Stand: 12.02.2019 15:54 Uhr

"Barenboim ist eines der wenigen Genies"

Mitte vergangener Woche erschien im digitalen Klassikmagazin Van unter dem Titel "Der Poltergeist" eine ausführliche Recherche zur Frage "Wer hat Angst vor Daniel Barenboim". Und diese Recherche wird seitdem heftig diskutiert. Auf vielen Seiten und mit vielen meist anonymen Stimmen belegt, wird dort über den Jähzorn und die Launenhaftigkeit des großen Maestro berichtet, der neben vielem anderem auch Generalmusikdirektor der "Staatsoper Unter den Linden" in Berlin und auf Lebenszeit Chefdirigent der dortigen Staatskapelle ist. Eine, die den Klassikbetrieb seit vielen Jahren intensiv verfolgt, jahrelang leitende Redakteurin der FAZ und FAS war, ist die Musikjournalistin Eleonore Büning.

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Die Musikjournalistin Eleonore Büning arbeitet seit 2008 als Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Frau Büning, in dem langen Artikel heißt es relativ am Anfang: "Barenboims Leben und Leistung nötigen Respekt ab und flößen Ehrfurcht ein." Dann folgt aber eine ausführliche Berichterstattung über die Schattenseiten - was überwiegt bei ihrer Einschätzung Barenboims?

Eleonore Büning: Also, ich glaube, dass er eines der wenigen Genies ist, die es überhaupt auf dem Gebiet der Musik gibt. Und ich habe nicht nur Respekt, sondern auch Bewunderung, wobei ich absolut nicht mit allem, was er musikalisch fabriziert, einverstanden bin. Ich habe auch schon in Konzerten gesessen, wo er suboptimal gespielt hat - das kommt natürlich auch vor, denn Musik ist immer live, nicht wahr? Und Sie sind nicht immer auf der Höhe.

Diesen Text, der da in diesem Online-Magazin erschienen ist, halte ich für eine Katastrophe. Ich weiß nicht, wie der zustande gekommen ist. Sie haben es schon erwähnt, dass dort alle möglichen Zeugen zitiert werden, aber niemand wird namentlich genannt. Es ist stets Hörensagen. In diesem Text heißt es immer: "eine ehemalige Mitarbeiterin sagt" oder "ein Mitarbeiter der Staatskapelle sagt" - und ich finde, auch für Musikkritiker im weichen Journalismus gilt, dass man seine Meinung zunächst einmal auf einer gründlichen Recherche fußen lassen und Fakten und Tatsachen sprechen lassen muss, und davon stehen in diesem Text wenig drin. Und wenn, dann sind sie falsch - es gibt ein paar richtig falsche Behauptungen da drin. So ein Text ist ein Brandsatz. Ich bin ratlos, warum es zum jetzigen Zeitpunkt dazu gekommen ist.

Sie sagen es ja, es wird meistens nur anonym zitiert. Auf der anderen Seite, hinter vorgehaltener Hand, ist es ja tatsächlich ein offenes Geheimnis, dass Barenboim ein sehr aufbrausender Mensch ist. Warum wird es dann jetzt noch einmal veröffentlicht, können Sie sich das erklären?

Büning: Ich weiß es nicht. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass ich fassungslos war, als ich das gelesen habe. Manche Sachen musste ich zweimal lesen, weil ich gar nicht glauben konnte, dass sich jemand - ein Journalisten-Kollege - in den Post-Claas-Relotius-Zeiten so daneben benimmt oder so aus dem Fenster lehnt. Ich kenne ja den Herrn Welscher (Hartmut Welscher ist einer der beiden Autoren von "Der Poltergeist", Anm. d. Red.) und schätze ihn sehr.

