Stand: 19.09.2019 11:49 Uhr

Dörte Helm: Die übergangene Bauhaus-Künstlerin

von Lenore Lötsch

Der ZDF-Sechsteiler "Die neue Zeit", dessen erste Folge am 15. September ausgestrahlt wurde, stellt das Leben der Bauhaus-Künsterlin Dörte Helm in den Mittelpunkt. Im Jubiläumsjahr erzählen viele Fernsehproduktionen verstärkt die Geschichten der Bauhausfrauen. Denn was in Weimar 1919 begann, war ebenfalls eine emanzipatorische Bewegung, die den Frauen die Tür zur Kunst öffnete. Wie diese weiblichen Bauhausgeschichten 2019 erzählt werden, ist mitunter fragwürdig.

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Dörte Helms (Anna Maria Mühe) künstlerische Leistung wird in "Die neue Zeit" kaum gewürdigt. Stattdessen steht eine vermeintliche Affäre im Mittelpunkt.

Kein Fernsehfilm über das kühle und kühne Bauhaus kommt im Jahr 2019 ohne eine Liebesgeschichte im Vordergrund aus. Und gleich zweimal muss Dörte Helm dafür herhalten: In dem ARD-Film "Lotte am Bauhaus", der im Februar im Ersten lief, war sie die Liebhaberin, die die Ehe von Lotte und Paul gefährdete. Cornelia Heise, die Tochter von Dörte Helm, hatte keinen sehr vergnüglichen Fernsehabend: "Der ARD-Film hat mir überhaupt nicht gefallen. Meine Mutter hatte eine Affäre in Dessau, aber sie ist nie in Dessau gewesen."

"Die neue Zeit": Retuschiert und verdreht?

In der ZDF-Serie "Die neue Zeit" von Lars Kraume wird die Geschichte des Bauhauses anhand eines Liebesverhältnisses zwischen Walter Gropius und seiner Studentin Dörte Helm erzählt. Zweimal war Cornelia Heise in Berlin bei den Dreharbeiten und wurde am Ende gefragt, ob im Filmschnitt die Selbstbildnisse ihrer Mutter retuschiert werden könnten: "Die Hauptrolle spielt Anna Maria Mühe, die ist blond. Meine Mutter war dunkel. Ich sagte nein, die Bilder kann man nicht blond machen."

Cornelia Heise wollte zum Zeitpunkt des Gesprächs noch kein Urteil über die Serie fällen, ohne sie im Ganzen gesehen zu haben. Doch die Bedenken sind da: Geht es wirklich um die Entdeckung der Künstlerin Dörte Helm? Der Frau, die in Rostock aufwuchs, als Tochter eines Altphilologen, die mit Stadtansichten an der Kunstgewerbeschule begann, dann nach Kassel ging und schließlich 1918 nach Weimar?

Sieg und Niederlage am Weimarer Bauhaus

Die Kunsthistorikerin und Leiterin des Ahrenshooper Kunstmuseums Katrin Arrieta ist eine der wenigen Dörte-Helm-Kenner: "Plötzlich war das Bauhaus da mit dieser neuen und umstürzlerischen Philosophie, und sie mittendrin - und merkte dann, dass ihre Begabung da so richtig fruchtbar wurde. Und das muss geradezu rauschhaft gewesen sein."

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Im Nachlass findet sich ein Konvolut an Skizzen, unter anderem die legendären Fünf-Minuten-Akte, die Dörte Helm im Vorkurs von Johannes Itten anfertigte. Schnell stehen ihr die Türen offen und sie ist eine der wenigen Frauen, die das ganze Ausbildungsspektrum durchlaufen: Glasgestaltung, Weberei, Wandmalerei. 1922 legt sie vor der Weimarer Handwerkskammer die Gesellenprüfung als Dekorationsmaler ab. Sie fertigt einen Applikationsvorhang für das Haus Sommerfeld, der allerdings nur noch auf Fotos zu sehen ist. Für die Bauhaus-Ausstellung 1923 entstehen 20 Postkarten - nur eine ist von einer Frau: Nummer 14 von Dörte Helm. Doch ihr rauschhafter Erfolg ist schon ein Jahr später vorbei, wie Katrin Arrieta erzählt: "Wenn sich Studenten in der Öffentlichkeit daneben benommen haben, war das schlecht für die Schule und da muss es irgendwas gegeben haben, wo sie mal über die Stränge geschlagen hat, was dazu geführt hat, dass sie dort rausgeschmissen wurde. Von sich aus ist sie nicht gegangen."

Dörte Helm kehrt zurück nach Rostock

"Weimar war ihre beste Zeit!", sagt auch Dörte Helms Tochter Cornelia Heise. Es war ein schwieriger Weg zurück von Weimar nach Rostock in das konservative Elternhaus, das die Bauhaus-Ideen völlig ablehnte. "Meine Mutter war sehr aufmüpfig und mein Großvater superstreng. Er hat, glaube ich, zwei Jahre nicht mit ihr gesprochen, weil sie nicht so wollte, wie er. Dann hat sie aber wohl klein beigegeben, weil sie zu Hause leben musste."

Dörte Helm versucht nach ihrer Rückkehr an die Küste, die Bauhaus-Ideen auch in Rostock umzusetzen: Sie gestaltet die Wände und Türen des 1928 gebauten Kurhauses in Warnemünde - ihre avantgardistische Farbgebung wird 1933 beseitigt. Ihr Fenster in einem Haus in Ahrenshoop ist mittlerweile ausgebaut und von ihrer Fassung des "Drosselbart", die sie für das Rostocker Stadttheater schuf, existieren noch das Textbuch und die Bühnenbildentwürfe. Hier in der Provinz setzt sie sich nicht durch und verstummt immer mehr. Ihre Selbstbildnisse erzählen vom leisen Verschwinden der Moderne. 1932 geht sie nach Hamburg und stirbt schließlich 1941 mit 42 Jahren.

Dörte Helm: Als Künstlerin übergangen

Noch ist ihr Werk nicht wirklich umfassend aufgearbeitet. Eine Ausstellung über Dörte Helm gibt es im Bauhaus-Jubiläumsjahr nicht, dafür aber mehrere Filme, in denen sie vor allem eines ist: die Geliebte. Katrin Arrieta sagt dazu: "Ich finde es traurig, dass nur dieser eine Aufhänger genommen wird - nämlich die nicht bewiesene Liaison mit Walter Gropius, die eher abwegig ist, glaube ich. Und dass man sich nicht für die Persönlichkeit dieser Künstlerin interessiert und in einer Bindung mit einem Mann mit einem großen Namen überhaupt den Anlass findet, sie aufzunehmen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 08.04.2019 | 09:20 Uhr

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