Stand: 09.10.2019 14:35 Uhr

"Extrawurst" - Ohnsorg-Theater mit Biss

von Daniel Kaiser

So bissig war das Ohnsorg-Theater schon lange nicht mehr. In der neuen Komödie "Extrawurst" geht es um einen Tennisverein, der über einen zusätzlichen Grill für das einzige türkische Mitglied streitet. Die Autoren der Fernsehserie "Stromberg" loten in ihrer Gesellschafts-Satire aus, wie weit Toleranz und Integration gehen. Am Sonntag hatte das Stück Uraufführung.

Schauspieler auf der Bühne die aussieht wie ein Tennisplatz

Chaos im Vereinsheim: "Extrawurst" im Ohnsorg

Hamburg Journal -

Im Ohnsorg-Theater feiert das Stück "Extrawurst" Premiere. Darin läuft eine Versammlung im Tennis-Club völlig aus dem Ruder. Benötigt der Türke Erol wirklich einen eigenen Grill?

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Es geht um die Wurst. Die Schweinswurst. Und um Toleranz. Es geht ums Ganze. Denn was als Abstimmung über einen neuen Grill für Sommerfest im Sportverein beginnt, läuft sagenhaft schnell aus dem Ruder und zeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Plötzlich ist Religion Thema beim Kloppstedter Tennisverein. Man spürt in jeder Minute die spitze Feder der "Stromberg"-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, die mal mit dem Florett und mal mit dem Holzhammer die Ohnsorg-Bühne aufmischen. Man hört die Stimmen der Populisten, der sogenannten Gutmenschen und der Zyniker: "Im Frieden umd im Krieg / bringt die Schweinswurst den Sieg!"

Perfekt intoniert

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Oskar Ketelhut, Konstantin Graudus, Markus Gillich, Fabian Monasterios und Birte Kretschmer (v.l.n.r.) brillieren im Stück "Extrawurst".

Konstantin Graudus als Vereinschef versucht immer wieder, wie ein Schiedsrichter jovial zu vermitteln und murmelt auf seinem Hochsitz wie Lord Wimbledon höchstpersönlich ein "Fairplay!" in sein Mikro. Umwerfend ist Oskar Ketelhut als Matthias, der von einem Luxusgrill für seinen Verein träumt, ihn in einer liebevollen Powerpoint-Präsentation mit tanzenden Zahlen und Tortendiagrammen vorstellt, doch, als das scheitert, seine Wut mal laut und leise perfekt intoniert: "Dat is eenfach Unsinn, in en Tennisclub en muslimischen Grill optostellen. Wi stellt in jo Moschee ok keen Ballmaschinen op." ("Es ist einfach Unsinn, in einem Tennisclub einen muslimischen Grill aufzustellen. Wir stellen ja in Eurer Moschee auch keine Ballmaschine auf.")

Fabian Monasterios als türkischer Anwalt Erol zeigt, dass er am Ende auch nicht viel von politisch korrektem Diskurs hält. Birte Kretschmer pocht als Melanie auf grundsätzliche Gleichbehandlung aller, während ihr Mann Torsten (Markus Gillich) seine Toleranz zunächst noch wie eine Monstranz vor sich herträgt, bis auch er sich abfällig gegenüber Religionen äußert und an der Eifersucht auf den türkischen Doppel-Partner seiner Frau fast zerbricht.

Der unterschiedliche Klang des Lachens

Das Stück ist viel mehr als ein satirisches Kabarettfeuerwerk mit "Man wird ja noch mal sagen dürfen"-Böllern, populistischen Nebelkerzen und Abfälligkeiten gegenüber dem Islam ("Die wollen Extrawürste für ihre bescheuerte Religion!"), Schwule und Vegetarier - was da eben so brodelt unter deutschen Vereinsdächern. Es wird viel gelacht an diesem Abend. Zwischen lautem "Hahaha!" und verboten klingendem "Hohoho!" sind alle Humor-Tonalitäten dabei. Interessant ist, wer wann lacht. Und so wird dieses Stück, das sich wenig um politisch korrekten Bühnensound schert, zu einem guten Indikator für unsere Diskussionskultur.

Theaterstück als hartes Tennismatch

Der Abend hat viel Text und erst mal eher wenig Handlung. Die Argumente sind schnell ausgetauscht. Dennoch gelingt es dem Ensemble und der starken Regie von Meike Harten, dass da im Tennisclub von Kloppstedt keine Karikaturen sitzen und streiten. Man erlebt echte, glaubhafte Figuren. Das gelungene Bühnenbild von Peter Lehmann zeigt einen Tennisplatz, der bis in die ersten Zuschauerreihen hineinragt. Der Streit um die Wurst wird zum harten Match im Einzel und Doppel, mit Volleys, Netzbällen und Assen. Dieser Abend ist ein starkes, unterhaltsames Stück Ohnsorg mit einem neuen, aktuellen, brisanten und auch riskanten Klang auf der Traditionsbühne.

Bilder aus "Extrawurst" im Ohnsorg Theater

"Extrawurst" - Ohnsorg-Theater mit Biss

In der Ohnsorg-Komödie "Extrawurst" geht es um einen Tennisverein, in dem über einen Extra-Grill für das einzige türkische Mitglied gestritten wird. Eine gelungene Gesellschafts-Satire.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Ohnsorg Theater
Heidi-Kabel-Platz 1
20099  Hamburg
Telefon:
(040) 350 80 30
E-Mail:
info@ohnsorg.de
Preis:
18,50 Euro - 36 Euro
Hinweis:
Schüler und Studenten erhalten auf Nachweis eine Ermäßigung von 50% auf die regulären Eintrittspreise. Donnerstag ist Studententag - 9 Euro auf allen Plätzen.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 07.10.2019 | 19:00 Uhr

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