Das Festival-Palais in Cannes © picture alliance / abaca Foto: Urman Lionel

Cannes: "Filmfestspiele können aus dem Vollen schöpfen"

Stand: 06.07.2021 19:14 Uhr

Im vergangenen Jahr musste das Festival von Cannes wegen der Pandemie ausfallen, in diesem Jahr wurde es in den Juli verschoben. Die Filmkritikerin Katja Nicodemus blickt voraus auf das Großereignis an der Côte d’Azur.

Das Festival-Palais in Cannes © picture alliance / abaca Foto: Urman Lionel
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Frau Nicodemus, wie fühlt sich Cannes im Hochsommer an?

Katja Nicodemus: Sehr heiß. Aber jenseits der Hitze ist es der übliche Festival-Trubel. Es gibt in diesem Jahr wegen der Quarantäne fast keine Amerikaner und Asiaten - das macht die Zusammensetzung ein bisschen monotoner. Es liegt eine Stimmung in der Luft wie nach einem Schock, aber es gibt auch eine enorme Vorfreude auf die Leinwand.

Der künstlerische Leiter Thierry Frémaux hat die Rückkehr des Kinos angekündigt. Wie meint er das, eher komeriziell oder künstlerisch?

Nicodemus: Ich fand das seltsam von ihm, weil das Kino ja nie weg war. Aber natürlich weiß man, was er meint. Cannes als Veranstaltung ist nach wie vor der wichtigste Motor für das Kino, künstlerisch wie kommerziell. Es war schon ein großes internationales Aufatmen zu vernehmen, als im Frühjahr feststand, dass Cannes stattfinden würde. Es gibt in Cannes im riesigen Untergeschoss des Festival-Palais den größten Filmmarkt der Welt. Der findet auch in diesem Jahr zehn Tage lang physisch statt, danach weiter online. Und allein die Bedeutung dieses Marktes für das weltweite Bilder-Business kann man gar nicht unterschätzen: Da werden Filmrechte verkauft, da wird mit Drehbuch-Optionen gehandelt, all die Serien, die wir sehen, werden da als Optionen verkauft. Das alles kommt zu der Bedeutung von Cannes als Filmkunstort noch hinzu, auch die Medialisierung durch Social Media. Man kann mit dem großen Autorenkino aus dem Vollen schöpfen, aber Frémaux hat in diesem Jahr auch "Fast & Furious 9" für eine Freiluftaufführung eingekauft - wahrscheinlich weil er sagen will: Wir wollen das ganze Kino, in allen Tonlagen, in allen Formaten, in allen Lautstärken.

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Nun musste Cannes im vergangenen Jahr ausfallen. Dementsprechend ist es in diesem Jahr vollgepackt mit renommierten Filmemacherinnen und Filmemachern. Haben die Filme jetzt ein Jahr lang darauf gewartet, endlich in Cannes gezeigt werden?

Nicodemus: Zum großen Teil. Auch der Jury-Präsident Spike Lee hat sich für Cannes aufgehoben. Er hat schon im vergangenen Jahr zugesagt und kommt eben jetzt im Juli hierher. Einige Filme haben sich wirklich geblockt, die wollten einfach nicht online laufen: "The French Dispatch", der neue Film von Wes Anderson zum Beispiel, oder Paul Verhoevens "Benedetta" mit Charlotte Rampling. Und auch einige der französischen Wettbewerbsfilme, denn gerade die Franzosen sind Cannes treu geblieben. Fast alle diese Filme waren im letzten Jahr schon fertig, und Frankreich ist ja eine Kino-Nation.

Lassen sich Themen und Tendenzen erkennen, wenn man auf das Gesamtprogramm guckt?

Nicodemus: Cannes versucht, rund um das Programm an die Debatten und Themen der Zeit anzuknüpfen, für die es sich nie so wirklich interessiert hat. Frauenquote zum Beispiel: Auf einmal sind bei neun Jurymitgliedern fünf Frauen dabei. Und immerhin wurden vier von 24 Wettbewerbsfilmen von Frauen gedreht. Das klingt nicht viel, ist für Cannes aber eine Sensation. Es gibt plötzlich eine Reihe, die "Kino für das Klima" heißt. Es sind zwar nur sieben Filme, aber egal, da macht man auch bei der Klimadebatte mit. Und ansonsten kann Cannes in diesem Jahr mit seinem Wettbewerb aus dem Vollen schöpfen. Es sind strahlenden Namen des internationalen Autorenkinos dabei: Sean Penn, Paul Verhoeven, der iranische Oscar-Preisträger Asghar Farhadi oder François Ozon. In Cannes können sie sich in diesem Jahr die prachtvollsten Juwelen aus der Vitrine holen - da braucht man keine Themen.

Gibt es einen Film, auf den wir uns am meisten freuen dürfen?

Nicodemus: Ich habe gar keinen Favoriten. Aber auf einen Film freue ich mich ganz besonders: den neuen Film von Wes Anderson. Er macht ja so ein zärtliches, schräges, versponnenes Kino, und sein neuer Film "The French Dispatch" ist wieder sehr starbesetzt: mit Frances McDormand, Bill Murray, Tilda Swinton, Owen Wilson, Anjelica Huston, Willem Dafoe, Léa Seydoux und Adrian Brody. Man weiß, dass er all diese Stars in sein Universum überführen wird, und so einen Film auf der Leinwand zu sehen, darauf freue ich mich in diesem Jahr.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.07.2021 | 18:00 Uhr