Studierende protestieren an der Universität Sorbonne in Paris gegen die Politik Emmanuel macrons und der Gegenkandidatin Marine Le Pens im April 2022 © picture alliance / abaca | Ait Adjedjou Karim/Avenir Pictures/ABACA Foto: Ait Adjedjou Karim

Frankreich: "Wahl für Macron war auch Wahl für Europa"

Stand: 25.04.2022 11:23 Uhr

Der Journalist, Übersetzer, Literaturkritiker und Leiter des Studiengangs deutsch-französischer Journalismus an der Sorbonne Jürgen Ritte schätzt die Wiederwahl Emmanuel Macrons am Sonntag ein.

Emmanuel Macron ist am Sonntag in Frankreich erneut zum Präsidenten gewählt worden - allerdings nur mit 58,5 Prozent der Stimmen. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen hat 41,5 Prozent erreicht. Der deutsch-französische Essayist, Journalist, Übersetzer Jürgen Ritte leitet den Studiengang deutsch-französischer Journalismus an der Sorbonne-Nouvelle in Paris seit 1999. Als Literaturkritiker, Mitbegründer der deutschen Marcel Proust Gesellschaft ist er eng verbunden mit der Kulturlandschaft. 

Ist der Wahlausgang in Frankreich ein Sieg Macrons oder eher eine Absage an LePen?

Jürgen Ritte: Das ist die Frage nach dem halbvollen oder halbleeren Glas. Macron wird heute als der Sieger aus einer Barrage gegen Madame Le Pen gewertet. Ich denke aber, man kann das als Sieg Macrons werten. Denn die Franzosen haben sich letztlich etwas intelligenter gezeigt als die Briten, als diese über den Brexit abgestimmt haben.

Diese Wahl für Macron war auch eine Wahl für Europa. Das ist etwas, was Macron in der Fernsehdebatte letzte Woche noch einmal deutlich herausgestellt hat: Dass mit Le Pen Europa am Ende ist und damit auch die westliche Welt ein großes Problem bekommen hätte. Das ist bei vielen Wählern angekommen.

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Auch an Ihrer Universität, der Sorbonne, haben sich viele Studierende von keinem der beiden wirklich vertreten gefühlt. In Deutschland nimmt man Macron immer als sehr charismatisch war, und er hat einen sehr guten Ruf. Woher kommt das?

Emmanuel Macron, wieder gewählter Präsident von Frankreich, hebt seine Faust als Siegeszeichen © Christophe Ena/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Christophe Ena
Emmanuel Macron sei ein "Ein-Mann-Betrieb", meint Übersetzer und Journalist Jürgen Ritte von der Sorbonne.

Ritte: Es gibt keine Alternative. Das ist das große Problem in Frankreich. Das hat was mit unserer Konstitution zu tun, mit der fünften Republik, mit diesem durchgängigen Mehrheitswahlsystem und mit dem Zusammenbruch der alten klassischen Parteienlandschaft, sodass am Ende jetzt zwischen Rechtsaußen - das ist Marine Le Pen - und einem politisch eben eher konservativ zu wertenden Kandidaten - wie Emmanuel Macron - die Wahl war.

Das kommt bei vielen Studenten, die sich sehr stark für Umweltschutz interessieren, und auch für soziale Gerechtigkeit, nicht sehr gut an. Wobei man dazu sagen muss, dass der schlechte Ruf den Macron als Sozialpolitiker in Frankreich hat, vollkommen ungerechtfertigt ist. Er ist jemand, der auch im sozialen Bereich einige Fortschritte gebracht hat. Aber da ist er zum Teil eben Opfer der Propaganda von ganz rechts oder auch von ganz links gewesen.

Jetzt heißt es immer wieder, Frankreich sei gespalten. Wie empfinden Sie das? Und woher kommt es?

Ritte: Ich halte die Spaltung für etwas herbeigeredet. Marine Le Pens Wahlkampf war einer, indem sie sich selbst zu einer Art Mutter Theresa der Armen und Entrechteten aufgeworfen hat. Das treibt doch ein gewisses ironisches Lächeln auf die Lippen, wenn man bedenkt, wo diese Dame herkommt und wofür sie steht. Auch dass sie die Schwächsten der Schwachen ausbürgern will. Die Spaltung wird ein bisschen herbeigeredet.

Eine andere Spaltung, die viel wirksamer in Frankreich ist, ist die zwischen der ewigen Rechten, also den ewigen Konterrevolutionären, wenn Sie so wollen und denjenigen, die sich auf die Französische Revolution berufen. Das kann man durch die ganze französische Geschichte verfolgen. Das ist bis heute eine Konstante, auf dieser Seite steht leider Madame Le Pen.

Viele Kulturschaffende haben auch zur Wahl Macrons aufgerufen, vielleicht auch mangels Alternative: Eine Kunst des Zusammenlebens und die Kultur einer gemeinsamen Welt wurde da beschworen. Was muss Macron jetzt machen, um diese schwierige Situation in den Griff zu bekommen oder die Spaltung aufzuheben?

Ritte: Er kann zum einen nur darauf hoffen, das die internationale Lage und auch die Pandemielage sich entspannt. Er hat eine ganz furchtbarer Amtszeit mit Corona hinter sich, und jetzt mit dem Konflikt in der Ukraine. Was er machen muss, ist dafür zu sorgen, dass er so etwas wie eine Partei gründet.

Was er bisher hat, was eine Mehrheit stützt, ist eigentlich nicht mehr als eine Bewegung. Das Beste, was eigentlich passieren kann ist, dass bei kommenden legislativen Wahlen, den Wahlen zur Nationalversammlung, sich die französische Parteienlandschaft vielleicht doch wieder etwas erholt. Dass es eine echte Opposition, vielleicht doch eine linke Opposition wieder in der Assemblée Nationale gibt, sodass sich wieder eine Alternative auftut. Das ist das Wichtigste.

Es ist ja das Wesen einer Stichwahl, dass es dann eben ein Ergebnis auf der einen oder anderen Seite gibt, also 60/40. Was denken Sie, wie wird es in fünf Jahren sein?

Ritte: In fünf Jahren darf Macron nicht mehr kandidieren. Er ist einfach ein Ein-Mann-Betrieb. Was in den nächsten fünf Jahren passieren muss, das kann Macron nicht alleine schultern, das ist nicht unbedingt seine Aufgabe. Das rechte bürgerliche Lager oder das linke bürgerliche Lager müssen sich wieder so weit rekonstituieren können, dass sie einen glaubhaften Kandidaten ins Feld schicken können - gegen die dann bestimmt noch existierende Bewegung des Front beziehungsweise des Rassemblement National. Ob das noch Marine Le Pen sein wird, die jetzt zum dritten Mal hintereinander gegen ihn verloren hat, steht auf einem anderen Blatt.

Das Gespräch führte Philip Schmid.

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