Stand: 14.03.2020 09:42 Uhr

Coronavirus: "Schulschließungen werden nicht ausreichen"

In großen Teilen Norddeutschlands bleiben Schulen und Kitas geschlossen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger fordert im Interview weitere Maßnahmen.

Herr Meidinger, wenn Schulen und Kindergärten geschlossen bleiben, ist das für viele Eltern, die arbeiten, eine große Herausforderung. Was raten Sie diesen Eltern?

Heinz-Peter Meidinger © imago
Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Heinz-Peter Meidinger: Es ist schwer, einen generellen Rat zu geben. In Bayern wird eine Notbetreuung nur für alleinerziehende Eltern aufrechterhalten, die systemrelevante Berufe haben: Dazu gehören Feuerwehrleute, Ärzte, Polizisten und Krankenpfleger. Ansonsten muss sich wohl jede Familie selbst darum kümmern. Vielleicht gibt es kulante Arbeitgeber, die erlauben den Urlaub vorzuziehen oder Homeoffice zu machen. Die schlechteste Lösung wäre, wenn man die Großeltern heranzieht, weil das die am meisten gefährdete Risikogruppe ist.

Aber ist es nicht auch kontraproduktiv, wenn man eine Notfallbetreuung anbietet oder wenn sich Familien privat zusammenschließen? Dann hätte man die Schulen doch auch gleich geöffnet lassen können.

Meidinger: Es ist tatsächlich eine Risikoabwägung. Wenn große Betreuungsgruppen entstehen, dann ist das in der Tat weiterhin ein Risikofaktor. Man muss bestimmte Nachteile durchaus in Kauf nehmen. Wir haben als Lehrerverband immer gesagt, dass Schulschließungen nicht als isolierte Maßnahme allein gesehen werden dürfen. Es ist nicht sinnvoll, nur Großveranstaltungen abzusagen und Schulen zu schließen, bloß, weil man es schnell entscheiden kann, bei anderen Infektionskanälen aber nichts zu tun - Stichwort: Personennahverkehr.

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Fordern Sie diese Maßnahmen von der Bundesregierung - entweder ganz oder gar nicht?

Meidinger: Ich habe große Probleme damit, dass in den Bundesländern uneinheitlich gehandelt wird. Wenn die medizinische Lageeinschätzung so ist, dass Schulschließungen jetzt angesagt sind, dann kann das nicht an irgendeiner Landesgrenze in Deutschland haltmachen. Das ist eine große Bewährungsprobe des Föderalismus, zu einer einheitlichen Lösung zu kommen. Wenn der dazu nicht in der Lage ist, ist die Bundesregierung gefordert.

Supermärkte, Bibliotheken und Unternehmen laufen nach wie vor weiter. Ist das für Sie als Präsident des Deutschen Lehrerverbandes frustrierend, dass Sie jetzt handeln müssen, aber das tägliche Leben einfach weitergeht?

Meidinger: Frustrierend würde ich nicht sagen. Aber natürlich hinterfragt man dann: Wenn tatsächlich die Gefahr so groß ist, dass Schulschließungen notwendig sind, warum werden dann nicht gleichzeitig - wie in anderen Ländern auch - weiterreichende Maßnahmen getroffen? Natürlich wird es dann die Wirtschaft umso härter treffen. Auf der anderen Seite ist das oberste Ziel eine Abflachung der Zahl der Neuinfektionen. Das alleine den Schulen aufzuhalsen und ein paar Großveranstaltungen abzusagen, das wird wohl nicht ausreichen.

Sie selbst sind Direktor eines Gymnasiums in Bayern und haben viel mit Abiturienten zu tun. Was passiert denn mit den Schülern, die im Sommer ihr Abi machen möchten?

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Meidinger: Das ist tatsächlich unser größtes Sorgenkind: die Kinder und Jugendlichen, die Abschlussprüfungen machen. Es geht ja nicht nur ums Abi, sondern auch um den mittleren Bildungsabschluss. Selbst wenn die jetzigen Schulschließungen so begrenzt sind, dass die eigentlichen Abiturprüfungen noch nicht betroffen sind, geht es ja um die heiße Phase der Abiturvorbereitung. Da erwarten wir in den verschiedenen Bundesländern ganz schnell entscheidende Informationen - die bisher in keinem Bundesland vorliegen.

Was passiert, wenn die Schulen auch nach Ostern geschlossen bleiben müssen? Wird der Unterricht dann zum Beispiel digital stattfinden müssen?

Meidinger: Leider haben wir eine sehr kurze Vorlaufphase in den Ländern, die jetzt die Schulen schließen. Den Lehrern blieb also wenig Zeit, mit den Schülern zu vereinbaren, wie sie weiter in Kontakt bleiben. Es gibt Bundesländer mit Lernplattformen - die allerdings wahrscheinlich diesen Massenansturm nicht verkraften werden. Da sind die Schulen unterschiedlich gut aufgestellt. Es gibt Schulen, die sind digital gut ausgestattet, mit WLAN und entsprechender IT-Struktur - und es gibt Schulen, die da erst am Anfang stehen. Da wird man wohl nicht auf traditionelle Mittel wie Schulbücher verzichten können.

Was passiert, wenn diese Phase noch weiter fortgesetzt wird? Das mag ich mir gar nicht vorstellen. Das würde dann die Frage aufwerfen, ob das Schuljahr insgesamt überhaupt gewertet werden kann, ordentlich zu Ende geführt werden kann. Ich glaube nicht, dass man die Maßnahme Schulschließungen beliebig verlängern kann. Ich glaube allerdings auch nicht, dass man nach den Schulschließungen zum ganz normalen Schul- und Gesellschaftsbetrieb zurückkehren kann. Sondern es wird weiterhin deutliche Einschränkungen geben, was Schulveranstaltungen oder Schulfahrten betrifft.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.03.2020 | 19:00 Uhr