Stand: 15.12.2017 13:43 Uhr

Freude, schöner Götterfunken!

von Christiane Peitz

Über Musik, Macht und Moral

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Ludwig van Beethoven

Dieser Tage grassiert wieder die Neunerkrankheit bei den Japanern. So nennen sie es selbst, wenn tausende Amateursänger tapfer den deutschen Schiller-Text proben, um Beethovens Neunte vor Silvester zur Aufführung zu bringen. Japans Begeisterung für op. 125 und besonders für den Schlusschor mit der Ode "An die Freude" kommt jedes Jahr im Dezember in zahlreichen Konzerten zum Ausdruck, weit mehr als in Deutschland. Ein Jahreswechsel ohne "Daiku", wie die Neunte dort heißt? Undenkbar. In Osaka ist es seit 35 Jahren Tradition, dass ein aus Dutzenden Chören zusammengestellter Number Nine Choir mit 10.000 Sängerinnen und Sängern der Symphonie zum finalen Glanzlicht verhilft.

Die Liebe Japans zur Neunten geht übrigens auf den Ersten Weltkrieg zurück. Deutsche Soldaten gerieten in japanische Kriegsgefangenschaft, im Lager Bandó gründeten sie ein Orchester und veranstalteten dort über 100 Konzerte. Die Neunte stand im Juni 1918 auf dem Programm, vor bald 100 Jahren - es war die Premiere des Werks für ganz Asien. Völkerverständigung statt Waffenklirren: Musik und Politik sind bei der Neunten untrennbar verquickt.

Nicht nur Japan, alle Welt liebt die Ode. Nicht mal der schrille Chorsopran mit dem permanent hohen A hat ihren Erfolg aufhalten können. "Alle Menschen werden Brüder", "Diesen Kuss der ganzen Welt": Die humanistische Botschaft ist Kult. Aber haftet der Message vom Weltfrieden nicht auch etwas Wohlfeiles an? Wie steht es überhaupt mit der Liaison zwischen Musik, Macht und Moral? Ein musikalischer Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr kann vielleicht Aufschluss geben.

Biermann statt Beethoven - und alles ist gut?

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Kent Nagano dirigierte in der Elbphilharmonie das Festkonzert beim G20-Gipfel in Hamburg.

Den Staats- und Regierungschefs beim G20-Gipfel in Hamburg wurde ja ebenfalls die Neunte kredenzt, am 7. Juli in der Elbphilharmonie, auf Wunsch von Klassik-Freundin Angela Merkel. Kent Nagano dirigierte das Festkonzert. Im Vorfeld hatte es Auseinandersetzungen darüber gegeben. Der Schiller-Text, hieß es, sei allzu versöhnlich gegenüber den Autokraten im Saal: Putin, Erdogan, Chinas Präsident Xi Jinping oder der saudische König Salman. Musiker dürfen sich nicht zu Dienern von Großpolitikern machen lassen, warnte der EKD-Kulturbeauftrage Johann Hinrich Claussen. Der Theologe empfahl, den mächtigen Staatslenkern lieber den "Fürstenspiegel" vorzuhalten und widerständige Werke aufzuführen, von Schostakowitsch zum Beispiel. Also lieber Biermann statt Beethoven - und alles ist gut?

Wo hört künstlerisches Engagement auf, wo fängt Propaganda an, gerade bei der Musik, der flüchtigsten aller Künste? Beim G-20-Protestkonzert in Hamburg erhoben Herbert Grönemeyer und Latina-Superstar Shakira ihre Stimmen, um Maßnahmen zur Beendigung der globalen Armut zu fordern. Auch sie haben eine Mission. Gingen sie redlicher mit der Musik um als Nagano und das Philharmonische Staatsorchester?

Pathos mit schillernder Identität

Schon die Neunte leistet ja keineswegs nur bei Staatsakten und Silvesterfeierlichkeiten oder für die Europa-Hymne gute Dienste. Beethovens letzte Symphonie, die der taube Komponist 1824 dem Zeitgeist der Restauration entgegensetzte, wurde von Zeitgenossen als monströs und trivial kritisiert. Aber ausgerechnet Richard Wagner dirigierte sie in Dresden, wo der damals noch ungestüme Revoluzzer auf die Barrikaden ging. In Chile stimmten Pinochet-Gegner Schillers Verse vor den Gefängnissen an, die Ode erklang auch beim Protest chinesischer Studenten auf dem Tienanmen-Platz. Pathos mit wahrlich schillernder Identität: Nach dem Mauerfall dichtete Leonard Bernstein den Schlusschor in Berlin zur "Ode an die Freiheit" um, Demokraten vereinnahmten sie ebenso wie Stalin oder Hitler, (Freiheitskämpfer oder Stanley Kubrick in seiner Gewaltorgie "Clockwork Orange"). In Japan ist sie sogar beim Karaoke beliebt.

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Mit anderen Worten: Der Glaube an eine autonome, absolute Musik ist genauso falsch wie die schlichte Dichotomie von vermeintlich affirmativer Klassik und aufmüpfigem Pop. Hier die Konservativen, da die Progressiven, die Rechnung geht nicht auf. Auch wenn der Pop mit seinem Ursprung aus der Protestkultur eher links verortet ist. Anfang des Jahres fand sich tatsächlich kein Popstar, der bei Donald Trumps Amtseinführung auftreten wollte. Bei Obamas Antritt hatten noch Bruce Springsteen, Stevie Wonder und Beyoncé mitgewirkt.

In diesem Jahr ließ sich allemal eine Politisierung der Klassik beobachten. Als Barrie Kosky im Sommer in Bayreuth die "Meistersinger" inszenierte, analysierte er die Mechanismen des Antisemitismus (nicht nur in der deutschen Geschichte, sondern) auch in Wagners Partitur, setzte Subtexte und Rezeptionsgeschichte ins Bild, Note für Note. Darüber empörte sich ein Großteil der deutschen Musikkritik, die das eigentliche Werk von derart unmissverständlichen Lesarten bitte verschont wissen möchte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 17.12.2017 | 19:00 Uhr

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