Stand: 02.04.2020 18:14 Uhr  - NDR Kultur

"Wir bereiten verschiedene Szenarien vor"

Nachdem die Leitung der Bayreuther Festspiele am Dienstag die Absage der diesjährigen Festspiele verkündet hat, wird gespannt auf die Festivals im Norden geblickt: Folgen sie dem Bayreuther Beispiel? Christian Kuhnt ist Intendant eines der traditionsreichsten Musikfestivals, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, das in diesem Jahr in die 35. Runde gehen soll.

Das SHMF soll schon am 4. Juli losgehen, drei Wochen bevor die Bayreuther Festspiele begonnen hätten. Ende März war ihre Haltung noch ziemlich optimistisch. Wie sieht Ihre Planung denn heute aus?

Christian Kuhnt © dpa Foto: Carsten Rehder
Der Musikmanager und Musikwissenschaftler Christian Kuhnt ist seit Oktober 2013 Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals.

Christian Kuhnt: Ende März ist noch nicht lange her und gelassen ist in der jetzigen Situation ohnehin niemand. Gelassenheit ist nicht mein Gemütszustand. Optimistisch bin ich, dass die Situation sich relativ schnell entschärft, aber das ist ein gewisser Zweck-Optimismus. Die Situation in Bayreuth ist mit der Situation von Festivals wie unserem nicht vergleichbar, denn es handelt sich in Bayreuth um ein Opernfestival. Das heißt, da müssen Kostüme genäht und Bühnenbilder gebaut werden; da muss weit im Voraus szenisch geprobt werden. Das ist bei Konzertfestivals wie unserem etwas anderes.

Das Programm des SHMF umfasst über 200 Konzerte an mehr als 70 Spielstätten in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Dänemark; auch zahlreiche internationale Solokünstler und Ensembles. Sind alle Beteiligte noch entspannt? Oder gibt es Druck oder gar Absagen von der Gegenseite?

Kuhnt: Nein, von Seiten der Künstler haben wir noch keine Absagen erhalten. Im Gegenteil: Die Künstler sind aktuell mit ihrer Situation beschäftigt und hoffen sehr, dass diese sich bis zum Sommer entspannt hat. Denn da geht es um nichts weniger als die Existenzen. Viele der Künstler sind freiberuflich tätig und stehen schon seit vier Wochen ohne Einkommen da. Die mögen sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn sich das bis in den Sommer oder sogar darüber hinaus zieht.

Würde denen nicht eine gewisse Planungssicherheit helfen? Dann könnten sie sich auf den schlimmsten Fall vorbereiten. Wenn es sie kurzfristig trifft, ist das nicht einfach.

Kuhnt: Wir sind im engen Austausch mit unseren Künstlern. Die Kurzfristigkeit der jetzigen Situation hat viele auf dem falschen Fuß erwischt. Gleichzeitig hat jeder größtes Verständnis für diese Ausnahmesituation. Ich werde in den letzten Tagen häufig gefragt, wie denn meine Haltung gegenüber einer möglichen Absage im Sommer ist. Dann kann ich nur sagen: Wir sind keine Virologen. Wir sind nicht die Experten. Wenn im Sommer die Empfehlung ist, ein Festival nicht stattfinden zu lassen, dann sicher aus gutem Grund. Da geht die Gesundheit der Menschen natürlich vor. Aber so weit ist es noch nicht.

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Alle sind gut beraten, in einer solchen Ausnahmesituation nichts zu überstürzen. Und das haben die Bayreuther Festspiele mit Sicherheit nicht getan, sondern die haben das klug abgewogen. Jetzt schauen wir erst mal bis Ostern. Wir verfolgen die Entwicklung sehr aufmerksam und sind auch im Kontakt mit der Landesregierung. Aber die Zeit für Entscheidungen ist noch nicht reif, weil niemand in die Zukunft schauen kann.

Das heißt eine konkrete Frist haben Sie sich nicht gesetzt? Sie sagen: erst mal bis Ostern und dann schauen wir weiter?

Kuhnt: Genau. Die Fristen sind bei uns auch nicht so streng zu handhaben, weil sie nicht so einen langen Vorlauf haben. Ich bin auch im Austausch mit unseren Kollegen. Wir beobachten auch, was international passiert. Da gibt es eine ganze Reihe von Festivals, die wie wir Ende Juli starten, oder sogar etwas früher. Es herrscht im Moment Einigkeit, dass wir gezwungen sind abzuwarten. Das bezieht die Festivals in Deutschland, aber auch die internationalen mit ein.

Sie haben gesagt, dass die Künstler Verständnis zeigen. Bekommen sie auch Feedback vom Publikum? Wie sieht das mit dem Vorverkauf aus - riskiert überhaupt noch jemand, Karten zu kaufen?

Kuhnt: Das Schöne ist: Das Kaufen von Eintrittskarten ist so risikolos wie das Hören von Radiosendern. Es gibt kein Risiko. Natürlich ist bei einer Absage das Festival dazu gezwungen, die Eintrittskarten zurückzunehmen und die Preise zu erstatten. Das ist eine selbstverständliche Pflicht. Aber darüber denkt weder unser Publikum noch wir im Moment nach. Das wird bei einer Entscheidung in die Wege geleitet.

Das Schleswig-Holstein Musik Festival hat das große Glück, dass wir innerhalb der ersten zwei bis drei Wochen schon einen Großteil unserer Karten verkaufen. Unser Pressekonferenz war im Februar und dann begann auch der Sturm auf die Karten. Jetzt wartet unser Publikum ab was passiert, genau wie wir. Wir sind im Austausch, informieren unser Publikum und sagen ganz ehrlich, was ist: Wir wissen nicht, ob das Sommerfestival stattfinden kann oder nicht. Und entsprechend gehen wir mit der Situation um.

Viele Kulturveranstalter überlegen sich einen Plan B, zum Beispiel wie sie ihre Veranstaltungen ins Netz verlegen können. Denken Sie über Alternativen nach, wie man zum Beispiel ein digitales Festival stattfinden lassen könnte?

Kuhnt: Ja. Auf der einen Seite ist so ein Ereignis wie das Schleswig-Holstein Musik Festival an diesen vielen, vielen sehr unterschiedlichen Orten gar nicht digital abbildbar. Aber wenn es zu einer Komplettabsage kommen würde, dann wären wir vorbereitet, auch ein Angebot zu unterbreiten, das ist selbstverständlich. Wir reden häufig davon, dass Kultur, auch die Musik, mehr ist als ein Luxusgut: sie sind ein Lebensmittel. Wir brauchen Musik. Wir brauchen aber auch das Zusammenkommen. Wir werden für diesen Fall etwas anbieten. Es ist nicht so, dass wir hier sitzen und aus dem Fenster schauen und darauf warten, dass wir einen Anruf bekommen, ob wir nun das Festival veranstalten können oder nicht. Wir bereiten verschiedene Szenarien vor. Aber die Hoffnung ist, dass die Pläne B, C oder D alle in der Schublade bleiben können.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.04.2020 | 19:00 Uhr

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