Was da vielleicht dran stimmt, ist, dass Barenboim ein temperamentvoller Mensch ist, der schon seit über siebzig Jahren ein Bühnenleben führt und nichts anderes tut, als Musik zu machen. Und dass er sich viele Feinde geschaffen hat im Laufe seines Lebens, weil er ein sehr dezidiert arbeitender Mensch ist - es steht ja in dem Text auch drin, dass er Tag und Nacht arbeitet und das auch von seinen Mitarbeitern verlangt - und das geht nicht immer reibungslos ab. Es gibt im Beruf des Dirigenten - wie in jedem Beruf, glaube ich - so was wie natürliche Autorität. Und so was kommt immer von Können, und das ist in diesem Fall der Fall. Ich glaube, wenn man zwischen den Zeilen des Textes liest, kann man das auch da herauslesen.

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Außerdem gibt es keinen demokratischen C-Dur-Akkord. Man kann in einem Orchester nicht ausdiskutieren, ob man jetzt die Fünfte von Beethoven auf eins beginnt oder mit einer Pause - das geht nicht, das steht in den Noten, das muss so gemacht werden und muss exakt passen. Deswegen gibt es ja überhaupt diese Organisation des Orchesters, diese Hierarchien und deswegen gibt es Dirigenten. Der Mythos vom Maestro ist so was von old fashioned, und dass der jetzt noch mal wieder aufgewärmt wird, verstehe ich nicht.

Ist das womöglich auch eine überholte Verhaltensweise, die Herr Barenboim an den Tag legt? Wir befinden uns ja durchaus in einem gesellschaftlichen Wandel, wo alte Verhaltensweisen - gerade auch männliche, patriarchale - noch einmal neu beurteilt werden. Ist das womöglich die Fallhöhe, über die wir hier sprechen?

Büning: Ja und nein. Ich sehe das tatsächlich bei Daniel Barenboim nicht. Dieser Mythos vom Maestro war ja schon obsolet, als von Karajan in den 80er-Jahren alt wurde und man ihn noch mal mit Dreck beschmeißen wollte. Jetzt ist er es umso mehr. Ich kann nur an ein paar Fakten erinnern: Im Text von Herrn Welscher steht zum Beispiel so etwas drin wie: Barenboim habe sich beleidigt entschlossen - weil er nicht Chef der Berliner Philharmoniker geworden sei -, seine Staatskapelle auf Platz eins der Weltrangliste zu hieven. Das ist vollkommener Blödsinn, das geht schon rechnerisch überhaupt nicht auf: Barenboim ist 1992 zur Staatskapelle gekommen, die Philharmoniker-Wahl war 1999. Ich frage Sie jetzt mal, was hat er denn in diesen sieben Jahren gemacht - also, wenn nicht die Staatskapelle dirigiert und sich um die Berliner Musikszene gekümmert? Er hat ja nicht da gesessen und die Hände in den Schoß gelegt. Es gibt Konzerte, es gibt CD-Aufnahmen, es gibt die Geschichte - da muss man einfach nur mal kurz zurückblättern, ins Archiv gucken und dann weiß man, dass es einfach eine Behauptung ist, die gar nicht stimmen kann.

Abgesehen davon, war die Wahl bei den Berlinern Philharmonikern geheim. Und dann würde ich auch noch ganz gerne daran erinnern: Als Barenboim jung war, gab es noch keine Dirigentinnen. Er war einer der ersten, die Dirigentinnen als Assistenten hatten und gefördert haben. In eben diesen 90er-Jahren, von denen hier die Rede ist, war Simone Young seine Assistentin, die er gefördert hat, wo er konnte. Sie ist eine bekannte Dirigentin geworden. In einigen Tagen wird sogar Alondra de la Parra an der Staatsoper dirigieren. Mittlerweile sind Dirigentinnen noch nicht so viel wie Männer unterwegs, aber immerhin sind schon zwei Dutzend unterwegs. Und Daniel Barenboim hat sich als Dirigent und als Orchesterleiter immer um den Nachwuchs gekümmert, nicht nur um den Orchester-Nachwuchs, sondern auch um den dirigentischen Nachwuchs. Also das passt irgendwie nicht so richtig zusammen.

Er hat Temperament und Feinde, das stimmt. Und er ist ein Mensch, der den direkten Weg wählt, wenn es Konflikte gibt - das ist auch richtig. Dass er aber ein Rumpelstilzchen ist, halte ich für eine Unterstellung.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.02.2019 | 19:00 Uhr

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