Stand: 08.11.2019 16:24 Uhr

Dokumentarisches Ost-West-Bühnenprojekt in Hamburg

von Peter Helling

Das Lichthof Theater im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld wurde vielfach ausgezeichnet. Einen wichtigen Anteil an seinem Ruf hat die Bürger*innen-Bühne: Normale Menschen aus der Stadt können hier dabei sein, um gesellschaftliche Fragen nach Demokratie, Mitbestimmung, Diversität zu diskutieren. Das neueste Projekt heißt "Rübermachen". Es beschäftigt sich 30 Jahre nach dem Fall der Mauer mit Erfahrungen aus Ost und West. Mit dabei sind Menschen aus Hamburg und Halle an der Saale. Gerade ist der erste Teil des Projektes zu Ende gegangen. Ein Eindruck von den Begegnungen am Lichthof Theater.

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Jeder hat andere Erinnerungen an den 9. und 10. November 1989. Das Projekt "Rübermachen" stellt die Erinnerungen der Menschen in Ost und West in den Mittelpunkt.

Die Atmosphäre im Foyer des Lichthof Theaters ist gelöst, entspannt, eine Spur Abschied liegt in der Luft, Menschen umarmen sich. Sie sind die "Rübermacher" und "Rübermacherinnen". Die Teilnehmer stammen jeweils aus Halle und aus Hamburg. Sie fahren gegenseitig im Wechsel nach Halle und nach Hamburg, um sich zu treffen. Die Autorin Dagrun Hintze hatte die Idee zu dem Projekt.

Interkulturelles Training mit 30 Jahren Verspätung

Zwei Wochenenden lang haben die 18 Teilnehmer bislang über ihre unterschiedlichen Erfahrungen in Ost und West gesprochen. Hintze nennt das augenzwinkernd interkulturelles Training mit 30 Jahren Verspätung. "Auch, wenn wir dieselbe Sprache sprechen, ist manchmal eine Form von Übersetzung nötig, und Zuhören ist manchmal auf der Westseite nötig", erklärt Hintze. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben den praktischen Teil gerade hinter sich gebracht. Gleich werden sie zum Abschluss Mittagessen. Das verbindet.

Erinnerungen an den Geruch des Intershops

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Das Hamburger Lichthof Theater startet einen Austausch mit dem WUK in Halle: Aus den persönlichen Geschichten der 18 Mitwirkenden entstehen im Austausch zwei Theaterstücke.

Ganz Alltägliches kam in den letzten Tagen buchstäblich auf den Tisch: sogar Gerüche, die besonders intensiv Erinnerungen hervorrufen. Hintze erzählt: "Mich beeindruckte, dass in unserer allerersten Gesprächsrunde eine Frau aus Halle sagte: 'Erinnert ihr euch noch an den Geruch vom Intershop?' Alle Ostdeutschen sagten: 'Genau!'"

Jeder bringt 30 Jahre nach dem Mauerfall Erfahrungen mit. Teilnehmer Thomas zum Beispiel war 1989 Marinesoldat der DDR. Nun sei Zeit für eine Bilanz, für neue Fragen, sagt der 57-jährige aus Halle, der heute im Verkauf arbeitet. Thomas und Ulf mögen und verstehen sich, das merkt man gleich. Ulf ist 44 Jahre alt und Therapeut aus Hamburg. "Mich hat die Ausschreibung des Theaters Lichthof für dieses Projekt wahnsinnig interessiert, weil ich finde, dass das 30-jährige Maueröffnungs-Jubiläum ein Thema ist, das in uns rumschwirrt: 'Was weiß ich darüber, wie gehe ich damit um, und was ist aus diesem ganzen Euphorie-Gedanken und Stimmungen geworden?", erzählt der Therapeut.

Persönliche Geschichten werden zum Theaterprojekt

Statt Wende-Euphorie sei am Wochenende viel Persönliches, auch Schmerzhaftes zur Sprache gekommen, meint der Hamburger. Konkret davon erzählen wollen sie noch nicht. Man versteht es: Geschichten brauchen Raum, Vertrauen, bevor sie irgendwann zu einem Theaterprojekt und damit öffentlich werden. Den Blick zurück sucht Thomas dabei nicht. "Es gibt so ein Sprichwort. Das Wasser, was durch die Mühle durch ist, das treibt nicht mehr."

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Statt eines Neustarts, eines "Resets" hofft auch Regisseurin Meera Theunert "dass durch die Begegnungen mit konkreten Erfahrungen und Geschichten und Menschen bestimmte Denkkrusten aufbrechen können." Manchmal gehe es einfach darum, neue Fragen zu stellen - deren Antworten man nicht schon im Vorhinein wüsste.

30 Jahre nach dem Mauerfall wird an den legendären 9. November 1989 erinnert. Auch der sei wohl ein Datum, das in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich gesehen werde. Im Westen - als großer Feiertag. Und im Osten? Ulf aus Halle glaubt, dass damals viel Unsicherheit entstanden ist, denn die Sorgen waren: "Was passiert jetzt, was ist morgen, was ist mit meinem Arbeitgeber?", erinnert er sich.

Wer erzählt welche Geschichte? Welche dominiert?

Diese Geschichten könnten helfen, ein neues Licht auf die Geschichte zu werfen, neue Perspektiven auf ostdeutsche Biografien zu ermöglichen, sagt Meera Theunert. Die Regisseurin will erforschen: "Wer erzählt eigentlich welche Geschichte? Und welcher Geschichte höre ich wie zu? Welche Geschichten dominieren andere Geschichten?"

Die Geschichten aus Halle werden in Hamburg, die aus Hamburg in Halle erzählt. Thomas lächelt, erleichtert nach den letzten Tagen. "Ich wünsche mir, dass die Erkenntnisse aus den Interviews, aus sehr persönlichen Erfahrungen, auch sehr schmerzhaften, in dem Theaterstück verarbeitet werden. Ich bin mir sicher, dass die Theatermacher das schaffen, sowohl in Halle als auch in Hamburg. Das verbindet die beiden Hansestädte."

Im März 2020 beginnen die Proben zu dem Stück. Premiere in Hamburg ist am 22. Mai.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 09.11.2019 | 13:40 Uhr

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