Stand: 16.04.2019 19:13 Uhr

Notre-Dame: "Ich wollte es nicht wahrhaben"

Der Brand von Notre-Dame berührt die Menschen tief, über Generationengrenzen hinweg. Ältere, die den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen als Kinder erlebt haben, sind vielleicht besonders getroffen - erst recht, wenn sie zur Geschichte ein so spezielles Verhältnis haben wie der französisch-deutsche Historiker Étienne François, der sich immer wieder mit der Erinnerungskultur und ihren Symbolen beschäftigt hat.

Herr François, wofür steht diese Kathedrale, dieses Weltkulturerbe in der französischen Geschichte?

Bild vergrößern
"Notre-Dame ist Ausdruck der Kontinuität der französischen Geschichte", findet Étienne François.

Étienne François: Diese Kathedrale von Notre-Dame ist für alle Franzosen, aber nicht nur für die, ein zentrales Denkmal, das Schönheit, Alter und die symbolische Dimension verbindet. Es ist gleichzeitig religiös und national.

Während der Französischen Revolution war Notre-Dame ja ein Symbolort der Demütigung des Christentums, zeitweise diente die Kathedrale damals als Weinlager. Erst Napoleon hat dann die Nutzung für Gottesdienste wieder ermöglicht und sich selbst dort zum Kaiser gekrönt. Dieses Zusammenspiel von Säkularisierung und der großen religiösen Tradition - prägt das diesen Ort bis heute?

François: Wenn man ein bisschen aufmerksam schaut, sieht man das sofort - nicht zuletzt daran, dass an der Fassade die meisten Statuen aus dem 19. Jahrhundert stammen. Das heißt, sie sind nach dem Ende der Französischen Revolution rekonstruiert worden. Der Turm, der durch den Brand gefallen ist, ist auch eine Konstruktion der Zeit nach der Französischen Revolution. Die Kathedrale von Notre-Dame ist genauso eine mittelalterliche Kathedrale wie eine neu erfundene Kathedrale des 19. Jahrhunderts. Jeder denkt dabei natürlich an Victor Hugo - und das spielt auch eine ganz große Rolle in der Form der Wahrnehmung, die man mit Notre-Dame hat.

Dort ist auch das Ende der Besatzung durch die Nazis gefeiert worden. Kann man sagen, Notre-Dame ist ein Ort, an dem sich Frankreichs kollektives Gedächtnis und Selbstbewusstsein immer wieder aufrichten konnten?

François: Ja, ohne Zweifel. Notre-Dame ist eine wunderschöne gothische Kathedrale, vergleichbar mit Reims, Amiens oder Chartres, die in mancher Hinsicht manchmal schöner oder beeindruckender sind. Aber Notre-Dame ist im Zentrum von Paris, dort wo schon die Römer angesiedelt waren. Im Grunde ist sie dadurch Ausdruck der Kontinuität der französischen Geschichte. Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg auch mehrere große öffentliche Gottesdienste, etwa nach den Toden der Präsidenten der Republik, die in Notre-Dame stattfanden.

Hat Emmanuel Macron also das Richtige gesagt, als er formuliert hat, Notre-Dame sei wieder aufzubauen, das verdiene die französische Geschichte, das sei "unser tiefes Schicksal".

François: Er hat wieder einmal perfekt gesprochen. Nicht alle sind mit seinen politischen Ansichten einverstanden, aber als Rhetoriker und als einer, der in der Lage ist, die Tiefe der französischen Seele zu verstehen, ist er unschlagbar.

Es hat über Frankreich hinaus jede Menge Solidaritätsbekundungen gegeben. Im Europaparlament hat der Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker gesagt, ein wichtiger Teil Frankreichs sei schwer verwundet und alle seien nun ein bisschen Witwen und Witwer. Können Sie mit diesem Bild etwas anfangen?

François: Ob ich Witwer bin? Zum Glück nicht - meine Frau ist noch immer mit mir zusammen. Als ich das gestern Abend im Fernsehen sah, war ich unwahrscheinlich geschockt und konnte es nicht wahrhaben. Da ich selber eine Zeit lang in Paris gelebt habe, war das für mich wie der Verlust von etwas, was für mich ganz zentral ist. Während des Zweiten Weltkriegs wohnten meine Eltern in Rouen, und sie haben gesehen, wie die Kathedrale von Rouen durch die Engländer bombardiert wurde, auf die gleichen Art und Weise brannte und fast zerstört wurde. Für mich waren das auf der einen Seite die Tragik der Zerstörung und gleichzeitig auch die Erinnerung an tragische Zeiten unserer Geschichte.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Étienne François © picture alliance / dpa Foto: Wolfgang Kumm

Notre-Dame: "Ich konnte es nicht wahrhaben"

NDR Kultur -

Nach dem großen Brand von Notre-Dame zeigen sich viele Menschen geschockt. "Es war wie der Verlust von etwas, was für mich ganz zentral ist", sagt der Historiker Étienne François.

5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Weitere Informationen
06:48
NDR Kultur

"Wir wollen Notre-Dame wiederhaben"

NDR Kultur

Kann der Brand von Notre-Dame das zuletzt gespaltene Frankreich wieder enger zusammenrücken lassen? Ein Gespräch mit der französischen Journalistin und Schriftstellerin Pascale Hugues. Audio (06:48 min)

10 Gründe, warum Notre-Dame wieder aufgebaut werden muss

Der Brand in Notre-Dame hat die Menschen auf der ganzen Welt erschüttert. Für den bereits beschlossenen Wiederaufbau gibt es zig Gründe. NDR Kultur beschränkt sich auf zehn. mehr

NDR Kultur

Musica

16.04.2019 19:30 Uhr
NDR Kultur

Aus Anlass der Brandkatastrophe in Paris haben wir am Dienstagabend eine Aufnahme von Olivier Messiaens "L'Ascension" gesendet. Die Sendung steht hier zum Nachhören bereit. mehr

Organist Christoph Schoener zum Brand in Notre-Dame

Auch bei uns im Norden sorgt der Brand von Notre-Dame für große Betroffenheit. NDR Kultur hat mit Christoph Schoener, Hamburger Kirchenmusikdirektor am Michel, über die Tragödie gesprochen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.04.2019 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr