Stand: 26.03.2020 12:52 Uhr  - NDR Kultur

Corona: Die Wirkung von Sprache in Krisenzeiten

Die Corona-Pandemie verändert nicht nur unser Leben an sich, sondern auch unsere Sprache. Wir sind jetzt im "Krieg gegen die Viren" und sollen uns "sozial distanzieren". Die Literaturwissenschaftlerin Regula Venske setzt sich in dieser Zeit dafür ein, dass wir trotz Krise unsere Worte mit Bedacht wählen.

Frau Venske, welcher "Corona-Begriff" stört Sie persönlich am meisten?

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Die in Minden geborene Schriftstellerin Regula Venske ist Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland.

Regula Venske: In dieser Zeit stört uns ganz besonders der Begriff "soziale Distanz". Das kommt aus dem Englischen "social distancing" und dieser Begriff ist sehr missverständlich. Er gehört auf die Goldwaage gelegt und nicht mehr benutzt. Das ist unser Appell, besonders an die Journalistinnen und Journalisten. Aber auch an die Menschen in der Politik. Im Englischen mag "social distancing" funktionieren, weil "social" die Bedeutung von gesellig hat. Man denke auch an Facebook als soziales Medium.

Während wir im Deutschen mit dem Wort "sozial" einen sehr aufgeladenen Begriff haben. Wenn wir an unsere Parteien denken, von der Sozialdemokratie bis zur Christlich-Sozialen Union, die Soziale Marktwirtschaft - da ist "sozial" immer assoziiert mit gesellschaftlicher Solidarität, mit Verantwortung, mit Fürsorge und Gemeinsinn. Wenn wir jetzt von "sozialer Distanz" sprechen, dann könnte das ein ganz falsches Signal geben. Es könnte Menschen, die sich sowieso schon an der Einkommensgrenze befinden oder die sich abgehängt fühlen und jetzt große Ängste haben, in diesem Gefühl der Mutlosigkeit oder der Panik bestärken. Statt "sozialer Distanz" sollten wir eher "physische" oder "räumliche Distanz" sagen, oder "körperlicher Abstand". Es gibt schlichte deutsche Worte, die jetzt viel passender sind.

Es gibt bestimmt Leute, die sich fragen, wieso Sie sich in dieser Zeit mit der Sprache beschäftigen, wo wir doch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben, oder?

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Venske: Natürlich. Es geht für einen Mediziner oder Pfleger im Krankenhaus darum, Leben zu retten und Menschen zu helfen - das ist richtig. Aber Sprache darf man nicht unterschätzen. Sprache prägt unser Denken und unser Verhalten. Wie wir aus dieser Krise herauskommen, ob wir als Gesellschaft dazu lernen, ob wir als Menschen die Erfahrung machen, dass wir füreinander da sind und zusammenhalten - das wird sich zeigen. Dafür ist die Sprache auch ganz wichtig. Wir müssen Worte wählen und überlegen, wen wir damit einschließen und wen wir ausschließen.

Die aktuelle Wortwahl wird von Politik und Medien mitgeprägt. Das ist zwar logisch, aber ist es auch sinnig, dass unsere Sprache in einer Krise, wie wir sie jetzt erleben, von diesen Institutionen "neu erfunden" wird?

Venske: Das ist das Problem. Das Wort "sozial" kommt auch in Fachsprachen vor, und jeder benutzt es in seinem fachsprachlichen Sinn. Und dann fließt es in die Alltagssprache ein, kann da aber auch zu Missverständnissen führen oder sogar Schaden anrichten, weil Menschen es nicht ganz genau begreifen. Die Linguisten sprechen von einem falschen Freund, wenn Worte in verschiedenen Sprachen gleich klingen, die gleiche Wurzel haben, aber doch verschiedene Bedeutungen haben. Das mögen Nuancen sein. "Sozial" hat im Deutschen verschiedene Bedeutungen. Aber vor allen Dingen assoziieren wird damit Fürsorge und Gemeinsinn.

Besonders prägend ist die Sprache des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Er spricht vom Kampf gegen den "unsichtbaren Feind". Macron benutzte in einer Fernsehansprache letzte Woche das Wort "Krieg" gleich sechs Mal. Was macht eine Kriegsrhetorik wie diese mit den Menschen?

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Venske: Auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen, war unbedingt nötig, weil es eine Weile gedauert hat, bis es in vielen Köpfen angekommen ist. Das kann jeder in seinem eigenen Umfeld beobachten. Aber die Metapher vom Krieg finde ich wirklich schwierig. Noch schlimmer fand ich eine spanische Ärztin, die sogar vom "Krieg der Generationen" gesprochen hat, was nicht stimmt. Es sterben auch junge Menschen an Corona. Das spaltet die Gesellschaft nur weiter und das ist problematisch.

Während ich das Wort "Krise" gar nicht problematisch finde. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet "unterscheiden". In der Krise unterscheidet sich, wie es weitergeht, ob hin zum Leben oder zum Tod. Man sieht, wer Substanz hat und wer nicht. Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft eine ist, die auch in der Solidarität Substanz hat.

Angela Merkel hat in ihrer Fernsehansprache das Wort "Ausgangssperre" bewusst gemieden. Markus Söder dagegen hat schon früh von "Ausgangssperre" gesprochen. Was sagt die Wortwahl über den Menschen aus, der sie benutzt?

Venske: Frau Merkel hat eine sehr kluge Wortwahl getroffen, weil sie damit den Menschen deutlich gemacht hat, dass es keine totale Sperre gibt, wo der erschossen wird, der nach 18 Uhr noch auf die Straße geht. Ich bin zu Fuß ins Funkhaus gegangen, an der Alster entlang, durch die Sonne, immer mit Abstand zu allen Menschen, die mir entgegenkamen. Trotz dieser Situation mit dem körperlichen Abstand merkt man, wie man sich mit wildfremden Menschen viel freundlicher in die Augen guckt oder einander zulächelt, als das sonst der Fall ist. Gerade in dieser Krise zeigen sich schon viele kreative Bewegungen in unserer Gesellschaft: zum Beispiel abends um 18 Uhr die "Ode an die Freude" singen oder um 20 Uhr auf dem Balkon Rilkes Gedicht "Der Panther" zitieren. Die Menschen lassen sich ganz viel einfallen und fühlen sich miteinander verbunden.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Regula Venske © picture alliance / dpa

Die Wirkung von Sprache in Krisenzeiten

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Ein Gespräch mit Regula Venske

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.03.2020 | 19:00 Uhr

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