Stand: 23.06.2019 14:32 Uhr

Evangelischer Kirchentag - Eine Frage der Haltung

von Florian Breitmeier
Florian Breitmeier leitet seit 2017 die Redaktion "Religion und Gesellschaft" bei NDR Kultur.

Der Kirchentag in Dortmund war vieles: Glaubensfest, spirituelle Tankstelle, Basislager der christlichen Selbstvergewisserung und Plattform für politische Positionen. Es sind Zeiten, die nach einer entschiedenen Haltung verlangen. Und in Dortmund war fast schon mit Händen zu greifen, dass Herausforderungen anstehen, die ein einzelner Mensch nicht lösen kann: Klimaschutz, Rechtsextremismus, internationale Konflikte, die Flüchtlingspolitik, eine gerechte Verteilung der Güter dieser Welt, eine Ethik für das digitale Zeitalter. So viele Fragen! Und bei der Suche nach Antworten ist auch Haltung gefragt. Der Austausch mit vielen Menschen ist dabei wichtig. Als sinn- und gemeinschaftsstiftendes Forum bleibt der Kirchentag deshalb eine wichtige Institution. Ein Ort kontroverser Debatten aber war er in den vergangenen Tagen zu selten. Auffällig war vielmehr, dass das Christentreffen mit seinen zahlreichen Planspielen, Workshops und Werkstätten offensichtlich den Nerv der Zeit traf: nicht nur reden und zuhören, sondern auch was machen.

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Nach gut 2.000 Veranstaltungen ging das Treffen evangelischer Christen mit einem Abschlussgottesdienst im Dortmunder Stadion zu Ende.
Große Herausforderungen

Doch steht der Kirchentag auch vor großen Herausforderungen. Mehr als 120.000 Gläubige kamen zu dem Protestantentreffen. Aber mit 80.000 Dauerteilnehmern registrierten die Veranstalter in dieser statistischen Gruppe den niedrigsten Wert seit rund 40 Jahren. Auch zu den Schlussgottesdiensten im Dortmunder Stadion und im Westfalenpark kamen mit knapp 40.000 Menschen deutlich weniger als erwartet. Diese Zahlen müssen noch kein Trend sein, könnten aber andeuten, dass der Kirchentag insgesamt Probleme hat, die nachrückende Generation zu begeistern. Deutlich wird dies zum Beispiel mit Blick auf die Klimaschutzbewegung "Fridays For Future", die ja überwiegend von jungen Leuten getragen wird. Doch viele von ihnen haben die Kirchengemeinde im Stadtteil oder im Dorf als mögliche Verbündete für eine andere Klimapolitik noch gar nicht auf dem Schirm. So manch ein entschiedener Appell von jungen Aktivistinnen und Aktivisten während des Kirchentags zeugte davon. Aber folgen dem stürmischen Applaus auch engagierte Aktionen in den Gemeinden, in den Betrieben der Diakonie, auf kirchlichem Ackerboden? Auch das sind Haltungsfragen.

Glaubenssachen
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Worauf vertrauen?

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Wir dokumentieren einen Vortrag, den die NDR Journalistin Anja Reschke gemeinsam mit dem Kirchentagspräsidenten Hans Leyendecker gehalten hat. Audio (19:57 min)

Notwendige Kritik und konstruktiver Austausch

Der Kirchentag in Dortmund, das war auch ein Lernort. Er bot durchaus Überraschendes. Das zeigte sich vor allem beim Thema sexualisierte Gewalt und Aufarbeitung. Zunächst waren Betroffene für das große Podium zum Thema Vertrauensmissbrauch nicht vorgesehen. Spät, fast schon zu spät reagierte der Kirchentag und änderte den Charakter der Veranstaltung entscheidend. Vor allem Betroffene und die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs hatten Druck gemacht. Das Podium im voll besetzten Opernhaus war eine wichtige Veranstaltung, weil das Podium in aller Öffentlichkeit Räume bot für notwendige Kritik und konstruktiven Austausch. Dass die evangelische Kirche die überraschende Dynamik einer solchen Veranstaltung künftig verstärkt als Chance begreift, das wäre der Institution zu wünschen. Kirchlich strukturierte Prozesse helfen in diesen Fragen nur bedingt weiter.

Schwierige Suche nach Antworten

Es sind zweifellos spannende Zeiten, die vieles verändern werden in Kirche und Gesellschaft. Das kann Verunsicherung, Sorgen und Ängste auslösen. Bei der schwierigen Suche nach Antworten sind deshalb Haltung, Entschiedenheit und auch der Glaube an die Macht der Vernunft gefragt. Wenn der Kirchentag in Dortmund dafür vielen Menschen Mut gemacht hat, dann ist er ein guter Kirchentag gewesen.

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann

Evangelischer Kirchentag - Eine Frage der Haltung

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Der Kirchentag in Dortmund war vieles: Glaubensfest, spirituelle Tankstelle, Basislager der christlichen Selbstvergewisserung und Plattform für politische Positionen. Florian Breitmeier kommentiert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 23.06.2019 | 15:20 Uhr

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