Menschen bewegen sich in durchscheinenden Kostümen über die Bühne. © Krafft Angerer

Hamburger Thalia Theater probt für "Die Jakobsbücher"

Stand: 01.07.2021 11:30 Uhr

Fast 1.200 Seiten umfassen "Die Jakobsbücher" von Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Das Hamburger Thalia Theater bringt das Stück auf die Bühne - ein Bericht von den Proben.

von Katja Weise

Zu einer großen "Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet", lädt die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in "Die Jakobsbücher" ein. Im Mittelpunkt steht Jakob Frank, Begründer des Frankismus - einer religiösen Bewegung im 18. Jahrhundert.

Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak bringt das Epos am Hamburger Thalia Theater auf die Bühne. Kurz vor Beginn der Probe - heute soll durchgespielt werden - gibt die zierliche Frau auf der Bühne letzte klare Anweisungen. Dann zieht sie sich hinter das Regiepult im Parkett zurück.

André Szymanski spielt den charismatischen Jakob Frank, der die Juden Osteuropas für den Aufbruch in die Moderne begeistern wollte. "Er ist so eine Mischung zwischen religiösem Führer, Scharlatan und Clown - irgendwie ist er auch ein bisschen kriminell, rücksichtslos und egoistisch", sagt André Szymanski. "Er vereint viele Facetten - was ich aber auch versuche, ist ein Führer einer Gruppe zu sein."

Weitere Informationen
Olga Tokarczuk: "Die Jakobsbücher" (Cover) © Kampa

"Die Jakobsbücher" der Nobelpreisträgerin Tokarczuk

Im Roman "Die Jakobsbücher" fördert die Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk auf mehr als 1.000 Seiten die verschüttete Geschichte des jüdischen Mystikers Jakob Frank zutage. mehr

Marciniak stellt am Thalia Theater religiöse Gemeinschaft in den Mittelpunkt

Ewelina Marciniak erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Zusammen mit dem Autor Jarosław Murawski hat sie eine Fassung geschrieben, die einzelne Figuren und Themen in den Mittelpunkt stellt. Bei einer ersten Inszenierung in Warschau 2016 ging es ihr vor allem um Polen, die Rolle der katholischen Kirche dort und die fehlende Toleranz in der Gesellschaft. Jetzt will sie die religiöse Gemeinschaft stärker in den Vordergrund stellen. "Wenn Menschen sich zusammenschließen und einem Guru folgen, möchten sie wissen, warum sie sterben müssen, warum sie verlassen werden, warum sie allein sind", sagt die Regisseurin. "Und sie wollen wissen: Welche Rolle spielt Gott im Leben?"

Jakob Frank wählt seine Religion immer wieder neu: Er konvertiert vom Judentum zum Islam, zum Katholizismus.

"Im Angesicht des Allmächtigen und der hier Anwesenden hast Du somit auf dein Judentum verzichtet und den wahren katholischen Glauben angenommen" Zitat aus der Probe

Jakob Frank nutzt Religion als Mittel zum Zweck

"Er benutzt die Religion, um woanders hinzukommen - er hat Herrschaftsansprüche, aber eben auch theologische Ideen eines anderen Lebens", schildert der Hauptdarsteller. "Wie wollen wir zusammenleben, wie wollen wir nicht mehr leben, und da versucht er sich zu etablieren." Religion als Hülle, als Konstrukt, um andere Ziele zu erreichen.

Jakob Frank macht so einen Aufbruch möglich: allerdings auf Kosten anderer. Das Leben in der Gemeinschaft ist frei. Der Guru hat viele Frauen, seine Frau Chana nur ihn. Ewelina Marciniak findet beeindruckende Bilder für das Miteinander: Menschen, eingehüllt jeweils in eine Art Ganzkörper-Nylonstrumpfhose rollen übereinander, minutenlang, in einem ganz bestimmten Rhythmus.

"Die Jakobsbücher": Aufführung thematisiert Judenhass, Flucht und Intoleranz

Gleichzeitig sind die anderen großen Themen, Judenhass, Migration, Intoleranz, Flucht immer virulent. Doch von einem Messias ist nicht unbedingt Heil zu erwarten. "Es geht um weibliche Energie. Mehr als tausend Jahre lang wurde uns beigebracht, dass wir der männlichen Energie vertrauen sollen, der oft gnadenlosen, herrschsüchtigen Energie", sagt Ewelina Marciniak. "Ich möchte mit dieser Aufführung zeigen, dass ohne weibliche Energie nichts möglich ist, auch nicht für den Guru - deshalb kann kein Mann unser Messias sein." Es ist eine Reise, auf die die Regisseurin das Publikum mitnimmt - eine sehr gegenwärtige.

Eine Voraufführung des Stückes wird am 4. Juli am Thalia Theater zu sehen sein. Die Premiere ist für September geplant.

Hamburger Thalia Theater probt für "Die Jakobsbücher"

"Die Jakobsbücher" ist das wichtigste Werk der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Regisseurin Ewelina Marciniak will es am Thalia Theater inszenieren.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Thalia Theater - Große Haus am Alstertor
Alstertor
20095 Hamburg
Preis:
11,00 - 48,00
Kartenverkauf:
theaterkasse@thalia-theater.de
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 01.07.2021 | 09:20 Uhr

Das Hamburger Thalia Theater von außen © Thalia Theater

Kulturpartner: Thalia Theater

Der gesellschaftspolitisch ausgerichtete Spielplan des Thalia Theaters vereint Uraufführungen, Klassiker und Gastspiele sowie internationale Projekte und Festivals. extern

Olga Tokarczuk: "Die grünen Kinder"  (Cover) © Kampa Verlag

"Die grünen Kinder": Bizarre Geschichten von Olga Tokarczuk

Für ihren Erzählungsband "Die grünen Kinder" hat sich Olga Tokarczuk ein neues Genre überlegt: "Bizarre Geschichten". mehr

Premiere von "Mittagsstunde": Blick auf eine Line-Dance Gruppe - mit Hut und Westernstiefeln. © Peter Bruns Foto: Peter Bruns

"Mittagsstunde": Kunstvolle Erzählung vom Leben und Verschwinden

Am Samstagabend hat das Stück nach dem Bestseller von Dörte Hansen am Hamburger Thalia Theater Premiere gefeiert. mehr