Stand: 16.08.2019 15:35 Uhr

#MeToo: Carolin Emcke diskutierte im Literaturhaus

von Torben Steenbuck

Vor anderthalb Jahren begann mit den Vorwürfen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein die #MeToo-Debatte. Seitdem wird offener über sexuelle Gewalt gesprochen und geschrieben. Eine, die sich in der Debatte lange zurückgehalten hat, ist die Autorin und Trägerin des Friedenspreises des Buchhandels: Carolin Emcke. Nun hat sie ein Buch veröffentlicht, das den Titel trägt "Ja heißt ja und …". Am Donnerstagabend war sie im Literaturhaus Hamburg und hat über ihre Erfahrungen und Gedanken zur #MeToo-Debatte gesprochen.

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Moderatorin Barbara Bleisch (r.) führte durch den Abend mit Autorin Carolin Emcke im Literaturhaus Hamburg.

Stellen Sie sich vor, Sie sind bei einem Abendessen eingeladen. Das Gastgeber-Paar streitet sich, verschwindet in einem Nebenzimmer und als die Frau wiederkommt, ist offensichtlich, dass sie geschlagen wurde. Wie würden Sie reagieren? Würden Sie es ansprechen? Würden Sie zur Frau gehen und ihr helfen? Im restlos ausverkauften Hamburger Literaturhaus herrschte gestern Abend nach diesen Fragen betretenes Schweigen. Carolin Emcke hat genau diese Szene erlebt und beschreibt ihre Reaktion.

Schweigen schützt den Täter

"Die für mich interessante Beobachtung im Nachhinein war: Mir ist eingefallen, dass ich sie mitnehmen oder dort lassen könnte. Aber dass ich auch in das Nebenzimmer zu dem Mann hätte gehen können, ist mit gar nicht eingefallen. Es ist nicht so, dass ich mich das nicht getraut hätte", beschreibt Emcke ihre Überlegungen. Sie ist der Überzeugung, dass man Täter von Gewalt unfreiwillig schützt, wenn man nicht genau ausspricht, was sie getan haben. Ansprechen, aussprechen und dabei präzise sein - das ist laut Emcke auch bei sexueller Gewalt notwendig.

Einvernehmlichkeit ist das Entscheidende

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In ihrem neuen Buch verarbeitet Carolin Emcke Gedanken und Fragen zur #MeToo-Debatte.

In Emckes Buch soll es jedoch nicht um Anklagen gehen. Vielmehr sollen auch Lust und Begehren im Vordergrund stehen. Das Entscheidende sei die Einvernehmlichkeit. "Wenn ich in einem Darkroom in Berlin-Kreuzberg bin, würde ich sagen, darum geht es. Wenn ich in einem Büro bei einem Mittagessen mit einem Opernsänger bin, bei dem es nur um die dramaturgische Gestaltung von verschiedenen Opernrollen geht, fände ich es ausgesprochen unangemessen."

Autorin verarbeitet persönliche Erlebnisse

In ihrem Buch verarbeitet Emcke persönliche Geschichten. Sie stellt ethische und philosophische Fragen, ohne dabei immer die Antworten zu haben. Vieles geht sie humorvoll an und immer wieder hinterfragt sie sich selbst. "Was mich bei diesen #MeToo-Diskussionen oder bei vielen Beiträgen so gestört hat, war die unerhörte Selbstgewissheit. Also die Schärfe und die Härte. Und ich merkte, dass ich da viel unsicherer im Urteil bin."

Angeregte Diskussion mit dem Publikum

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Ganz bewusst bezieht Carolin Emcke das Publikum mit ein. Im Hamburger Literaturhaus wurden Fragen rund um sexuelle Gewalt und Einvernehmlichkeit diskutiert.

"Ja heißt ja und…" wurde von Emcke zuerst als eine Vorlesung mit Musik in der Berliner Schaubühne geplant. Das Ziel: Näher am Publikum sein, die Reaktionen mitbekommen, sich etwas mehr ausliefern. Im Hamburger Literaturhaus schien sie sich nicht ausgeliefert zu fühlen, diskutierte angeregt mit Moderatorin Barbara Bleisch und dem Publikum. "Ich habe erlebt, dass Menschen, die einmal in diesem Solo-Abend waren, noch ein zweites und ein drittes Mal gekommen sind und ihre Eltern oder ihre Geschwister mitgebracht haben. Und das berührt mich natürlich sehr", freut sich die Autorin.

Emcke wünscht sich andere Gesprächskultur

Emcke wünscht sich eine Gesprächskultur, in der die Menschen achtsam miteinander umgehen, zuhören und auch mit Traditionen brechen. Das bezieht sie nicht nur auf #MeToo, sondern genauso auf Rassismus und andere Formen von Gewalt und Ausgrenzung. "Natürlich ist es nicht so einfach, sich etwas abzugewöhnen", weiß Emcke. "Ich verstehe, dass einem am Anfang noch mal etwas herausrutschen kann. Aber ich kann nicht verstehen, wie man sich dagegen wehren kann, dass man etwas lernen kann."

Beim Titel des Buchs "Ja, heißt ja und …" geht es Emcke um die Lust und dass Menschen auch sagen, was sie wollen. Das "und" steht dabei für das Unbestimmte und das Offene. Und so entließ sie auch gestern ihr Publikum, das noch einige offene Fragen diskutierte. Eines ihrer Ziele hat Emcke damit erreicht.

Weitere Informationen
NDR Kultur

"Die radikalste Form ist, sich selbst auszuliefern"

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Carolin Emcke tourt mit ihrem Bühnenprogramm "Ja heißt ja und ..." durch Deutschlands Theater. Ein Gespräch über die Entwicklungen in der #Me Too-Debatte. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 16.08.2019 | 11:20 Uhr

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