Eine Frau mit Mund- und Nasenschutz schlägt ihre Hände vors Gesicht. © picture alliance / BSIP | IMAGE POINT FR / LPN

Corona-Studie: "Die Menschen haben diese Krisenrhetorik satt"

Stand: 15.11.2021 16:13 Uhr

Für eine neue Diakonie-Studie wurden in drei Befragungswellen 50 Menschen in Deutschland zu ihrem Lebensgefühl in der Corona-Pandemie ein Jahr lang begleitet. Ein Gespräch mit dem Leiter der Studie, Daniel Hörsch.

Eine Frau mit Mund- und Nasenschutz schlägt ihre Hände vors Gesicht. © picture alliance / BSIP | IMAGE POINT FR / LPN
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Herr Hörsch, wie unterschiedlich nehmen wir alle dieselbe Corona-Pandemie wahr?

Daniel Hörsch: Auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Was sich wie ein roter Faden durch die ganzen Befragungen, die wir gemacht haben, gezogen hat, sind Zweifel und Sorge, aber jeweils unterschiedlich farblich angestrichen. Am Anfang war es bei vielen Ungläubigkeit: Was? Ein Virus aus China? Zwischenzeitlich ist dieser Zweifel ins Unverständnis über politische Maßnahmen oder über die politische Kurzsichtigkeit gewechselt. Die einen gehen damit relativ geschmeidig um, und die anderen leiden regelrecht, weil es ihren Lebensalltag nachhaltig betrifft.

Sie haben acht verschiedene Typen definiert. Wie sind diese Menschen in ihrem Leben, in ihrem Alltag mit diesen Zumutungen der Pandemie umgegangen?

Hörsch: Ganz unterschiedlich. Wir haben zum Beispiel den Typ der Erschöpften. Diese Menschen empfinden Herausforderungen im Leben eher immer als Last - so auch in der Krise, die als Dauerbelastung empfunden wird. Wir haben aber auch den Zuversichtlichen, der Herausforderungen eher als Kairos empfindet und entsprechend mit großer Zuversicht da herangeht - um mal zwei Beispiele zu nennen.

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Haben Sie auch Anzeichen, womöglich sogar Erklärungen für dieses manchmal etwas unverständliche Phänomen der Verweigerungshaltung gefunden?

Hörsch: Das sehen wir in allen drei Wellen der Befragungen, diesen Zweifel, der sich im Querdenkertum, bei den Verschwörungstheoretikern oder in der Impfskepsis niederschlägt. Es ist in der politischen Kommunikation nicht gelungen, dass die klare Botschaft gesetzt worden ist, dass der einzige Ausweg aus der Pandemie die Herdenimmunität ist. Herdenimmunität heißt, dass 85 bis 90 Prozent der Menschen geimpft oder genesen sein müssen.

Lässt sich aus den Ergebnissen Ihrer Studie ein Weg weisen, wie wir mit den Erkenntnissen umgehen sollten?

Hörsch: Ich glaube, dass ein Dreiklang sehr hilfreich sein kann: besonnen, klar und beherzt. Die Menschen haben diese widersprüchlichen Informationen, diese Krisenrhetorik, die an Kriegszeiten erinnert, satt. Die wenigsten in unseren Befragungen sprechen von "Corona-Krise", sondern nur von "Corona" oder von "Virus", also eher nüchtern. Diese Krisenrhetorik, die wir streckenweise erleben, ermüdet und sorgt dafür, dass die Menschen abschalten. Deswegen: ein klarer Plan mit einer Perspektive, besonnen und weniger hysterisch und alarmistisch, und das Ganze beherzt. Die Pandemie, hat die Bundeskanzlerin gesagt, sei eine demokratische Zumutung. Sie ist aber für die Menschen zwischenzeitlich eine Zumutung aufgrund der Erosion politischer Plausibilität.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.11.2021 | 18:00 Uhr