Stand: 20.03.2019 13:28 Uhr

"Bestseller-DNA"? Software untersucht Bücher

von Peter Helling

Gibt es das, eine Art Bestseller-Gen? Also ein Geheimrezept, mit dem sich ein neuer Daniel Kehlmann, eine neue Juli Zeh aus den Massen an neuen Manuskripten herausfiltern lassen? Die Hamburger Gründer Gesa Schöning und Ralf Winkler haben eine Software entwickelt, die Bücher untersucht und eventuelle neue Bestseller aufspürt. Sie nennen sie "Bestseller-DNA". Jetzt präsentieren sie mit ihrem Start-up QualiFiction ihre Erfindung auf der Leipziger Buchmesse.

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Geschäftsführer Ralf Winkler ist beim Start-up QualiFiction für Produkt und Entwicklung zuständig.

Ralf Winkler öffnet die Software. Anhand von Isabel Bogdans Roman "Der Pfau" zeigt er, wie sie funktioniert. Es ist eine witzige Geschichte über ein Teambuilding-Seminar in der schottischen Einöde. Ein wellenförmiges Diagramm erscheint auf dem Bildschirm. "Hier beginnt der Roman, auf der rechten Seite endet er, und entlang der Zeit verhält sich die Stimmung in der Art und Weise", erklärt Winkler.

Wenn die Wellen nach oben gehen, hebt sich die Stimmung, nach unten hin wird sie düster. Im Fall des Romans "Der Pfau" entsteht ein regelmäßiges Bild. Die Autorin verstehe es durchaus, den Leser auf eine Problemreise mitzunehmen, so der Softwareentwickler.

Getestet werden Faktoren wie der Gebrauch von Fremdwörtern oder die Häufigkeit, mit der die Stimmung wechselt: "Die Autorin Isabel Bogdan erzählt eine Handlung sehr genau aus." Das Ergebnis: 96 Prozent Bestseller-Tauglichkeit. Das ist ein Volltreffer.

Was einen Bestseller ausmacht

Ralf Winkler erklärt, warum das so ist: "Sie scheint sehr viel richtig zu machen hinsichtlich dessen, was dann gut ankommt bei den Lesern. Sie mögen es anscheinend, dass die Sprache verständlich gehalten wurde, sie franst nicht aus, sie hat einen klaren kammerspielartigen Fokus." Und im Mittelpunkt steht ein ungewöhnliches Tier: ein Pfau.

Nur die wenigsten Roman-Manuskripte haben Bestseller-Potenzial. Auf der Buchmesse in Leipzig gibt es nun die Gelegenheit, das zu testen. Dort präsentieren Gesa Schöning und Ralf Winkler ihre Software "Bestseller-DNA". "Jeder, der Lust hat, kann sein Manuskript mitbringen auf einem USB-Stick, und wir testen und analysieren das live", sagt Gesa Schöning. Das gehe innerhalb von 60 Sekunden.

Kennengelernt auf einer Singlebörse

Die beiden erklärten Bücherfans haben sich vor genau zwei Jahren kennengelernt. Getroffen haben sich die Kulturwissenschaftlerin aus einer Lübecker Buchhandelsfamilie und der Mathematiker damals auf einer Singlebörse "für Gründungswillige", erzählt Ralf Winkler. "Ich hatte den Hintergrund Mathematik und Technik und den neuen Bereich 'Data Science' - also aus Daten versuchen, verborgene Strukturen kenntlich zu machen."

Mit diesen Daten haben sie ihre Software trainiert wie ein Kind. Dem mussten sie beibringen, was gute Bücher sind. Satz für Satz haben Testleser Tausende Bestseller aus den vergangenen Jahren eingespeist und nach Stimmung bewertet: düster, humorvoll, dramatisch.

Software bewertet Sätze: heiter, düster, neutral

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Gesa Schöning ist als Geschäftsführerin für den Bereich Management und Sales zuständig.

Wie das funktioniert, erklärt Gesa Schöning: "Wenn wir einen Satz haben: 'Ich ging durch strahlenden Sonnenschein und hatte Schmetterlinge im Bauch', dann wurde das von Lesern mit 'Plus Eins' bewertet, was bedeutet, das ist ein heiterer schöner Satz. Wenn wir einen Satz haben: 'Die Hand der Leiche ragte aus dem Moor und hinter mir ertönte ein gellender Schrei', dann ist das eine 'Minus Eins', wahnsinnig düster. Und ein Satz wie: 'Ich öffnete den Kühlschrank', das ist eine 'Null', das ist neutral."

Die erste Idee zur Software war, sie als Hilfsmittel für Verlage anzubieten. Sie haben das Problem, dass sie Jahr für Jahr Millionen Manuskripte bekommen. Die Software könne handwerkliche Fähigkeiten und Trends herausfiltern. Außerdem helfe es Autoren bei ihrer Arbeit. Das bestätigt auch Marko Dietsch, Geschäftsführer des Leipziger Adakia Verlags: "Als Ergänzung zur Verlagsarbeit finde ich das hervorragend, deswegen nutzen wir es auch gerne. Ich habe erst gestern Abend bei der Vorbereitung der Messe mit einem Autor gesprochen, der war sehr neugierig und freut sich auf das Ergebnis."

Andere Autorinnen und Autoren waren zunächst aber skeptisch, erinnert sich Dietsch: "Da wird ja alles gleichgemacht, kann dieses Programm denn das alles?"

Software ersetzt nicht den Lektor

Die Software konnte sie überzeugen, weil sie ihre Texte sehr genau analysiere und auf handwerkliche Mängel hinweise. Für Dietsch ist die Bestseller-Software ein gutes Tool. Einen Lektor ersetzen, könne es aber nicht: "Wenn wir bei einem Roman wirklich der Überzeugung sind, dass er außergewöhnlich geschrieben ist, obwohl dieses Werk nicht dem Mainstream oder vielleicht gewissen Eckpunkten eines Romans genügt, da würde das Programm vielleicht sagen: 'Na ja, so toll ist es nicht.'"

Die Software misst aber auch Innovationskraft, die liege zum Beispiel beim "Pfau" bei 80 Prozent. Handwerk ist wichtig, das sagen auch die Software-Entwickler, "aber wir sehen durchaus, dass auch ein gewisses Maß an Frechheit, an künstlerischem Regelbruch der Sache zuträglich ist."

Bestseller, die nebeneinander stehen.

Qualifiction: Software sagt Bestseller voraus

Kulturjournal -

Bei Verlagen stapeln sich die Manuskripte. Da den Bestseller herauszufischen ist schwierig. Ein Computerprogramm soll nun Abhilfe schaffen - und das binnen weniger Sekunden.

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NDR Info | Kultur | 21.03.2019 | 06:55 Uhr

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