Stand: 08.10.2018 08:21 Uhr

"Chor des Hasses": Erschütternd und kaum erträglich

Morddrohungen, Beleidigungen, Schimpfwörter - Hass-Mails an Politiker sind zunehmend Teil der öffentlichen Auseinandersetzung. Die Politiker Ursula von der Leyen, Heiko Maas, Cem Özdemir und der bei einem Messerangriff verletzte Bürgermeister der Stadt Altena, Andreas Hollstein, haben ihre Hass-Post jetzt für ein Bühnenprojekt des Hamburger Theaters Kampnagel zur Verfügung gestellt. Beim "Chor des Hasses" haben die Schauspieler Claudia Michelsen, Robert Stadlober, Iris Berben, und Dietmar Bär im Rahmen des Theaterfestivals am Sonntagabend daraus vorgelesen. Im Anschluss diskutierte "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit den betroffenen Politikern.

Iris Berben, Claudia Michelsen, Dietmar Bär und Robert Stadlober sitzen an einem schlichten Holztisch. Auf einer großen Leinwand werden hinter ihnen einzelne dieser Beschimpfungen eingeblendet. Am Ende wird sie voll sein mit Worten, die keiner lesen möchte. Die Gesichter der Politiker, an die sie gerichtet sind, sind nicht zu erkennen: Sie sitzen in der ersten Reihe, mit dem Rücken zum Publikum - noch.

"Ich hab' mir früher mehr davon angeschaut", erklärt eine dann doch ziemlich gefasste Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen auf dem Podium. "So geballt wie heute Abend habe ich das noch nie gehört und das lässt einem schon den Atem stocken."

Heiko Maas: "Das ist so abartig, so krank"

Sie liest diese Mails in Auszügen immer noch, Außenminister Heiko Maas hingegen lehnt das ab. Er hatte das Vorgetragene bis zur Lesung noch nie gehört: "Das, was ich bisher gesehen habe, ist so abartig, so krank, dass ich das einfach nicht ernst nehmen kann. Ich weiß auch nicht, ob das nur ein Schutzmechanismus ist, der sich einfach so natürlich ergeben hat, und insofern: Ich nehm' das auch nicht mit nach Hause."

Ursula von der Leyen: Zivilgesellschaft gefordert

Einig waren sich alle vier Politiker jedoch darin, dass die Beschimpfungen zugenommen haben, die Wortwahl immer drastischer wird, keine Grenzen mehr zu existieren scheinen. Cem Özdemir versucht, wann immer es möglich ist, Anzeige zu erstatten. Der Rechtsstaat müsse hier konsequent vorgehen, fordert er und ist sich einig mit Heiko Maas, der meint: "Ich bin fest davon überzeugt, erst kommen die Worte und dann kommen die Taten, und das halte ich für das eigentliche Problem, mit dem wir es hier zu tun haben."

Deshalb sei die Zivilgesellschaft gefordert. Unisono riefen die Politiker auf dem Podium dazu auf, Haltung zu zeigen, wohl wissend, dass die, von denen sie Hass-Post bekommen, nur schwer zu erreichen sind. So meint Ursula von der Leyen: "Wir sind gefragt dagegen aufzustehen. Wir sind gefragt, dagegen unsere eigene Sprache zu entwickeln."

Weitere Informationen

Giovanni di Lorenzo über den "Chor des Hasses"

In Hamburg werden Hassmails an Ursula von der Leyen, Heiko Maas, Cem Özdemir und Andreas Hollstein vorgetragen. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zu den Hintergründen. mehr

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.10.2018 | 07:20 Uhr

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