meinungsfreudig, was ihnen mitunter auch zum Vorwurf gemacht wurde. Wie zufrieden sind Sie ganz persönlich und subjektiv mit den Urteilen?

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Gisela Friedrichsen ist nicht zufrieden "mit der Art und Weise, wie die Urteilsbegründung stattgefunden hat".

Gisela Friedrichsen: Einerseits entsprechen die Strafen, die verkündet wurden, dem, was die Hauptverhandlung ergeben hat. Insofern bin ich zufrieden. Nicht so sehr zufrieden bin ich mit dieser Art und Weise, wie diese Urteilsbegründung stattgefunden hat. Man kann es verstehen, dass der vorsitzende Richter die Sache endlich hinter sich bringen wollte, nachdem sich dieser Prozesse so endlos lang hingezogen hat. Aber er ist durch die angeklagten Taten hindurchgejagt, er hat sie heruntergerattert ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten dieser vielen Nebenkläger und Opfer, die anwesend waren. Er ist mit keinem Wort auf diese Personen eingegangen, er ist auch nicht auf die Klagen der Anwälte der Nebenkläger eingegangen, dass zu den Taten ja auch ein Versagen des Verfassungsschutzes oder der Ermittlungsbehörden beigetragen hat. Ich könnte mir vorstellen, dass die Personen, die nicht so wie ich da jeden Tag drin gesessen haben und das alles gewöhnt sind, dass die irritiert waren von dieser Vorstellung und noch unzufriedener den Saal verlassen haben, als sie hineingegangen sind.

Das ist ja ein Aspekt, der jetzt auch von den Nebenklägern vorgebracht wird: eine gewisse Kühle, ein gewisses nicht auf ihre Belange Eingehen in der Urteilsverkündung. Auf der anderen Seite steht auch eine Kritik seitens der Nebenkläger, dass man nicht wirklich aufklären konnte, wie viele Hintermänner es gab und warum die Täter ihre Opfer genau ausgewählt haben. Warum ist das nicht gelungen?

Kommentar

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Friedrichsen: Wie die Täter ausgewählt haben, das könnte eigentlich nur Frau Zschäpe beantworten, und die sagt dazu nichts. Sie nennt auch keine Namen eventueller weiterer Unterstützer, sie schützt ihre Szene nach wie vor und deshalb ist auch ihre vorgebrachte Reue und ihr Mitgefühl für die Opfer nicht sehr gut angekommen. Auf der anderen Seite muss man sagen: Diese vielen Hintermänner, von denen immer geredet wird - man kennt sie nicht, man weiß von ihnen nichts. Der Senat hat fünf Jahre lang geradezu mantrahaft gesagt: Wir haben hier die Anklage zu verhandeln und nicht gegen Leute, die wir gar nicht kennen, die es vielleicht gibt oder auch nicht gibt. Ermittelt worden sind diese Hintermänner nicht, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Generalbundesanwalt weitere Mörder, Helfer oder Mitwisser absichtlich deckt. Das sind schematische Behauptungen, bei denen mir so ein bisschen die Substanz fehlt. Die Leute sind unzufrieden, weil man ihnen etwas versprochen hat, angefangen bei unserer Bundeskanzlerin, dass man die Hintermänner auch vor Gericht stellen wird, dass man alles aufdecken wird. Das hat nicht stattgefunden, sondern verurteilt worden sind die Angeklagten, die da saßen, und nicht irgendwelche Fantasie-Figuren. Die hatten ganz andere Erwartungen an diesen Prozess, als er tatsächlich leisten konnte.

Sie haben den Generalbundesanwalt erwähnt - das bringt mich zur nächsten Frage: Wie geht es denn jetzt weiter?

Friedrichsen: Die Verteidigung hat schon Revision angekündigt - das war auch zu erwarten. Interessant wird sein, ob auch der Generalbundesanwalt Revision einlegt, nachdem er für André E. wegen Beihilfe zum Mord zwölf Jahre gefordert hat und nur zweieinhalb Jahre herausgekommen sind wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in drei Fällen. Dieser Prozess geht also noch weiter. Außerdem gibt es neun Ermittlungsverfahren gegen potenzielle Unterstützer; welches zu einer Anklage führt, weiß man noch nicht, das wird alles die nächste Zeit ergeben. Ein Schlussstrich, wie er von manchen befürchtet wird, wird unter dieses Verfahren noch lange nicht zu ziehen sein.

Das heißt, es ist noch nicht alles ausgeschöpft, was Gerichte, was der Rechtsstaat in dieser Sache ausrichten können?

Friedrichsen: Nein, ich denke, da gibt es noch einige Möglichkeiten, und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass im Laufe der Zeit das eine oder andere noch ans Licht kommen könnte. Aber dass die Taten, dass die Morde von Böhnhardt und Mundlos begangen wurden, das ist unstreitig, daran wird sich nicht viel ändern.

Das Interview führte Martina Kothe

Gisela Friedrichsen (Archivbild vom 01.08.2010) © Will Media Fotograf: Wolfgang Borrs

Gisela Friedrichsen über den NSU-Prozess

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Im NSU-Prozess hat die Hauptangeklagte Beate Zschäpe lebenslänglich bekommen. Die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen hat den NSU-Prozess verfolgt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.07.2018 | 19:00 Uhr

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