Stand: 25.03.2020 19:15 Uhr  - NDR Kultur

"Woody Allens Biografie hat das Recht zu erscheinen"

Selten wurde eine Autobiografie im Vorfeld so umstritten behandelt wie die des Kult-Regisseurs Woody Allen. Ihm wird seit Jahren Kindesmissbrauch vorgeworfen: Seine ehemalige Lebensgefährtin Mia Farrow behauptet, Allen habe Anfang der 90er-Jahre seine damals siebenjährige Adoptivtocher Dylan sexuell missbraucht. Aus diesem Grund haben Autoren und Verlagsmitarbeiter in den USA, aber auch in Deutschland gegen die Veröffentlichung der Biografie protestiert. Nun ist sie doch erschienen - in beiden Ländern. Ihr Titel: "Ganz nebenbei". Rund 440 Seiten, die unsere Filmkritikerin Katja Nicodemus, Redakteurin der "Zeit", bereits gelesen hat.

Frau Nicodemus, was ist das für ein Buch? Ein Rechenschaftsbericht oder eher eine Lebenserzählung?

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Der Komiker, Regisseur und Schauspieler Woody Allen ist auch ein begeisterter Jazzmusiker.

Katja Nicodemus: Es ist ein bisschen alles zusammen. Im Grunde zerfällt das Buch - was gar nicht gegen das Buch spricht - in eine sehr persönliche, berührende, teilweise detailreiche Schilderung von Woody Allens Kindheit in den 40er-Jahren in New York. Er ist 1935 als Allan Stewart Konigsberg in Brooklyn geboren. Der zweite Teil des Buches beginnt mit der Beziehung zu Mira Farrow und handelt ausführlich von den Missbrauchsvorwürfen und dem Skandal darum. Angeblich hat Woody Allen seine Tochter missbraucht. Das Buch entwickelt dann ein seltsames Spannungsverhältnis - es wird juristisch sehr detailliert in diesen Schilderungen. Es folgt ein dritter Teil, der an den ersten anschließt, in dem er dann seine Filme chronologisch schildert.

Dann sprechen wir doch erst einmal über den ersten Teil. Worum geht es?

Nicodemus: Es geht um seine Kindheit in Brooklyn. Es beginnt detailliert und sehr persönlich: in der Schule die ersten Flirts, die Begegnung mit der Musik von Cole Porter. Der kleine Woody Allen, der plötzlich immer von seinen jüdischen Onkeln und Tanten Sätze hörte wie "Die Nazis stecken uns in den Ofen". Seine Kindheit war also auch davon geprägt. Seine Mutter war eine fromme Jüdin, die er liebevoll zeichnet. Dann gibt es die ersten Auftritte im Club-Haus im Viertel für zwei Dollar, die Begegnung mit dem Jazz, mit der Musik aus New Orleans und den Filmen. Er beschreibt sich selbst in diesem Teil einmal als Mehrfach-Möchtegern, als Schulversager und "Opfer meiner erwachenden Hormone" - das ist in etwa der Tonfall.

Interessant ist, dass in diesem fast 200-seitigen Teil des Buches auch ein interessantes, vielschichtiges Bild von New York in den 50er- und 60er-Jahren entsteht. Das Milieu der jüdischen Gag-Schreiber und Agenten. Allen schreibt einmal, er sei von tollen Menschen umgeben gewesen, die allesamt instabil waren, wie Uran. Da zittert natürlich auch der Holocaust mit, ohne dass es jemals ausgesprochen wird. Aber man erfährt schon, wie Psychoanalyse in New York und jüdische Witze zum Biotop seines Kinos wurden.

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Was erfährt man über über Woody Allen als Regisseur?

Nicodemus: Nicht so viel. Viele Fakten und Anekdoten über ihn als Filmemacher. Aber einmal sagt er: "Ich habe Filmstudenten nichts zu bieten." Und das hat er im Grunde auch nicht in diesem Buch. Man erfährt nie etwas über eine Kameraposition, über Beleuchtung oder seine Art, Schauspieler zu dirigieren. Er schreibt, er habe Einstellungen einmal gedreht und dann sei er nach Hause gegangen, um Basketball zu gucken. Das nimmt man ihm auch so ab, dass er ein sehr pragmatischer Filmemacher ist. Auch sein Blick auf sein Filmemachen ist pragmatisch. Er versucht, nicht zu überhöhen, keine Geheimnisse zu erschaffen oder zu enthüllen, sondern er erzählt einfach nur, was er wie gemacht hat.

Umso spannender ist es, auf den zweiten Teil zu gucken. Wie konkret wird er da? Sie haben es gesagt, er äußert sich auf fast 200 Seiten zum Missbrauchsvorwurf seiner Tochter Dylan und seiner Exfrau Mia Farrow. In welcher Form tut er das?

Nicodemus: Im Grunde ist dieser zweite Teil eine sehr lange und erstaunlich ruhig und nüchtern geschriebene Darstellung. Die beginnt mit der Geschichte seiner Beziehung zu Mia Farrow, wie sie sich kennengelernt haben. Natürlich ist in diesem Rückblick eine gewisse Skepsis und ein gewisses Vorzeichen. Er schreibt, wie er ihre frühen Neurosen entdeckt hat, aber wie er sie trotzdem als eine spannende Figur und Persönlichkeit empfand.

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Dann geht es um den Vorwurf des Missbrauchs, nachdem Mia Farrow die Affäre Woody Allens mit seiner Adoptivtochter Soon-Yi Previn entdeckt hat. Er zitiert ausführlich Zeugen und die Gutachten von 1993. Es kam nie zu einem Prozess gegen ihn, die Behörden fanden keine Beweise für den sexuellen Übergriff. All das wird mit einer langen Chronologie erzählt. Diese Darstellung ist sehr abgeklärt. Auch in sich sehr schlüssig.

Zwischendurch gibt es humorvolle Einsprengsel. Aber eigentlich wirkte dieser Humor für mich nicht unpassend. Eher wie ein verzweifelt sarkastisch jüdischer Humor. Man muss auch sagen: Seit 28 Jahren ist zu diesen Vorwürfen nichts hinzugekommen. Es ist interessant, so eine lange Darstellung aus Woody Allens Sicht zu lesen.

Erfährt man dennoch etwas Neues zu diesem Fall?

Nicodemus: Das Neue ist die Sicht und letztlich die Bitte, gehört zu werden. Er schreibt: "Wohlmeinende Bürger, randvoll mit moralischer Entrüstung, bezogen nur zu gern zu einer Angelegenheit Stellung, von der sie absolut keine Ahnung hatten." Das fand ich nachdenkenswert, dass man eben nicht jeden Missbrauchsfall über einen Kamm scheren kann. Auch und gerade in Zeiten von #MeToo ist es wichtig, zu differenzieren. Ich finde, dass dieses Buch einen Beitrag dazu leistet. Ob man Woody Allen glaubt, oder nicht. Ich finde, das Buch hat das Recht, zu erscheinen und auch gelesen zu werden.

Die Memoiren erscheinen am 28. März in gedruckter Form für 25 Euro beim Rowohlt Verlag.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

Cover der Woody-Allen-Biografie "Ganz nebenbei" © Rowohlt Verlag

"Das Buch hat das Recht zu erscheinen"

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Obwohl stark umstritten ist nun Woody Allens Autobiografie erschienen. Die "ZEIT"-Redakteurin Katja Nicodemus hat das Buch bereits gelesen und spricht über Allens Erzählungen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.03.2020 | 19:00 Uhr

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