Das Foto zeigt einen Teil der Flutkatastrophe im Ahrtal. © Screenshot

Flutkatastrophe: "Ein Moment, wo es sehr still wurde"

Stand: 14.07.2022 17:26 Uhr

Vor einem Jahr fand eine der größten Flutkatastrophen statt, die Deutschland je erlebt hat. In den Tagen nach der Flut sind viele Menschen aus ganz Deutschland aufgebrochen, um zu helfen - auch aus dem Norden.

Ahrweiler, Luftaufnahme der zerstörten Stadt und des Friedhofs aus südlicher Perspektive. © picture alliance | Marcel Mayer Foto: Marcel Mayer
Beitrag anhören 3 Min

Roland Wilke vom Deutschen Roten Kreuz des Kreises Cloppenburg war auch einer der Helfer. Er gehörte zu einer Staffel der psychosozialen Notfallversorgung und kümmerte sich um die Seelen der Betroffenen.

Herr Wilke, welches Bild hat sich Ihnen geboten, als Sie dort angekommen sind?

Roland Wilke: Aufgrund des Umstandes, dass wir mit unserem dritten Einsatzkontingent drei Wochen nach der Flut da waren, waren viele Hilfskräfte schon fort, aber die Zerstörungen in der Stadt waren immer noch immens. Wir waren eingesetzt von Bad Neuenahr-Ahrweiler bis nach Walporzheim. Es war sehr viel zerstört, es war rudimentär geräumt, die Straßen waren teils geräumt, überall Schuttberge. In der gesamten Stadt waberte so ein leichter Dieselgeruch und Fäkaliengeruch, weil die Leitungen ja geborsten waren und es sehr warm war. Wir haben aufgrund dieses Staubes, der durch die Einsatzfahrzeuge immer aufgewirbelt wurde, immer unsere FFP2-Masken tragen müssen, damit wir den Dreck und den Schmutz der teilweise sehr kontaminiert war, nicht noch zusätzlich in die Lungen bekommen.

Vermutlich wurden Sie sehr oft angesprochen, oder?

Wilke: Das war tatsächlich so. Wir sind von der psychosozialen Notfallversorgung mit lilanen Einsatzjacken ausgestattet. Damit unterscheiden wir uns von allen anderen Einsatzkräften und fallen auf. Gerade in der Innenstadt haben die Leute uns erkannt, viele sind auf uns zugekommen und haben aktiv das Gespräch gesucht. Wie werden sonst zu Einsätzen wie Todesbenachrichtigungen oder Betreuung nach Verkehrsunfällen gerufen - Katastrophen sind seltener und die Zeit für den Einzelnen war nicht so umfangreich, wie wir das sonst in unseren Einsätzen gewohnt sind: ein tröstendes Wort, ein kurzes Gespräch, teilweise auch mal ein etwas längeres Gespräch. Aber die lange Betreuung, wie wir das sonst kennen, war das in diesem Fall weniger.

Weitere Informationen
Blick auf Altenahr-Kreuzberg während der Flut im Ahrtal © dpa Foto: Boris Roessler

Hilfe für Flutopfer noch immer nötig - auch der Norden unterstützt

Bei der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen vor einem Jahr starben 189 Menschen. Die Hälfte der Spendengelder ist noch übrig. mehr

Viele haben gesagt, man hätte sich das nie vorstellen können, dass so etwas passiert. Haben Sie den Eindruck gehabt, dass die Menschen da immer noch unter Schock standen?

Wilke: Eine gewisse Zeit auf jeden Fall schon. Mein Vater war vor ein paar Wochen wieder in Bad Neuenahr und er hat mir berichtet, dass ein normales Leben dort noch nicht wieder möglich ist. Es ist selbstverständlich deutlich aufgeräumter, aber die Leute stehen natürlich unter dem Eindruck des Geschehens. Für die Zeit, als wir dort waren, haben wir feststellen können, dass bei ganz vielen Leuten nach dem ersten anfänglichen Schock über die Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist, ein arbeitsames Gewusel eingesetzt hat. Viele waren damit beschäftigt, sich um Haus und Hof zu kümmern. Es waren auch sehr viele freiwillige Helfer dort. Die Hilfsbereitschaft, die deutschlandweit eingesetzt hat, war fantastisch. Überall waren Leute, die am Arbeiten, am Anpacken waren, die Keller freigepumpt haben, die Wände abgestemmt haben, damit die Leitungen neu verlegt werden konnten. Viele Leute waren aktiv beschäftigt, und erst wenn die Leute zur Ruhe gekommen sind, haben sich mehr Gespräche ergeben, und dann war auch das Bedürfnis da. Vorher war unser Eindruck, dass viele Leute so damit beschäftigt waren, sich wieder etwas aufzubauen oder ihr Verlorenes wieder sauber und ordentlich zu kriegen, dass wir mit Gesprächen bei den Betroffenen eher gestört hätten.

Gab es denn bei dem Trubel auch für Sie Momente, in denen es ganz still wurde und Sie auch ein bisschen mit sich selbst in dieser Situation gewesen sind?

Wilke: Diese Momente gab es. Für uns war es ein hochdramatischer Anblick, als wir in Bad Neuenahr über den Friedhof gegangen sind. Der Friedhof von Bad Neuenahr liegt direkt an der Ahr und der es komplett überspült worden. Dort lagen Bäume, Fahrzeuge, Dieseltanks, meterhoch Dreck und Schutt. Die Bundeswehr war vor Ort und hat mit Pionieren und einer Jäger-Einheit diesen Friedhof geräumt. Die waren alle freiwillig dort und haben teilweise mit schwerem Gerät, teilweise mit einfachen Schippen, die Gräber wieder freigeräumt. Da sind teilweise durch die Flut auch Knochen und Menschenteile hochgespült worden. Und als wir gesehen haben, dass die Bundeswehr diese Überreste von Menschen zu der Kapelle auf dem Friedhof gebracht hat, war das schon ein Moment, wo es sehr still wurde und einem die Katastrophe sehr bewusst wurde - auch wenn wir erst ein paar Wochen später dagewesen sind.

Wie verarbeiten Sie selbst solche Eindrücke?

Wilke: Wir haben den Vorteil, dass wir ein sehr gutes System der Nachbereitung in unseren PSNV-Einheiten haben. Es finden regelmäßige Supervisionen statt: Da kommt ein externer oder eine externe Supervisorin zu uns und dort kann man Einsatzszenarien und Gefühle oder Emotionen, die man erlebt hat, noch mal nachzubereiten und zu schauen, was man anders hätte machen können. Was ist so, dass wir es akzeptieren müssen? Wir haben immer auch die Möglichkeit, dass wir Gespräche untereinander finden. Das Wichtigste in solchen Fällen ist, dass man diese Gedanken für sich einsortieren kann. Das ermöglichen wir untereinander und mit externer Hilfe, was ziemlich gut klappt.

Wie haben Sie Dankbarkeit erlebt?

Wilke: Die haben selbstverständlich auch erlebt. Die Betroffenen haben in ihren Pausen ein Getränk mit uns geteilt. Entweder haben wir etwas mitgebracht oder die Leute haben uns von ihrem Bisschen, was sie noch hatten, etwas angeboten. Ältere Leute haben sich einfach gefreut, wenn man ihnen Medikamente besorgt hat, die sie nicht mehr aus der Apotheke bekommen haben. Da hat man in sehr dankbare Gesichter gucken können. Das gibt einem eine ganze Menge wieder zurück in den chaotischen Tagen.

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.07.2022 | 17:15 Uhr