Stand: 04.09.2020 18:05 Uhr

Eckart Altenmüller: "Musik kann uns Sinn geben"

Was passiert, wenn wir Musik hören? Welche Bilder entstehen dabei im Kopf? Wann hören wir Musik? In welchen Situationen erinnern wir uns an bestimmte Musikstücke? Fragen, über die die Schriftstellerin Carolin Emcke zur Zeit in unserem NDR Kultur Musikpodcast "Stereo" spricht. Eckart Altenmüller ist Professor für Neurologie und Musiker. Die emotionale Musikverarbeitung gehört zu seinen Fachgebieten.

Herr Altenmüller, Sie arbeiten als Neurologe und haben auch Musikerfahrung. Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Alltag? Wann greifen Sie zum Instrument oder hören Musik?

Eckart Altenmüller © picture alliance/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich
Seit 1994 leitet Eckart Altenmüller in Hannover das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien.

Eckart Altenmüller: Die Musik spielt eine sehr große Rolle in meinem Alltag. Ich höre sehr gerne die CDs, die mir meine Patientinnen und Patienten schenken - das mache ich meistens morgens. Und abends übe ich regelmäßig - auch die Querflöte. Musik ist sehr stark mit emotionalen Erinnerungen, mit biografischen Filmen verbunden. Sie wirkt deswegen oft sehr stimulierend und aufbauend auf mich.

Es gibt Menschen, die arbeiten und hören Musik. Auch Carolin Emcke erzählt, dass sie Musik hört, wenn sie an Büchern schreibt. Andere Menschen brauchen absolute Stille, um schreiben und denken zu können. Was passiert da im Gehirn?

Altenmüller: Wenn wir Musik hören, die wir schon kennen und die uns gut gefällt, dann wird die rechte Hirnhälfte stärker durchblutet, dadurch kommt es zu einer Wachheitszunahme und wir können bestimmte Denkaufgaben schneller lösen. Das nennt man den Mozart-Effekt, und das bedeutet, dass wir mit Musik besser kognitiv arbeiten können.

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Carolin Emcke steht lachend vor einem Vinylregal. © NDR Foto: Mischa Kreiskott

Stereo - Der Musik-Podcast mit Carolin Emcke

Die Kolumnistin und Philosophin Carolin Emcke zeigt sich von einer neuen Seite: Ihre Leidenschaft für Musik hat sie geprägt. Im Podcast von NDR Kultur legt sie Lieblingsstücke auf. mehr

Warum bildet man sich ein, dass man die Ruhe braucht? Ist das ein Trugschluss?

Altenmüller: Bei schwierigen Denkaufgaben, die sehr viel Arbeitsgedächtnis benötigen, zum Beispiel Rechenaufgaben oder dem Formulieren komplexer Sätze, da lenkt Musik in jedem Fall ab. Wenn ich die Musik allerdings sehr gut kenne, und sie mich nicht mehr mit Überraschungen aus dem Kontext meiner Aufgabe reißt, dann kann ich mit Musik sehr schwierige Aufgaben lösen.

Sie haben 2018 ein Buch geschrieben: "Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann". Warum ist das so?

Altenmüller: Wir können auch ohne Musik leben, aber lange nicht so gut. Musik ist ein ganz wichtiger Teil unseres Alltags. 97 Prozent der Menschen bezeichnen Musik als eine ihrer wichtigsten Freizeitbeschäftigungen - das sind fast alle. Es gibt nur eine ganz kleine Gruppe von Menschen, die gar nicht auf Musik anspringen, und die haben auch öfter Schwierigkeiten in der emotionalen Wahrnehmung. Musik ist sehr stark mit unserem emotionalen Gedächtnis verbunden, mit unserer Identität, unserer Kultur, unserer Vergangenheit und mit der ganzen Kulturgeschichte.

Warum tut Musik unserer Seele so gut?

Altenmüller: Das hat etwas damit zu tun, dass Musik in ihrer Wurzel wahrscheinlich ein uraltes emotionales Kommunikationsmodel darstellt, was schon lange, bevor wir zum Homo sapiens wurden, eine Rolle spielte. Sie ist etwas, was unsere Affekte und unsere Verbundenheit mit anderen Lebewesen ausdrückt. Das ist ganz tief in unserer Genetik verankert. Musik ist die Ursprache der Menschen und vor allem die Sprache, die uns zusammenführt und verbindet. Das ist genetisch angelegt, und aus diesem Grund ist Musik emotional so wirksam.

Musik hat eine zweifellos starke, große Wirkung, sie beeinflusst Stimmungen, macht unter Umständen glücklich, fasziniert oder ist ergreifend. Was passiert da auf dem Weg vom Gehirn zum Herzen?

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Ein Paar tanzt eng aneinander geschmiegt aneinander und hat jede Menge Spaß. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: Blend Images/PBNJ Property

Wie sich Musik mit unseren Erinnerungen verbindet

Musik kann uns in besondere Momente zurückversetzen. Sie wird im episodischen Gedächtnis gespeichert und wirkt auf verschiedene Prozesse des Langzeitgedächtnisses. mehr

Altenmüller: Wenn wir Musik hören, wird dieses ziemlich komplizierte Signal im Gehirn an vielen Stellen verarbeitet. Es führt zunächst zu einer Art von Aufmerksamkeitsregulation. Ganz früh, noch bevor wir die Musik bewusst wahrnehmen, wird das limbische System, unser Emotionssystem, angeworfen. Dabei erzeugt großartige Musik bei uns ein Sehnen, ein inneres Erwarten. Und wenn der Gänsehaut-Moment dann kommt, schüttet unser Gehirn massiv Hormone aus: vor allem das Hormon Dopamin, also das Belohnungshormon, und Endorphine, also die Glückshormone. Das führt zu einer ganzen Kaskade körperlicher Reaktionen: das Gefühl der Gänsehaut, wenn sich überall auf der Haut die Härchen aufstellen, Rührung, wenn wir Tränen in den Augen bekommen oder wenn wir einen Kloßgefühl im Kehlkopf bekommen. Das hat alles mit dieser starken emotionalen Bewegung zu tun. Emotion heißt ja: herausbewegen - und genau das erzeugt die Musik.

In einem Fragebogen haben Sie auf die Frage "Bei welcher Musik werden Sie schwach?" geantwortet: bei Bachs Matthäus-Passion, bei der Arie "Erbarme Dich". Auch Carolin Emcke hat eine besondere Affinität zu Bach. Als sie als Kriegsreporterin aus Afghanistan berichtet hat, da habe ihr Bachs Musik besonders geholfen, gerade in schwierigen Situationen. Warum kann Musik das leisten?

Altenmüller: Das hat einerseits sehr viel mit der Musik selbst zu tun, mit der Klarheit der musikalischen Komposition. Es hat auch sehr viel mit den Biografien zu tun: Wie bin ich sozialisiert worden? Welche Rolle hat die Bachsche Musik in meinem Elternhaus gespielt? Welche Einbettung habe ich in der gesamten Bachschen Welt, auch in der protestantischen Welt? Es hat auch sehr viel damit zu tun, wie ich im Moment gerade gestimmt bin. Musik kann uns Sinn geben, sie kann uns so erfüllen, dass wir merken, dass wir in unserem Leben nicht allein sind, dass alles, was wir tun, eine langfristige Bedeutung hat. Es ist verwurzelt in der Vergangenheit und es weist in die Zukunft.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.09.2020 | 18:00 Uhr