Ein UK-Pass liegt auf einem Koffer mit Großbritannien-Flagge © Zoonar | Maksym Yemelyanov Foto: Maksym Yemelyanov

Brexit: Erschwerte Auftrittsbedingungen für britische Künstler

Stand: 17.11.2021 11:31 Uhr

Der Brexit sorgt für viel Verunsicherung, wenn englische Künstler in Deutschland arbeiten wollen. Momentan können britische Künstler für maximal 90 Tage im Jahr ohne Visum in Deutschland arbeiten.

von Kerry Rügemer

"Das größte Problem ist die Ungewissheit, die Unklarheit darüber, was jetzt eigentlich gilt, beziehungsweise gelten wird. Die Brexitverhandlungen, was den Kultursektor angeht, sind alles andere als abgeschlossen", sagt Justus Wille, Chef der von ihm gegründeten Künstlervermittlungsagentur fast forward classical. Wille hat vorher schon lange Jahre für die Konzertdirektion Dr. Goette gearbeitet und kennt sich in dem Geschäft aus.

Höhere Sozialabgaben und teurere Krankenversicherung

Seit England nicht mehr zur EU gehört, müssen Künstlerinnen und Künstler ein Visum für Deutschland beantragen - zumindest, wenn sie hier ein längeres Engagement haben. "Dafür braucht man dann wiederum eine Einladung vom Veranstalter, ein Sponsorship und so weiter", erklärt Wille. "Dann wird es kompliziert und teuer. Das war vorher nicht der Fall."

Paul Glaser vom English Theatre castet für seine Produktionen englische Schauspieler, die dann hier für eine Produktion arbeiten. Sie verdienen nach dem Brexit wegen zusätzlich zu entrichtender Sozialabgaben und Krankenversicherungen weniger, so Glaser: "Höhere Kosten kommen vor allem dadurch, dass die Versicherungszusammenarbeit innerhalb der EU UK nicht mit einbezieht. Daher müssen wir ein paar mehr Abzüge von dem Bruttogehalt des Schauspielers machen."

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Komplizierter Instrumenten-Transport

Richtig kompliziert und teuer wird es, wenn ein ganzes Orchester aus England in der EU auf Tournee gehen möchte, denn: Deren Instrumente werden in einem extra mitfahrenden Bus transportiert, erklärt Justus Wille: "Üblicherweise würde ein Orchester diese Instrumente in einen Bus packen, und ein Busfahrer oder eine Busfahrerin würde diesen Truck beispielsweise über Frankreich nach Deutschland fahren."

Um Dumpinglöhne für außerhalb der EU gebuchte Busfahrerinnen und -fahrer zu vermeiden, gibt es strenge arbeitsrechtliche Vorschriften. Chris Millard ist der Sprecher des London Symphonic Orchestras und erzählt, zu welchen Hürden der Brexit hierbei geführt hat: "Wir können innerhalb einer Woche nur noch zu drei Veranstaltungsorten in zwei Ländern fahren. Danach müssen wir einen neuen Bustransport buchen."

Entweder muss der eigene Transporter zurück nach England fahren und dann neu starten, also wieder zurückkommen, oder es muss ein anderes Busunternehmen im jeweiligen Gastland gebucht werden. Somit soll gewährleistet werden, dass die Fahrerinnen und Fahrer den in der EU festgelegten Mindestlohn verdienen. "Unsere eigenen Fahrer sind natürlich im Umgang mit den wertvollen Instrumenten geschult. Buchen wir ein anderes Unternehmen, müssen die erstmal eingearbeitet werden. Das braucht Zeit, und Zeit bedeutet Geld!"

Mehr Bürokratie für Künstler und Veranstalter

Teurer, komplizierter, aufwendiger - unterm Strich bedeutet der Brexit für Künstlerinnen und Künstler aus England, aber auch für Konzertveranstalter in der EU, deutlich mehr Bürokratie und höhere Ausgaben. Justus Wille befürchtet, dass dies Auswirkungen haben könnte: "Je nachdem, wie kompliziert das auf Dauer werden wird, wird es sich entscheiden, ob alle Veranstalter den englischen Orchestern treu bleiben oder ob sich Veranstalter irgendwann abwenden und lieber ein sehr gutes französisches Orchester einladen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 17.11.2021 | 11:20 Uhr